All-in gegen den Staat

Wie sehr wir den Staat als Glucke respektieren, zeigt die Tendenz, alles zu verbieten, was auch nur annähernd nach Pokerturnieren aussieht.

ChristianHannover bei den FdoG hat dazu schon Treffendes gesagt, insbesondere die Scheinheiligkeit des rheinland-pfälzischen Innenministers entlarvt. Selbstverständlich ist es absurd, dass der Staat bei Privaten die Moralkeule schwingt, sie aber sofort wieder einpackt, wenn es die eigenen Einnahmen betrifft. Die Abscheu des Herrn Bruch vor der privaten Verwendung von Einkommen spricht Bände.

Ich selbst pokere auch ein wenig. Und vielleicht verstoße ich dadurch sogar gegen deutsche Gesetze. Wie rebellisch ich doch bin. Ich sollte mich demnächst nur noch schwarz kleiden.

Aber aus dieser Selbsterfahrung und der Lektüre zahlreicher Bücher kann ich nur sagen: Poker ist selbstverständlich viel weniger Glücksspiel als Lotto. Ok, man kann auch die verschiedenen Varianten unterscheiden, aber gerade das populäre Texas Hold’em ist sehr starkt strategisch geprägt. Natürlich ist es Glückssache, welches Blatt man bekommt, aber es ist eben keine Glückssache, wieviel Geld man damit verdient. Und genau das ist doch eigentlich das Entscheidende, oder? Ok, Poker ist ein Nullsummenspiel, aber Schach ist das auch…

Bei manchen Politikern und ihren Anhängern mag ja vielleicht noch ein wenig Statistik-Unsicherheit eine Rolle spielen. Denn tatsächlich garantiert die Befolgung der Pokerweisheiten nicht den Ausgang des nächsten Cash-Games oder Turniers. Aber sie beeinflusst den Durchschnitt aller Cash-Games oder Turniere, die ein Spieler nach und nach absolviert. Und da kommt es letztlich auf die Rendite an. Wer immer nur negative Renditen erwirtschaftet, ist tatsächlich gut beraten, sich nach was anderem umzusehen. Aber im unternehmerischen Bereich gilt das genau so, und trotzdem darf ich morgen ein Sonnenbankstudio eröffnen…

Das alles habe ich als Schmerzmittel für Etatisten vorweggeschickt, bevor das eigentliche Argument kommt: Was zum Henker geht es den Staat an, wo und wie ich mein Geld verpulvere? Wenn meine Liebste sich das 100. Paar Schuhe kauft, wenn ich beim öffentlichen Kasino oder beim privaten Spieltisch 50 Euro verzocke - wo bitte ist da der Unterschied, der den Eingriff der Staatsgewalt erforderte?

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15 Kommentare zu “All-in gegen den Staat”

  1. F.Alfonzo
    29.05.2008 | 1:25

    Nun, der Unterschied wird dann klar, wenn man sich ins Bewusstsein ruft dass die Staatsdiener den Staat selbst ja niemals als Bedrohung, sondern immer als Schutzpatron sehen.
    Deshalb müssen die Menschen natürlich auch vor geldgierigen Kapitalisten am Pokertisch (bzw. an der Börse; Trading und Pokern basieren ja tatsächlich auf den gleichen Prinzipien, was z.B. Geldmanagement angeht) geschützt werden, während eine Lotterie, staatl. organisiert, ja niemals etwas Schädliches sein kann.

    Was spielt es da für eine Rolle, dass der Erwartungswert beim Lotto-Spielen negativ ist, während am Pokertisch aufgrund der “Gleichverteilung” der Karten langfristig nur der Spieler mit der besten Strategie (man könnte auch sagen: Der fleißigste und disziplinierteste) gewinnt?

  2. 29.05.2008 | 9:29

    [...] es so schön zu Raysons Beitrag über das Pokern passt: Gerade heute melden die sächsischen Zeitungen, dass ein Spielsüchtiger zwischen [...]

  3. 29.05.2008 | 10:08

    Wie war die Begründung noch gleich? “Den Spieltrieb in geordnete Bahnen lenken und die Überschüsse sozialen und gemeinnützigen Zwecken zukommen lassen.”

    Na wenn das nicht reicht für den Staatseingriff ;-)

  4. 29.05.2008 | 13:12

    Laßt die Staatler lamentieren und mischt schon ‘mal die Karten. Da kommt diese Buchneuerscheinung ja gerade richtig: Erlebnis Poker

  5. 29.05.2008 | 22:16

    @Rayson:
    Sucht, Spielsucht ist das passende Argument. Und da ist die interessante Frage: Welche Kriterien legen wir an, um jemandem seine freie Entscheidung abzuerkennen?

  6. 29.05.2008 | 22:24

    @Karsten

    Du hast es recht gut getroffen: Die Pathologisierung von Verhalten ist ein gutes Mittel, staatlichen Eingriff zu legitimieren.
    Deine Frage nach den Kriterien ist aber ebenfalls wichtig: Damit muss man sehr vorsichtig sein. Schon häufiger wurde etwas als “krank” erklärt, was staatlich bekämpft werden sollte.

  7. 29.05.2008 | 23:34

    @Karsten

    Nicht nur darum geht es. Denn wir diskutieren hier ja nicht die Frage, dass es einem Einzelnen verwehrt wird, Poker zu spielen, sondern dass es niemandem erlaubt sein soll. Anerkannte Süchte gibt es viele - auch Internetsucht und Sexsucht soll es geben, aber bislang bin ich noch keinen Bestrebungen begegnet, die Ausübung dieser Aktivitäten allen Bürgern zu untersagen.

    Und dann scheint es ja auch ein Allerheilmittel gegen Spielsucht zu geben: Sobald der Betreiber der Spielhölle der Staat ist, gibt es das Problem nicht mehr.

  8. stefanolix
    29.05.2008 | 23:53

    Also ich sehe das Pokerturnier ja eher als eine Art sportlichen Wettkampf. Sind Skat- und Doppelkopfturniere denn nicht auch erlaubt? Und worin genau läge der Unterschied zwischen Poker und diesen beiden Spielen?

    Was würde der Staat denn tun, wenn die Leute stattdessen um Geld Mikado spielen würden? Auch Fußball ist manchmal ein Glücksspiel unter freiem Himmel;-)

  9. 30.05.2008 | 0:19

    Es gibt da die grandiose Unterscheidung, ob bei einem Kartenspiel zu Beginn alle Karten ausgeteilt werden oder nicht. Ist das der Fall, handelt es sich um ein Gesellschaftsspiel, ist das nicht der Fall, um ein Glücksspiel. Ich halte diese Unterscheidung für kompletten Nonsens.

    Aber Geldskatturniere sind m.E. auch nicht erlaubt.

  10. 30.05.2008 | 0:26

    Wie ich übrigens gerade gefunden habe, scheint es auch so eine Art Verbotssucht zu geben:

    Für besonders gefährlich hält die Sozialarbeiterin die Berichterstattung im Fernsehen: „Sendungen, bei denen Pokern in die Nähe von Sport gerückt werden, müssten aus dem Programm verschwinden. Das ist wie mit Alkopops. Da hat man auch lange so getan, als wäre kein Schnaps drin.“

  11. stefanolix
    30.05.2008 | 7:43

    Skatturniere mit Sachpreisen sind (soweit ich weiß) erlaubt. Beim Skat gibt es etwa 2,7 Billiarden mögliche Kartenverteilungen, wie ich gerade der Wikipedia entnehme. Wenn das kein Glücksspiel ist;-)

    Dass ein Spiel nicht als »böse« angesehen wird, wenn von Anfang an alle Karten verteilt werden: kann man das nicht als Protektionismus zugunsten heimischer Kartenspiele werten?

  12. R.A.
    30.05.2008 | 10:03

    @Rayson:

    Es gibt da die grandiose Unterscheidung, ob bei einem Kartenspiel zu Beginn alle Karten ausgeteilt werden oder nicht.

    Das ist ja völlig hanebüchen.
    Wo ist denn diese Unterscheidung definiert?

  13. F.Alfonzo
    31.05.2008 | 17:35

    Gerade auf Wikipedia/Glücksspiel geschmökert:
    “In Deutschland, Österreich und der Schweiz werden Glücksspiele zumeist in Spielbanken, sowie in Gaststätten und Spielhallen angeboten. Glücksspiele sollen dem Zeitvertreib und Vergnügen dienen und nicht dem Gelderwerb – außer dem des Veranstalters und der Steuerbehörde, die in Deutschland bis zu 80 % der Spielbankgewinne erhält.”
    Schön, dass das dort wenigestens so offen genannt wird ;-)

    Außerdem noch gefunden: Ein Kommentar zur Begrifflichkeit des Glücksspiels nach StGB und Rechtsprechung:
    Unter Glücksspiel ist ein Spiel zu verstehen, bei dem die Entscheidung über Gewinn oder Verlust ausschließlich oder größtenteils vom Zufall abhängig ist.[4] Hingegen spielen spezielle Fähigkeiten, Kenntnisse oder die Aufmerksamkeit des Spielers beim Glücksspiel keine wesentliche Rolle (Bsp.: Würfelspiele, (Online-)Roulette, diverse Kartenspiele, etc.). Auch Lotterien oder Ausspielungen sind als Glücksspiele zu qualifizieren, allerdings enthält § 286 StGB für diese Varianten eine Spezialregelung.
    Ferner zeichnet sich ein Glücksspiel dadurch aus, dass der Teilnehmer einen nicht unerheblichen Vermögenseinsatz aufwenden muss, um im Gegenzug die Zusage einer Gewinnchance zu erhalten.[5] Für die Bezifferung dieses Vermögenseinsatzes zog die Rechtsprechung bisher den Preis für eine Briefmarke heran, da eine Teilnahme am Glücksspiel häufig auf postalischem Weg erfolgt.[6]

    Es kommt also darauf an, dass der Erfolg vom Zufall abhängt _und_ dass für die Teilnahme eigenes Vermögen eingesetzt werden muss. Dass hier die Fähigkeiten der Spieler keine Rolle spielen, ist schon mal reichlich fragwürdig.
    Denn nach dieser Definition wäre schon die Gründung eines eigenen Unternehmens ein Glücksspiel, ganz zu schweigen von bspw. Investitionen in Aktien.

    Für mich klingt das alles sehr danach, dass es nur um Moralvorstellungen geht, die mit zweifelhafter Logik gerechtfertigt werden sollen.

  14. 31.05.2008 | 19:10

    @R.A.

    Das kommt wohl aus einem Gesetzeskommentar: Hickel/Wiedmann

    @F. Alfonzo

    Kann dir nur zustimmen.

  15. 2.06.2008 | 10:13

    “Hingegen spielen spezielle Fähigkeiten, Kenntnisse oder die Aufmerksamkeit des Spielers beim Glücksspiel keine wesentliche Rolle”

    Damit wäre ja jedem Eingeweihtem klar, dass Poker nach dieser Definition kein Glücksspiel sein kann.

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