Neue Armut

Wir haben ja schon einmal über die Problematik diskutiert, daß in manchen Gebieten Deutschlands kein DSL verfügbar ist. Da sind wir dann aber schnell bei Grundsatzfragen zu Monopolen und Markteintrittsbarrieren gelandet …

Wenn SpOn das Thema heute wieder aufgreift, dann unter einem neuen Aspekt: Die ohnehin schon politisch beliebige Armutsdefinition in Deutschland wird jetzt auch auf das Fehlen einer Breitbandverbindung ausgeweitet.
Ich weiß noch gar nicht, wie ich meinen Eltern beibringen kann, daß sie inzwischen zur Unterschicht gehören …

Und nach Spiegel-Logik ist natürlich auch klar, daß man ohne schnelles Internet heute keine Zukunft und keine Bildungschancen mehr besitzt und auf ewig in der Paria-Rolle gefangen bleibt.

Zitat:

So sieht das unter anderem auch ein Ende Juni veröffentlichter Bericht des Büro für Technikfolgenabschätzung, der klare Defizite im Bereich des E-Learnings bei Kindern aus sozial schwachen Familien entdeckt. Kinder aus wohlhabenden Familien hätten größere Chancen, “Computer und Internet zu nutzen und einschätzen zu lernen”. Sehr salopp gesagt: Während die einen ihre Hausaufgaben mit Wikipedia-Hilfe erledigen, hocken die anderen vor dem Fernseher.

Mal abgesehen davon, daß ich Konstrukte wie dieses (grüne?) “Büro für Technikfolgenabschätzung” ohnehin für komplett überflüssige Steuergeldverschwendung halte - ich halte diese Folgerung für ziemlichen Mumpitz.
An die Wikipedia kommt man auch gut mit ISDN-Geschwindigkeit ran, m. E. auch an ziemlich alle sonstigen pädagogisch sinnvollen Inhalte.
Breitband-Internet ist doch (im privaten Bereich!) im wesentlichen ein Äquivalent zum Fernsehen, dient also im wesentlichen der Unterhaltung.

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13 Kommentare zu “Neue Armut”

  1. stefanolix
    8.07.2008 | 17:29

    ISDN wird in der Regel auf der Basis von Zeittakten abgerechnet und ist damit teurer als eine »Breitband«-Verbindung. Eltern mit wenig Geld können also wirklich ruhiger schlafen, wenn ihre Kinder so etwas wie eine echte 1000er DSL-Flatrate nutzen, denn die ist in der Regel kostengünstig und führt nicht zu überraschenden Mehrkosten.

    Ich bin froh, dass meine Kinder bei den Schwiegereltern (15 Minuten entfernt) Breitband über Kabelnetz nutzen können, denn ich gehöre bis zum 01.12.2008 übrigens auch noch zur Internet-Unterschicht, zumindest wenn es um die Wohnung geht;-)

  2. R.A.
    8.07.2008 | 17:46

    @stefanolix:
    Mir ist schon klar, daß DSL praktischer und günstiger ist.

    Mir geht es aber um die These, daß Kinder ohne Breitbandanschluß (mit Flatrate) angeblich so benachteiligt wären, daß die Politik eingreifen muß.

    Und da frage ich mich: Welche Internet-Inhalte sollen das denn sein, deren Nutzung für eine zukunftsfähige Erziehung/Ausbildung so unentbehrlich sind?

    Wenn ich so anschaue, was meine Kinder so alles am Rechner treiben, sind m. E. alle bildungsrelevanten Inhalte auch mit einer sehr schlechten Anbindung zu erreichen.

    Immerhin ist es noch nicht so lange her, daß das der normale Standard war.

  3. 8.07.2008 | 17:54

    Man könnte genauso auch meinen, dass es verantwortungslos von den Eltern ist, wenn sie mit ihren Kindern in eine Gegend ohne Breitbandverbindung ziehen. Ganz nebenbei kann Papa auch ein paar Bier weniger trinken und den Kids eine UMTS-Verbindung spendieren, bis das Breitband verlegt ist. Die Kostenkontrolle sollte ja mit Hilfe einer Software und etwas Aufmerksamkeit für das Surfverhalten der kleinen Scheißer realisierbar sein.

  4. F.Alfonzo
    8.07.2008 | 18:35

    Gibt’s in Schulen und Unis keine PCs mit Internetverbindung und Drucker? Zu meiner Zeits gab’s das schon (noch), und die Benutzung der selben ist m.W. kostenlos (oder bereits mit sonstigen Material-Pauschalen abgegolten). Falls nicht, wird’s höchste Zeit, dass das passiert.
    …mit Büchern lässt sich ja ähnlich argumentieren: Wer Geld hat, kann sich Bücher kaufen, wer nicht, muss sich halt mit der Bibliothek rumplagen; ich habe aber noch niemanden fordern hören, dass behördlicherseits jedem Haushalt eine Bibliothek eingerichtet werden soll…

  5. stefanolix
    8.07.2008 | 19:00

    Prinzipiell stimme ich auch nicht mit dem Tenor des Artikels überein. Kinder können heute mit etwas Aufwand finden, was sie für die Schule brauchen. In der Großstadt sind die meisten Schulen und Bibliotheken mit Internetzugang ausgerüstet. Wie es auf dem Lande aussieht, kann ich nicht sagen, aber ein langsamer Zugang sollte immer vorhanden sein. Es ist nur die Frage, ob die Bibliothek oder Schule genügend Geld im Haushalt hat, um die Rechnung zu bezahlen.

    Es geht ja hier nicht darum, dass die Leute aus Jux und Tollerei aufs Land ziehen. Manche Familien wohnen auch schon ewig dort. Und in Ostdeutschland kann schon am Rande einer Kleinstadt DSL-freie Zone sein. Nach UMTS muss man dort nicht fragen.

    @SteffenH: UMTS ist in den meisten »benachteiligten Gebieten« eben auch nicht verfügbar und es könnte bei einigen Leuten auch an der Schufa-Auskunft scheitern. Wir sollten also nicht gleich mal wieder auf Bier (und Zigaretten?) anspielen — längst nicht alle ärmeren Eltern saufen und rauchen. Und übrigens: das Surfverhalten setzt erst ein, wenn die Kinder schon lange sauber sind;-)

    @R.A.: Prinzipiell hast Du ja recht. Aber die ISDN-Kosten können eine Familie schon drücken, wenn sie sowieso knapp bei Kasse ist. Oft melden solche Familien den ISDN-Festnetzanschluss wegen der hohen Grundgebühr ab. Und mit einem alten Modem macht es nun wirklich keinen Spaß.

  6. 8.07.2008 | 19:24

    Wobei sich die Frage stellt ob Kinder mit Hilfe von Wikipedia wirklich etwas lernen oder eher lernen zu kopieren - aber das ist ein anderes Thema

  7. 8.07.2008 | 20:38

    @SteffenH: Vorsicht dass Du die Bierkästen der Väter nicht dreimal ausgibst, das geht auch nicht bei Pfandflaschen. ;-)

  8. 8.07.2008 | 20:47

    Breitband ist keine Frage von Stadt oder Land. Mein Kollege zieht gerade nach Berlin-Mitte, 1 km Luftlinie vom Alex, 2 km vom Reichstag. DSL Fehlanzeige.

    Die These “kein DSL = soziale Benachteiligung” halte ich für ausgemachten Unsinn. Erstens haben bildungsferne Haushalte vielleicht keine PC mit DSL, wohl aber eine Playstation mit 20 Spielen. Am fehlenden Geld liegt es in solchen Fällen sicher nicht, denn ein DSL-Internetzugang, der allein für das Abrufen von Informationen gedacht ist, lässt sich mit Hardware zu sehr geringen Kosten realisieren.

    Zweitens liegt soziale Benachteiligung vor allem in Bildungsarmut begründet. Die behebe ich aber nicht mit staatlich subventioniertem Internet. Wer sich für Bildung nicht interessiert, der nutzt das Internet allenfalls für Unterhaltung. Sollen wir mit Steuergeldern dafür zahlen, dass Hauptschüler nun auch Videos bei Youtube gucken können? Wer sich für Bildung interessiert, wird mit und ohne Internet fündig. Und wenn das Internet mal wirklich nötig sein sollte, gibt es Zugänge in Bibliotheken und Schulen.

    Und die These, dass man in der Schule nicht mehr mitkommt, wenn man keine Wikipedia-Artikel lesen kann, halte ich für äußerst gewagt.

  9. Schmock
    8.07.2008 | 23:03

    @Holger
    “Sollen wir mit Steuergeldern dafür zahlen, dass Hauptschüler nun auch Videos bei Youtube gucken können?”
    Auch jetzt werden Zwangsgebühren erhoben, damit sich Hauptschüler Boxen oder “Nachrichten” bei dem ÖRF anschauen können. Wenn Fernsehen (vor allem dieses ÖRF) Grundversorgung sein kann, dann auch das Internet. Die Forderung Internet für alle ist eine logische Folge, dieses Grundversorgungsgedankens. Natürlich gehört das Internet viel eher zur Grundversorgung, als Fernsehen oder Radio…

  10. 8.07.2008 | 23:05

    jetzt mal die Diskussion um den Armutsbegriff beiseite gelassen… ich finde auch, wir überall in Deutschland Breitband-Internet haben sollten. (wenn das sogar in Estland möglich ist, dann doch wohl hier erst recht!)

  11. 8.07.2008 | 23:40

    Konstrukte wie dieses (grüne?) “Büro für Technikfolgenabschätzung”

    Ich kann die Assoziation nur zu gut verstehen, aber es muss schon mal gesagt werden: Nicht alles Böse kommt von den Grünen. Das Büro für Technikfolgenabschätzung wurde 1990 eingerichtet, und da waren noch Genschman und der Dicke am Werk.

  12. 8.07.2008 | 23:49

    Ach, erzähl nichts, da war doch schon alles von den 68ern unterwandert.

  13. R.A.
    9.07.2008 | 10:29

    SteffenH hat einen wesentlichen Punkt gebracht: Letztlich ist DSL-Verfügbarkeit ein Standortfaktor bei der Wohnungswahl wie viele andere. Und zwar eher ein zweitrangiger, denn im Gegensatz zu vielen anderen Faktoren läßt er sich durch Geldeinsatz ausgleichen. Für die bestmögliche Aufzucht von Kindern halte ich es z. B. für viel wesentlicher, daß sichere Freiflächen in der Nähe sind.

    Ich glaube auch nicht daß es richtig ist, aus rein dogmatischen Gründen diesen Standortfaktor flächendeckend vorzuhalten (ich glaube auch nicht, daß das in Estland wirklich in jedem Moordorf der Fall ist).

    Mir ging es bei diesem Thema eher um den pädagogischen Aspekt wie von Volker und Holger angesprochen.
    Ich bin nämlich sehr skeptisch, ob Computer und Internet wirklich so zentral für den Bildungserfolg und die Zukunftschancen von Kindern sind.

    Die nötigen Kenntnisse kann man auch noch als Student in wenigen Monaten erwerben - wenn man sinnvoll angeleitet wird.
    Wo aber diese Anleitung fehlt (wie an den meisten Schulen), da helfen auch jahrelanges Daddeln oder Googlen nicht viel.

    Was die Kinder wirklich lernen müssen, das sind Basiswissen und Fertigkeiten mit langfristigem Nutzen. Dazu können doch keine Techniken elementar sein, die es überhaupt erst wenige Jahre gibt.

    Wie generell in der Bildungsdebatte verdeckt hier der Blick auf Äußerlichkeiten (wie hier der Technik) die Beschäftigung mit den relevanten Inhalten.

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