23. Juni 2008
Politisches Nichtwissen: Rational und teuer
Wählen zu gehen, ist eigentlich irrational. Bei einer großen Zahl von Wählern, wie sie zumindest bei Wahlen zu Land- und Bundestag sicher gegeben ist, hat die einzelne Stimme keine Auswirkungen auf das Gesamtergebnis. Warum also sollte jemand Zeit und Mühe dafür aufwenden, seine Stimme abzugeben?
Allerdings sind heutzutage Zeitaufwand und sonstige Mühen relativ gering, so dass schon ein vielleicht ein wenig zu hoch eingeschätzter Erwartungswert des Einbringens der eigenen Präferenzen den Wahlakt lohnenswert erscheinen lässt, oder auch ein Zusatznutzen, z.B. sich der Welt als verantwortungsbewusster Staatsbürger zu präsentieren.
Wirklich irrational hingegen dürfte das Verhalten sein, dass in Sonntags- und Präsidentenreden stets eingefordert wird, nämlich sich vor der Stimmabgabe intensiv zu informieren über die Alternativen, die da zur Wahl stehen. Das kostet sicher Zeit und womöglich auch Geld, und manchem mag es zudem noch als zu kompliziert erscheinen. Der eigene Nutzen steigt durch die zusätzlich gewonnenen Informationen aber nicht, denn die eigene Stimme bleibt so einflusslos wie vorher auch. Dass wir bei politischen Umfragen, ob als veröffentlichtes abstraktes Ergebnis oder leibhaftig in Form “vorgeführter” Interviewter, einem so großen Ausmaß an erschütterndem Unwissen begegnen, ist also nicht das Resultat von Faul- oder Dummheit, sondern von rationalem Verhalten. Daneben gibt es natürlich auch eine Anzahl politisch sehr gut informierter Menschen, worunter wir dann nicht nur Leute mit einem seltsamen Hobby, sondern vor allem auch jene erwarten können, die ihr politisches Wissen beruflich verwerten können, für die sich eine Suche nach mehr Informationen also auch wirklich lohnt.
Nun hat das die Ökonomen, die sich mit den Mechanismen von Politik beschäftigen, eigentlich nicht besonders beunruhigt, denn sie nehmen an, dass die Einstellungen der Uninformierten zufällig um die Einstellungen der Informierten herum verteilt sind, sich bei einer hinreichend großen Zahl also praktisch gegenseitig neutralisieren, so dass am Ende die zielgerichteten Entscheidungen der Informierten den Ausschlag geben. Die Vernunft setzt sich also am Ende trotzdem durch, die Welt ist in Ordnung.
Bryan Caplan, auch als Blogger bei EconLog bekannter Ökonom an der George Mason University in Virginia (USA), hält diese Annahme für falsch. In seinem Buch “The Myth of the Rational Voter” räumt er mit zwei bislang ex- oder implizit als gegeben angenommenen Meinungen auf:
Die Wähler entscheiden nach ihrem direkten individiellen Nutzen, also z.B. danach, wer ihnen direkt nach der Wahl mehr Steuersenkungen verspricht.
Caplan sagt, gerade weil die eigene Stimme praktisch überhaupt keinen Einfluss auf das Ergebnis hat, brauchen sich die Wähler gar nicht darum zu kümmern, welche Folgen eine von ihnen als sympathisch empfundene grundsätzliche, “ideologische” Einstellung auf ihr persönliches Wohlergehen hat. Beispiel: So könnte jemand, dem eine qualifizierte Berufsausbildung fehlt, große Sympathien für Rezepte der Linkspartei empfinden, wie z.B. die Einführung von hohen Mindestlöhnen, obwohl er dadurch seine eigenen Jobchancen erheblich verringern würde. Oder ein Unternehmer entscheidet sich für eine Partei, die Freihandel propagiert, obwohl er selbst viel mehr von protektionistischen Maßnahmen profitierte.
Das Risiko von ideologischen Irrtümern geht wegen der Bedeutungslosigkeit der eigenen Stimme gegen Null. Man kann sich bei der Wahl also z.B. an ganz anderen Dingen orientieren wie z.B. der eigenen Stellung in einer Gruppe oder eine die eigenen Emotionen am geschicktesten ansprechende Rhetorik bevorzugen.
Bei Marktentscheidungen ist das anders. Zwar steht es natürlich auch in Märkten jedem frei, seine Entscheidungen auf Ahnungslosigkeit oder falschen Vorstellungen basieren zu lassen, nur wird er nicht umhin können, die Folgen seiner Entscheidungen auch alleine zu tragen. Zum Beispiel mag sich jemand für eine bestimmte Automarke entscheiden, weil er die Modelle dieses Herstellers besonders ästhetisch findet oder weil er darauf erpicht ist, von einem Markenimage zu profitieren; wir dürfen aber annehmen, dass eine hohe Reparaturanfälligkeit des gewählten Fahrzeugs nicht ohne Einfluss auf seine zukünftigen Entscheidungen bleiben würde.
Die Irrtümer der uninformierten Wähler sind zufällig verteilt.
Caplan nutzt eine Untersuchung aus dem Jahr 1996, um das Gegenteil zu belegen. Dabei handelt es sich um das “Survey of Americans and Economists on the Economy” (”SAEE”), in dem die Antworten auf politisch relevante ökonomische Fragestellungen von 1.510 zufällig ausgewählten Amerikanern mit denen von 250 Ökonomen verglichen wurden. Dass sich Caplan ausgerechnet die Ökonomie ausgesucht hat, mag mit seiner persönlichen Betroffenheit zusammenhängen oder damit, dass diese Stelle eben gut beleuchtet war, aber es lässt sich nicht leugnen, dass sich politische Parteien auch gerade durch ihre wirtschaftlichen Programmpunkte voneinander unterscheiden, ökonomische Fragen also eine hervorgehobene Rolle im politischen Geschehen einnehmen.
Was die betreffende Untersuchung besonders geeignet erscheinen lässt, ist, dass zusätzlich zu den Antworten auf Fragen wie z.B. “Sind die Steuern zu hoch?”, “Gibt es zu viele Einwanderer?” oder “Greift die Regierung zu stark ins Wirtschaftsgeschehen ein?” auch Kontrollvariablen abgefragt wurden wie z.B. realisierte und erwartete Entwicklung des persönlichen Einkommens, politische Einstellung, Bildungsabschluss, Geschlecht und subjektiv empfundene Jobsicherheit. Diese Variablen nutzt Caplan, um eine “erleuchtete Öffentlichkeit” zu konstruieren, also eine Öffentlichkeit, die sich nur in zwei Variablen von der gegebenen unterscheidet, nämlich im Bildungsniveau allgemein und speziell in Ökonomie. Es stellte sich heraus, dass diese “erleuchtete Öffentlichkeit” grundsätzlich mit ihren Antworten näher bei den befragten Ökonomen als beim allgemeinen Durchschnitt lag. Nur 20% der Meinungsabweichungen zwischen allgemeiner Öffentlichkeit und Ökonomen konnten auf andere Variablen als auf das Ausmaß allgemeiner und wirtschaftlicher Bildung zurückgeführt werden.
Wertet man die SAEE-Ergebnisse vor diesem Hintergrund aus, dann ist die Uninformiertheit im gegebenen Fall für vier sehr systematische, also keineswegs zufällige, Verzerrungen verwantwortlich:
- Antimarkt (”antimarket bias”): Die Wirksamkeit des Marktmechanismus wird tendenziell unterschätzt.
- Antifremdheit (”antiforeign bias”): Der wirtschaftliche Nutzen aus der Interaktion mit Fremden (Ausländern) wird tendenziell unterschätzt (Freihandel, Einwanderung).
- Arbeitsplatzerhaltung (”make-work bias”): Der wirtschaftliche Nutzen aus der Einsparung menschlicher Arbeit wird tendenziell unterschätzt.
- Pessimismus (”pessimistic bias”): Die Ernsthaftigkeit wirtschaftlicher Probleme wird über-, die Leistungsfähigkeit einer Volkswirtschaft in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft unterschätzt.
Wir haben es hier also mit einer sehr konkreten Form von “Demokratieversagen” zu tun: Das aufgrund des konkreten Entscheidungsverfahrens rationale Nichtwissen führt eben doch dazu, dass der Nutzen für alle geringer ist. Dieser Effekt wird zwar etwas dadurch gemildert, dass Politiker auch befürchten müssen, für eine insgesamt miese wirtschaftliche Bilanz ihrer Regierungszeit verantwortlich gemacht und deswegen abgewählt zu werden, so dass sie versuchen, sich zwischen den Erwartungen ihrer Wählerschaft und den aus ihrer eigenen Sicht als notwendig angesehenen Maßnahmen hindurchzulavieren (wem fällt da nicht die SPD ein?), aber er existiert.
Und er hat auch Auswirkungen auf die Ökonomie selbst. Wirtschaftswissenschaftler gehen, wenn sie den optimalen Mix von Staat und Markt versuchen zu ermitteln, von einem zu optimistischen Demokratiebild aus. Systematische Verzerrungen der beschriebenen Art sind dort bislang nicht eingebaut, sie liefern also eine weitere Begründung dafür, Staatsaktivitäten zugunten von Marktentscheidungen zurückzufahren. In seiner Ablehnung des “Demokratiefundamentalismus”, den Caplan dem gerne (und fälschlich) bei Ökonomen diagnostizierten “Marktfundamentalismus” gegenüberstellt, ist ihm recht zu geben. Demokratie ist der beste aller schlechten Wege, Kollektiventscheidungen zu treffen, aber dieser Mechanismus ist offenbar kein Ideal, das auf möglichst viele Bereiche auszudehnen wäre.
Welche Schlussfolgerungen wären für die Demokratie zu ziehen? Caplan diskutiert verschiedene Wege, angefangen von einer Art “Führerschein für Wähler” bis hin zu einem nach Bildung gestaffelten Mehrstimmrecht. So richtig zu überzeugen vermag mich das nicht. Vielleicht schafft man es ja auch ohne solche Schmankerl, mehr Bildung zu einem zentralen politischen Thema zu machen und auch mehr Ressourcen dafür zu mobilisieren. Caplans Analyse bringt dafür eine weitere wichtige Begründung: Mehr Bildung erhöht nicht nur das individuelle Wohl, sondern auch das kollektive.
Vielleicht würde auch eine konsequentere Orientierung am Subsidiaritätsprinzip die Situation verbessern. Die Folgenlosigkeit der eigenen ideologischen Verblendung ist am ehesten in größeren politischen Einheiten anzutreffen. Je größer die Übereinstimmung zwischen denen ist, die über ein Kollektivgut entscheiden, und jenen, die Kosten und Nutzen dieses Guts unmittelbar zu spüren bekommen, um so mehr ähnelt das Verfahren einer Entscheidung am Markt. Aber machen wir uns keine Hoffnungen, dass je eine Föderalismusreform das aus “unpolitischer” Sicht ideale aktuelle Kuddelmuddel beseitigen könnte. Wie auch sonst die Libertären nicht zu Unrecht darauf hinzuweisen pflegen, dass man von den Leuten, die für das aktuelle System verantwortlich sind und von ihm profitieren, nicht erwarten kann, daran aufgrund solcher Argumente wie der Caplans etwas zu ändern.
Das Buch “The Myth of the Rational Voter: Why Democracies Choose Bad Policies” (bald auch als Taschenbuch
) ist übrigens meiner Meinung ungeachtet, wie man zu den Thesen Caplans steht, eine zu empfehlende Lektüre. Der Stil des Autors ist sehr angenehm und wenig evangelistisch. Er versucht, Gegenargumente selbst aufzugreifen und ausführlich zu behandeln. Und nebenbei erfährt man eine Menge darüber, wie Ökonomen zu unterschiedlichen politischen Fragestellungen denken, und wie gering die Meinungsunterschiede innerhalb der Profession im Grunde sind, wenn man sie mit den Übereinstimmungen vergleicht.
Auch Bastiat wird übrigens von Caplan gerne zitiert…
Verfasst von Rayson um 13:49 Uhr in der Kategorie Grundsatzfragen, Politik (Trackback)