Bildungsferne Schichten

Der von Linken so geschätzte progressive Einkommensteuertarif hat einen von eben diesen Linken um so weniger geschätzten Nachteil: Er wirkt doch tatsächlich nur auf das, was als Einkommen angesehen wird. Aber das ist offensichtlich ungerecht. Der Gerechtigkeit ist erst genüge getan, wenn insbesondere “Reiche” auch auf Nichteinkommen Steuern zahlen.

Das glauben Sie nicht?

Holen wir etwas aus. Bei der Ermittlung des zu versteuernden Einkommens werden verschiedene Beträge von den Einnahmen abgezogen. Dadurch soll berücksichtigt werden, dass die Einnahmen dem Steuerpflichtigen nicht in voller Höhe zur Verfügung stehen. Zum Beispiel, weil er sie für die Einkunftserzielung selbst aufgewendet hat - deswegen werden Werbungskosten abgesetzt. Oder weil der Steuerpflichtige Unterhalt gezahlt hat. Oder weil er für sein Alter vorgesorgt hat. zahlen muss. Oder weil er Altersvorsorge treffen muss.

Ebenso soll das Existenzminimum des Steuerpflichtigen, aber auch das seiner Kinder, nicht besteuert werden. Das sagt z.B. auch das Bundesverfassungsgericht immer wieder mal.

Klingt vernünftig, oder? Wenn Sie diese Frage mit ja beantwortet haben, fehlt es Ihnen eindeutig an sozialem Gewissen.

Denn da der deutsche Einkommensteuertarif ein progressiver ist, hätte ein “Reicher” bei Nichtberücksichtigung dieser Beträge nämlich deutlich mehr Steuern gezahlt als ein “nicht mehr ganz so Armer”. Auftritt also des Populisten Beck: Jedes Kind sei doch gleich viel wert, und daher dürfe es keine Rolle spielen, ob es das Kind eines Ministerpräsidenten, eines Facharbeiters oder einer Krankenschwester sei. Was eben nicht gewährleistet sei, wenn bei Verzicht der Berücksichtigung seines Existenzminimums der eine mehr Steuern gezahlt hätte als der andere.

Nun könnte man vielleicht sagen, Logik sei offensichtlich nicht die große Stärke dieses Parteivorsitzenden. Denn genau der Umstand, dass die Freibeträge unabhängig von der Herkunft des Kindes oder des Steuerpflichtigen in gleicher Höhe anfallen, gewährleiste die geforderte Neutralität doch gerade. Aber das hieße, linke Konzepte nicht richtig abzubilden: Denn allein der Gedanke, dass einem Steuerpflichtigen Einkommen unbesteuert überlassen werden sollte, verursacht einem wahren Streiter für soziale Gerechtigkeit bereits heftige Magenkrämpfe. Erst einmal wird gefälligst vollständig und umfassend abgeliefert, damit der Staat dann seinerseits mit großzügiger Geste einen Teil des vorher Kassierten wohltätig ausschütten kann. Somit gewinnt der linke Politiker gleich zwei zusätzliche Gelegenheiten, seinen beiden großen Leidenschaften, dem Regulieren und Umverteilen, nachzugehen.

Wenn die Pressemeldungen stimmen, kann man aber etwas anderes über Herrn Beck sagen: Nämlich dass die Vermutung, der Mann habe keine Ahnung, worüber er spreche, anscheinend sehr berechtigt ist.

Besserverdienende erhielten über Steuerabschreibungen bis zu fünfmal mehr Geld für ihre Kinder als Eltern mit Niedriglöhnen, sagte Beck.

Lieber Herr Beck, mit “Abschreibungen” werden die Anschaffungskosten eines Wirtschaftsgutes über mehrere Jahre (idealerweise: seiner Lebensdauer) verteilt, um eine periodengerechte Abgrenzung von Aufwendungen und Erträgen herzustellen. Diesen Begriff für Freibeträge zu verwenden, die das Existenzminimum vor dem Zugriff des Staates bewahren sollen, ist absurd und lächerlich. Bei SPD-Vorsitzenden aus Rheinland-Pfalz scheint es eine unerklärliche Tendenz zu geben, sich in solchen Fragen gründlich zu blamieren

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14 Kommentare zu “Bildungsferne Schichten”

  1. stefanolix
    8.06.2008 | 15:47

    Du legst den Fall zugunsten des SPD-Vorsitzenden aus. Es gibt zwei Möglichkeiten, Kurt Becks Sentenz zu erklären: entweder er hat wirklich keine Ahnung oder er will die Linkspartei links überholen. Stellen wir uns einen Augenblick lang vor, der folgende Satz werde von Lafontaine gesprochen:

    Und Besserverdienende, meine Damen und Herren, erhalten über Steuerabschreibungen bis zu fünfmal mehr Geld für ihre Kinder als Eltern mit Niedriglöhnen.

    Passt.

    Wer so etwas im Wahlkampf bringt, ist seinem Publikum natürlich nie beweispflichtig. Er wird niemals nach den Grundlagen seiner Berechnung gefragt. Denn mit Fakten könnte man sich ja die Freude am Neid auf einen Besserverdienenden verderben.

  2. stefanolix
    8.06.2008 | 16:11

    Übrigens weist das schöne Wort »erhalten« wieder einmal darauf hin, dass die roten und dunkelroten Genossen das Einkommen eines »Besserverdienenden« im Prinzip schon als Staatseigentum sehen. Nur aufgrund merkwürdiger Gesetze »erhält« der Besserverdienende einen Teil des Einkommens: in diesem Fall in Form eines Kinderfreibetrags.

    Aber ich muss ehrlich sagen: ich habe auf solche Sprüche gewartet. Und ich bedaure zutiefst, dass Prof. Kirchhof nach der Diffamierungskampagne der Roten im Wahlkampf 2005 nichts mehr zu solchen Themen sagt.

  3. 8.06.2008 | 16:40

    Eigentlich wird hier ein ziemlicher Unterschied in der Perspektive zwischen den politischen Lagern deutlich. Und nebenbei natürlich ein völliges Unverständnis bei Beck dafür, was ein Steuerfreibetrag ist.

    Aber die eine Perspektive wäre eben die einfache Frage: Welches Einkommen soll unbedingt vor staatlichem Zugriff gestützt werden? Wie groß sollte der unabhängig vom sonstigen Tarifverlauf gewährleistete Schutzraum der Individuen sein? Und dann stellt man das eben über Freibeträge her. Die andere Perspektive ist die von Beck: Wie realisieren wir Verteilungsgleichheit?

    Und nun ist es ja so: Die Steuerfreiheit des Existenzminimums auch für Kinder im eigenen Haushalt ist grundgesetzlich garantiert. Man kommt also eigentlich nicht drumherum, einen Steuerfreibetrag für im Haushalt eines Steuerzahlers lebende Kinder zu gewähren. Wenn man einen progressiven Tarif hat, dann werden wiederum Steuerfreibeträge immer die von Beck beanstandete “ungleiche” Verteilungswirkung haben. Geht nicht anders, nur bei proportionalen Tarifen wäre es anders.

    Also: Progression, Grundgesetz und Beck’sches Verteilungsideal gehen definitiv nicht zusammen. Da kann er sich noch so populistisch verbiegen. Man sollte ihn also mal fragen, was er denn aufgeben möchte: die Steuerprogression, oder das Grundgesetz?

  4. 8.06.2008 | 18:41

    Kurt Beck mal wieder. Wenn ich es richtig sehe, liegt der Steuerfreibetrag bei 5808 Euro pro Kind(Quelle).
    Kindergeld beträgt 12 mal 154 Euro, also 1848 Euro. Nehmen wir mal zu Kurt Becks Gunsten einen Grenzssteuersatz von 100% an. Dann hat das reiche Ehepaar eine Steuerersparnis von 5808 Euro und damit etwas mehr als dreimal soviel wie das arme Ehepaar Kindergeld erhält. Nicht fünfmal!

    Aber Lügen, Unwahrheiten, Tricks und Dummeheiten bin ich von der SPD mittlerweile gewohnt.

  5. stefanolix
    8.06.2008 | 18:43

    Dieses Bild zeigt Beck nach dem Formulieren des oben zitierten Satzes im Kreise Gleichgesinnter;-)

  6. 8.06.2008 | 20:16

    letzens sah ich wowereits autobiographie im buchhandel. Wenn man in seiner situation eine biographie schreibt muss man grenzenlos narzistisch sein. warum nur?

  7. 9.06.2008 | 14:11

    Das Schöne an der Progression ist doch: man kann die “pösen” Besserverdiener zwiebeln UND jeden Aufruf zu Steuersenkung damit konterkarieren, indem man geißelt, dass ein Gutverdiener über eine Senkung vieeeeeel mehr zurückbekommt…

    Dass der vorher (auch relativ) vieeeeel mehr zahlt(e), wird dabei geflissentlich unter den Teppich gekehrt.

  8. 9.06.2008 | 14:14

    @Dirk: und mit einem Grenzsteuersatz von 45% (Reichensteuer) sind wir dann bei einem Faktor von ca. 1,5…

  9. 9.06.2008 | 21:13

    Die Leistungen für Kinder folgen - wenn wir mal die Beck’sche Logik anwenden - einem U-förmigen Verlauf. Hartz IV-Empfänger erhalten 207 Euro Regelsatz (bis 14) bzw. 280 Euro (älter). Dazu kommt ein Anteil an den Kosten der Unterkunft von etwa 80 Euro. Insgesamt haben Transferempfänger also 290-360 Euro je Kind (Alleinerziehende dank eines zusätzlichen Mehrbedarfszuschlages noch mehr).

    Schlechter sind Mittelständler dran, die Kindergeld beziehen (154 Euro). Besser geht’s dann wieder den Reichen, die bei 5.808 Euro Freibetrag und 45% Grenzsteuersatz auf knapp 220 Euro im Monat kommen. Wenn alle Kinder “gleich” behandelt werden sollen, müsste Beck also auch den Hartz IV-Satz kürzen. Kann ich mir gar nicht vorstellen, dass er das will.

  10. 9.06.2008 | 23:14

    Ja, Beck, ist … Handwerker, Meister oder so. Dennoch gehört er wohl nicht zu denen, die gern geringschätzend “bildungsfernen Schichten” zugerechnet werden.

    Dass er ein schlechter Vorsitzender mit fürchterlichen und sichtbaren Schwächen ist, kann wohl von niemandem übersehen werden. Du aber vermischst in grober Form deine politische Aversion gegen “linke” Politik (was auch immer das in diesen Zeiten sein mag) mit einem verbalen Anschlag auf die Würde eines Mannes, der, wie man so sagt, längst am Boden liegt. Ich finde das hässlich und unangebracht.

  11. 9.06.2008 | 23:17

    Quatsch. Der liegt nicht am Boden, der will aktiv in die Leben anderer eingreifen. Und es scheint ihn dabei noch nicht einmal zu stören, dass er von der Materie keine Ahnung hat. Wenn etwas hässlich und unangebracht ist, dann diese Chuzpe.

  12. stefanolix
    9.06.2008 | 23:46

    @Horst: Kurt Beck hat genügend Leute um sich, die ihm den Unterschied zwischen Abschreibung und Freibetrag erklären könnten. Bei ihm liegt es doch nicht daran, dass Bildung zu teuer wäre oder zu weit entfernt läge. Er wollte genau dieses Wort verwenden, weil es bei den Leuten einen Neidreflex auslöst.

    Ich respektiere jeden, der sich an irgendeiner Stelle seines Lebens weiterbildet. Ich habe keinen Respekt, wenn sich jemand selbst der Bildung und der Einsicht verweigert, nur um den Lafontaine links-rhetorisch zu überholen.

  13. 9.06.2008 | 23:48

    Ich glaube nicht, dass Rayson Überheblichkeit gegenüber Nicht-Akademikern wie Handwerksmeistern zum Ausdruck brachte. Im Gegenteil. Die meisten Handwerksmeister sind kluge Leute, die den Unterschied zwischen Abschreibungen und Freibetrag kennen und rechnen können.

    Übrigens würde ich gerne an die Kan-Di-Dat Kampagne der SPD erinnern.

  14. stefanolix
    10.06.2008 | 0:09

    Und an die infame Kampagne gegen Professor Kirchhof (wohlgemerkt als Person und nicht als Vertreter eines Steuermodells).

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