EM-Notizen, vor dem Halbfinale

Wie schön, dass so ein Turnier drei Wochen dauert. Da hat man genug Zeit, wechselnde Favoriten auszurufen.

Favorit Niederlande ist raus. Weil die eine “B-Mannschaft” haben spielen lassen im letzten Gruppenspiel und dadurch aus dem Rhythmus gekommen sind? Weil die Russen bis auf eine Ausnahme erst mitten in der Saison stecken und nicht wie der Rest des Turniers eine sehr lange hinter sich haben? Weil Hiddink ein Fuchs ist? Weil die Russen jung, gierig und spielstark sind? An all dem kann etwas dran sein. Ich würde aber eher darauf verweisen, dass die angeblichen Maßstäbe Frankreich und Italien in Wirklichkeit eben keine waren, Holland also auch deswegen als Riese erschien, weil es von Zwergen umgeben war. Passt irgendwie: Der Deister wäre dort Hochgebirge.

“Geheimfavorit” Kroatien ist raus. Was ist eigentlich ein “Geheimfavorit”? “Hm, ich glaube, Kroatien könnte zu den Favoriten zählen.” - “Pssssst! Mensch, bist du verrückt, das darf doch keiner wissen!” Und warum haben sich die Türken durchsetzen können? Schwere Frage. Besser waren sie nicht, aber vielleicht waren die Kroaten den winzigen Hauch zu selbstbewusst. Das kann dann übel enden, wenn man auf eine so euphorisierte Truppe trifft. Die Verweise auf die “Türken vor Wien” sind leider komplett durchgenudelt und ausgelutscht, aber eins ist mir dann doch noch aufgefallen: Es war ein polnisches Reiterheer, das zusammen mit den Truppen des Reiches 1683 für die Entscheidung sorgte. Und wer stürmt da jetzt für Deutschland? Allerdings wurde die Festung Kamjanez-Podilskyi oder auch Kamieniec Podolski von den Türken vorübergehend eingenommen…

Übrigens auffallend: Sogenannte “Jungstars” verschießen gerne beim Elfmeterschießen. Matthäus im DFB-Pokal gegen die Bayern, Ronaldo gegen Chelsea, jetzt Modric gegen die Türkei - die Liste könnte man sicher verlängern. Dazu passt diese Untersuchung:

Ein Coach sollte nach Meinung der Wissenschaftler vielmehr versuchen, Spieler mit ausgeprägtem Pflichtbewusstsein als Schützen auszuwählen. “Diese verwandeln die Elfmeterschüsse nach unserer Studie zielsicherer als solche Spieler, die ambitioniert auf einen Torerfolg hoffen”, erklärt Memmert.

Und Netzer hat doch recht: “Deutsche Tugenden” sind gefragt.

Beinahe wäre auch Favorit Spanien ausgeschieden, aber die “Strategie” der Italiener, Tore nur zur verhindern, ließ sich leider nicht bis ins Elfmeterschießen fortsetzen. Mich hat ehrlich erstaunt, wieviele Stockfehler bei den Azzuri zu besichtigen waren. Diese Art Rumpelfußball erinnerte phasenweise an meinen Lieblingsfußballer aus den 80ern, Hans-Peter Briegel. Aber immerhin: Anschauungsunterricht für den Halbfinalgegner, wie man die gefährlichen Steilpässe auf die spanischen Spitzen entschärfen kann, gab es reichlich.

Wer ist jetzt Favorit? Ich schätze, kein Fan wird jetzt die Hand für die eigene Mannschaft heben, so krass ist das Schicksal aller bisherigen “Amtsinhaber”. Viel hängt einfach von der berühmt-berüchtigten Tagesform ab und auch von den Zufallsergebnissen, die man landläufig als Glück bezeichnet. Lernen wir einfach mal daraus, dass es zwar manchmal mangels anderen Wissens eine vernünftige Strategie ist, von der Vergangenheit auf die Zukunft zu schließen, dass dies aber nicht mit einer Gesetzmäßigkeit zu verwechseln ist. Panta rhei.

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6 Kommentare zu “EM-Notizen, vor dem Halbfinale”

  1. 23.06.2008 | 20:14

    Übrigens auffallend: Sogenannte “Jungstars” verschießen gerne beim Elfmeterschießen.

    Wobei der spanische Jüngling, dessen Namen mir entfallen ist, und der den Sieg-Elfmeter schoss, aber wohl die Ausnahme von dieser Regel sein muss.

  2. 23.06.2008 | 20:23

    War mir klar, dass einer Fabregas ins Spiel bringen würde, aber dass ausgerechnet du das sein würdest ;-)

    Nein, Fabregas ist zwar jung und ein ausgezeichneter Fußballer, aber er spielt weder bei Arsenal noch im Nationalteam, wo er ja anfangs meist nur auf der Bank sitzt, die Rolle eines echten Stars.

  3. M.M.
    23.06.2008 | 20:56

    Und dann gibt es noch Leute wie mich, die stecken in einem echten Dilemma. Wegen den Türken. Und den Deutschen. Und das in der Schweiz.
    http://www.arlesheimreloaded.ch/article/offener_brief_an_Fatih_Terim

  4. 23.06.2008 | 21:33

    Definition Geheimfavorit: Ein Geheimfavorit ist eine Mannschaft, die man auf der Rechnung hat, sich aber aus Angst ausgelacht zu werden nicht traut sie öffentlich zum Favoriten zu erklären. Diese Gefahr wird durch den einschränkend zu verstehenden Zusatz “Geheim” gebannt.

  5. 24.06.2008 | 10:50

    Ich bin froh wenn die EM wieder vorbei ist. Mir geht dieses nationalistische Getue auf den Keks. Überall schwenken sie die Fahnen ihrer Staaten und dann gibt es schlägereien zwischen Türken und Kroaten usw.

    Persönlich würde ich die Champions League der EM und der WM bevorzugen. Sie hat einfach den Nachteil, dass sie reiche Clups bevorzugt, da ja nur jene sich Topspieler leisten können und somit ganz vorne mit dabei sein können. Dennoch, dort spielt dieser Nationalismus keine Rolle, dort sind die Supporter die Fans der einzelnen Fussballclubs und nicht einfach Leute die sonst nie Fussball schauen nun aber gucken weil ja ihre Landsleute von ihrem Staat gegen andere spielen…da müssen die dann natürlich schauen, da ja ihr Staat und ihr Volk über allem steht.

  6. 24.06.2008 | 10:58

    @Alexander

    Und was ist der Unterschied zwischen dem Fan einer Club- und dem einer Nationalmannschaft?
    Was ist der Unterschied, ob man sich zwischen den einen oder den anderen prügelt?

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