23. Juni 2008
EM-Notizen, vor dem Halbfinale
Wie schön, dass so ein Turnier drei Wochen dauert. Da hat man genug Zeit, wechselnde Favoriten auszurufen.
Favorit Niederlande ist raus. Weil die eine “B-Mannschaft” haben spielen lassen im letzten Gruppenspiel und dadurch aus dem Rhythmus gekommen sind? Weil die Russen bis auf eine Ausnahme erst mitten in der Saison stecken und nicht wie der Rest des Turniers eine sehr lange hinter sich haben? Weil Hiddink ein Fuchs ist? Weil die Russen jung, gierig und spielstark sind? An all dem kann etwas dran sein. Ich würde aber eher darauf verweisen, dass die angeblichen Maßstäbe Frankreich und Italien in Wirklichkeit eben keine waren, Holland also auch deswegen als Riese erschien, weil es von Zwergen umgeben war. Passt irgendwie: Der Deister wäre dort Hochgebirge.
“Geheimfavorit” Kroatien ist raus. Was ist eigentlich ein “Geheimfavorit”? “Hm, ich glaube, Kroatien könnte zu den Favoriten zählen.” - “Pssssst! Mensch, bist du verrückt, das darf doch keiner wissen!” Und warum haben sich die Türken durchsetzen können? Schwere Frage. Besser waren sie nicht, aber vielleicht waren die Kroaten den winzigen Hauch zu selbstbewusst. Das kann dann übel enden, wenn man auf eine so euphorisierte Truppe trifft. Die Verweise auf die “Türken vor Wien” sind leider komplett durchgenudelt und ausgelutscht, aber eins ist mir dann doch noch aufgefallen: Es war ein polnisches Reiterheer, das zusammen mit den Truppen des Reiches 1683 für die Entscheidung sorgte. Und wer stürmt da jetzt für Deutschland? Allerdings wurde die Festung Kamjanez-Podilskyi oder auch Kamieniec Podolski von den Türken vorübergehend eingenommen…
Übrigens auffallend: Sogenannte “Jungstars” verschießen gerne beim Elfmeterschießen. Matthäus im DFB-Pokal gegen die Bayern, Ronaldo gegen Chelsea, jetzt Modric gegen die Türkei - die Liste könnte man sicher verlängern. Dazu passt diese Untersuchung:
Ein Coach sollte nach Meinung der Wissenschaftler vielmehr versuchen, Spieler mit ausgeprägtem Pflichtbewusstsein als Schützen auszuwählen. “Diese verwandeln die Elfmeterschüsse nach unserer Studie zielsicherer als solche Spieler, die ambitioniert auf einen Torerfolg hoffen”, erklärt Memmert.
Und Netzer hat doch recht: “Deutsche Tugenden” sind gefragt.
Beinahe wäre auch Favorit Spanien ausgeschieden, aber die “Strategie” der Italiener, Tore nur zur verhindern, ließ sich leider nicht bis ins Elfmeterschießen fortsetzen. Mich hat ehrlich erstaunt, wieviele Stockfehler bei den Azzuri zu besichtigen waren. Diese Art Rumpelfußball erinnerte phasenweise an meinen Lieblingsfußballer aus den 80ern, Hans-Peter Briegel. Aber immerhin: Anschauungsunterricht für den Halbfinalgegner, wie man die gefährlichen Steilpässe auf die spanischen Spitzen entschärfen kann, gab es reichlich.
Wer ist jetzt Favorit? Ich schätze, kein Fan wird jetzt die Hand für die eigene Mannschaft heben, so krass ist das Schicksal aller bisherigen “Amtsinhaber”. Viel hängt einfach von der berühmt-berüchtigten Tagesform ab und auch von den Zufallsergebnissen, die man landläufig als Glück bezeichnet. Lernen wir einfach mal daraus, dass es zwar manchmal mangels anderen Wissens eine vernünftige Strategie ist, von der Vergangenheit auf die Zukunft zu schließen, dass dies aber nicht mit einer Gesetzmäßigkeit zu verwechseln ist. Panta rhei.
Verfasst von Rayson um 20:08 Uhr in der Kategorie Steckenpferde der Autoren (Trackback)