Trotz eines Rekordgewinns…

Nehmen wir an sie bekommen ab nächsten Monat eine Gehaltserhöhung, dem selben Monat in dem bei ihnen ein Neuwagenkauf fällig wird. Dabei greifen sie zum neuen Zermedes Bunz 1000 J mit einem Motor, der bei einem Drittel mehr Leistung 20 Prozent weniger Spritkosten als ihr altes Fahrzeug verursacht. Ein Kollege meint dazu: Warum kaufst du dir ein sparsameres Auto, wenn du doch ab sofort mehr Gehalt bekommst? Nicht wahr, jeder würde bei dieser Frage den Kopf schütteln und fragen, ob der Kollege noch alle Tassen im Schrank hat. Warum sollte man nicht sparen, obwohl man mehr Geld verdient.

Soweit zu diesem fiktiven Beispiel. Doch warum ernten Journalisten für solche Aussagen immer wieder Verständnis und Beifall:

Der Stellenabbau ist Teil eines im Februar vorgelegten Sparprogramms, mit dem der Konzern trotz eines Rekordgewinns 2007 seine Wettbewerbsfähigkeit verbessern will.

Weil Otto-Normal-Leser seine private Entscheidungslogik nicht abstrahieren kann. Und genau deshalb ist wirtschaftspolitischer Unsinn die Folge der mentalen Trägheit der Massen.

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59 Kommentare zu “Trotz eines Rekordgewinns…”

  1. 8.07.2008 | 12:36

    Mitarbeiter sind für dich also gleichzusetzen mit Benzin? Und können verbrannt werden?
    Bäh!

  2. 8.07.2008 | 12:41

    @Boche:

    Ja, richtig verheizt… ;-) Naja, sie werden eigentlich entsprechend der vertraglich festgelegten Abmachungen entlassen, nicht verbrannt. Das bedeutet, dass sich sich, so wie ich frischgebackener Arbeitsloser gerade (Wo sind die Stellenangebote?), alle Zeit der Welt nehmen können, einen neuen, vielleicht sogar besseren Job zu suchen.

  3. Jana
    8.07.2008 | 13:02

    Der “Otto-Normal-Leser” geht halt davon aus, daß alle Angestellten generell minderjährige Kinder & alle Arbeitgeber - entsprechend - Eltern sind. Legt man also einer Beschäftigung dieses Verhältnis zugrunde, dann ist die Aufregung über jede Entlassung nur logisch. Von Eltern erwartet man halt, daß sie sich für ihre kleinen Kinder aufopfern - koste es, was es wolle.

    Warum sollte man dann von Arbeitgebern etwas anderes erwarten? … Solange der “Otto-Normal-Leser” nach dieser paternalistischen Logik urteilt, solange wird man, mit liberalen Argumenten, nix bei ihm ausrichten können.

  4. 8.07.2008 | 13:08

    @ Jana
    Das trifft’s sehr gut. Ich werde mir diese Sichtweise für meine nächste Diskussion meinen gutmenschelnden Freunden merken. Die reagieren aber meistens gleich beleidigt. ;-)

  5. 8.07.2008 | 13:27

    @Jana:

    Doch vielleicht, wenn man sie beispielsweise fragt, warum sie ständig neue Produkte von neuen Herstellern ausprobieren, wo doch der Kauf bei einem anderen als dem bisherigen Lieferanten mit Sicherheit dessen wirtschaftliche Existenz etwas in Mitleidenschaft zieht. Es bleibt bei dem mangelnden Abstraktionsvermögen, was man bei jeder Gelegenheit den Leute klar machen muss.

  6. 8.07.2008 | 13:36

    @SteffenH

    Die Analogie trifft es nicht ganz. Denn während man bei einer Gehaltserhöhung (dank unseres Staates allerdings nur gerade noch) davon ausgehen kann, dass sie tatsächlich in der Zukunft zu mehr Einnahmen führt, besagt ein in der Vergangenheit erzielter Gewinn über die Zukunft überhaupt nichts. Rein bilanztechnisch sogar eher nur Übles…

  7. F.Alfonzo
    8.07.2008 | 13:46

    @ SteffenH:
    Das mangelnde Abstraktionsvermögen mag ein Grund sein, ein weiterer ist m.E., dass Vergütung für Kapitaleinsatz mit entsprechendem Risiko für einen Otto-Normal-Leser keineswegs eine Selbstverständlichkeit darstellt.
    Ob es sich nun um Zinsen, Dividenden oder was auch immer handelt: Das Verständnis dafür, dass so etwas notwendig ist, damit überhaupt jemand bereit ist, Arbeitsplätze zu schaffen, scheint mir vor allem bei Selbständigen (also einer Bevölkerungsminderheit) vorhanden zu sein.
    Im Allgemeinen gilt wohl eher das Motto: Macht ein Unternehmen Gewinn, dann auf Kosten der Angestellten, die ihn erwirtschaftet haben, macht es Verlust, ist der Unternehmer schuld.

  8. multi_io
    8.07.2008 | 14:01

    Doch warum ernten Journalisten für solche Aussagen immer wieder Verständnis und Beifall:

    Der Stellenabbau ist Teil eines im Februar vorgelegten Sparprogramms, mit dem der Konzern trotz eines Rekordgewinns 2007 seine Wettbewerbsfähigkeit verbessern will.

    Weil dabei Menschen betroffen sind?

  9. 8.07.2008 | 14:04

    Weil dabei Menschen betroffen sind?

    Das trifft aber auf jede ökonomische Entscheidung zu. Auch, wenn ich das eine Auto statt des anderen kaufe. Oder, wenn ich mehr Geld für Benzin als für anderen Konsum ausgebe.
    Immer sind Menschen betroffen.

    Das kann es also eigentlich nicht sein.
    Allerdings ist der Umstand, dass Menschen betroffen sind, im Fall von Entlassungen sichtbarer, im Bastiat’schen Sinne.

  10. Jana
    8.07.2008 | 14:07

    Das erinnert mich an eine Demo anläßlich der Wartburg-Schließung in Eisenach, 1991. (Für die Jüngeren hier: Wartburg war ne KFZ-Marke in der DDR.) Die Demo (in Form einer Blockade oder eines Staus) fand auf den Autobahnen in der Umgebung des Herstellers statt, und alle Arbeiter & Sympathisanten waren gekommen, um gegen die “Abwicklung” zu protestieren. Schließlich (endlich) fiel einem Journalisten auf, daß keiner der Demo-Teilnehmer selber nen Wartburg fuhr, selbst ein Trabi war damals schon ne Rarität. Wenn die Unlogik der eigenen Empörung aber so offensichtlich ist, und trotzdem nur von einem einzigen Journalisten wahrgenommen wird, wenn man also meint, einfach immer beleidigt sein zu können, wenn Arbeitsplätze - aus welchen Gründen auch immer - gefährdet sind, dann … na ja, dann weiß ich auch nicht, was man noch sagen soll. So geht es mir schon, btw., seit so vielen Jahren …

  11. 8.07.2008 | 14:21

    @multi_io

    Gerade wenn Menschen betroffen sind, sollte man keinen Unsinn schreiben.

  12. 8.07.2008 | 14:21

    Das Problem ist doch, dass für den Arbeitnehmer einfach nichts mehr sicher ist. Macht die Firma Gewinne wird umstrukturiert und rationalisiert, macht sie keine wird entlassen.

    Und da meiner Meinung nach der größte Teil der Arbeitnehmer seine Arbeit machen möchte und wenig an Karriere denkt sondern an Geldverdienen als notwendiges Übel und Notwendigkeit zur Lebens- und Freizeitgestaltung, sind solche Unsicherheitsfaktoren nunmal Gift für Binnennachfrage und Geburtenraten.

    Zumal es wieder einmal zeigt, welche Gestaltungsspielräume man als AG-Vorstand hat, um sein erfolgsabhängiges Gehalt zu verbessern. Entweder kommt Geld rein durch gute Geschäfte, oder es wird eben nicht ausgegeben durch weniger Arbeitnehmer. Diese Möglichkeit an seinem Gehalt rumzuschrauben - z.B. Büro-PC verkaufen - hat der Mercedes Bund-kaufende Arbeitnehmer übrigens nicht.

  13. 8.07.2008 | 14:26

    @Marc:

    Der Arbeitnehmer hat einen Arbeitsvertrag, in dem ganz klar drin steht, welche Rechte und Pflicht er und der Arbeitgeber sich gegenseitig herausnehmen dürften und welche nicht. Wer sich also entgegen dieser Abmachungen sein Leben so einrichtet, als ob es diesen Vertrag nicht gäbe, der hat selbst nicht vorsorglich gehandelt. Weshalb sollten also andere diese Verantwortung dann übernehmen?

  14. 8.07.2008 | 14:28

    @Rayson:

    Nun ich gehe mal davon aus, dass Henkel mit dem Arbeitsplatzabbau versucht seine Produktivität zu erhöhen, was durchaus auch zu höheren zukünftigen Gewinnen führen sollte. Aber eine Garantie gibt es dafür nicht. Allerdings ist das nicht das Bier der Angestellten von Henkel.

  15. 8.07.2008 | 14:45

    @Marc

    Das Problem ist ein anderes: Handeln ist so gut wie ausschließlich in die Zukunft gerichtet. Das war noch nie anders, aber offensichtlich haben einige Leute angefangen, diesen Zusammenhang aus dem Auge zu verlieren.

    Eine Sicherheit gegen die Wechselfälle des Lebens kann es nun einmal nicht geben, auch wenn Politiker immer davon profitieren, wenn sie eine solche versprechen. Um so fataler ist, dass den Menschen über Jahrzehnte abgewöhnt wurde, für sich Verantwortung zu übernehmen. Dazu gehört auch, sich so aus- und weiterzubilden, dass eine Entlassung nur zu einem Wechsel des Arbeitgebers, nicht aber zu längerer Arbeitslosigkeit führt.

    Es ist übrigens meist ein Fehler, bei solchen Nachrichten mit dem Zeigefinger auf die heutigen Verantwortlichen zu deuten. Was da passiert, ist meist die Aufarbeitung von jahrelangem Missmanagement.

    Entweder kommt Geld rein durch gute Geschäfte, oder es wird eben nicht ausgegeben durch weniger Arbeitnehmer.

    Einfache Frage: Wenn ein Unternehmen durch die Beschäftigung von weniger Arbeitnehmern mehr Gewinn macht, warum gibt es dann überhaupt noch welche?

    Diese Möglichkeit an seinem Gehalt rumzuschrauben - z.B. Büro-PC verkaufen - hat der Mercedes Bund-kaufende Arbeitnehmer übrigens nicht.

    Auch ein Arbeitnehmer darf, wenn er meint, mit seinem Geld nicht auszukommen, zu einem Arbeitgeber wechseln, der ihm mehr zahlt.

  16. 8.07.2008 | 14:56

    Diese gemeine “einfache Frage”. Da muss ich doch glatt die Schublade “Eiskalter Liberaler” aufmachen. Von wegen keine Argumente und so. ;-)

    Sicherlich wäre es wünschenswert, wenn die Arbeitnehmer mehr Verantwortung für sich übernehmen würden. Aber wollen die Chefs wirklich so aktive Angestellte? Wie gesagt, ich glaube der größte Teil, will seine Arbeit machen und ansonsten seine Ruhe. Und das ist gut so, denn wäre die Menschen ehrgeiziger, dann gäbe es viel mehr Hauen und Stechen und Chef sein wäre deutlich schwieriger. Jeder Häuptling braucht Indianer.

  17. 8.07.2008 | 15:03

    Die Chefs wollen Leute, die möglichst super Arbeit bei maximaler Folgsamkeit und bedingungsloser Treue ableisten. Wenn das zusammen nicht zu haben ist, müssen sie sich entscheiden. Der Markt erledigt den Rest. Und ich glaube nicht, dass Unternehmen mit Arbeitnehmern, die vor allem sehr folgsam und sehr treu sind, auf Dauer besonders erfolgreich sein werden…

    Aber ich denke auch gar nicht an besonderen Ehrgeiz, nur an die Wahrung eines Feldes von Alternativen. Es reicht nicht aus, “nur seine Arbeit machen” zu wollen, wenn man selbst nicht in der Hand hat, woraus die besteht.

  18. Schmock
    8.07.2008 | 15:03

    Lieber Steffen,
    Dein Beispiel mit dem Wagen weist durchaus Unterschiede zu dem im verlinkten Artikel angesprochenen. Vor allem gehen die empörten davon aus, dass die Arbeitnehmer ihren Teil zum Erfolg des Unternehmens beigetragen haben. Es geht diesen Leuten nicht um wirtschaftliche Zusammenhänge, sondern um ungeschrieben Regeln der Fairness im Umgang mit anderen Menschen, ob es diese Regeln gibt und sie hier anwendbar sind, ist natürlich nicht klar. Vielleicht denken aber die empörten Leute durchaus auch an sich, hier ein Beispiel:
    Ein Mensch geht im Urlaub in ein Restaurant und das Essen schmeckt ihm gut, dann ist es sehr wahrscheinlich, dass er der Bedienung ein mehr als symbolisches Trinkgeld gibt, es ist auch durchaus üblich. Diese Verhaltensweise ist irrational, er muss kein Trinkgeld geben und auch wenn er ein Interesse hat, dass Bedienungen in Restaurants Trinkgeld bekommen, so kann er das doch die anderen erledigen lassen (es ist wohl auch im Interesse von Henkel, dass die Leute in Deutschland Geld verdienen/haben). Trotzdem gibt es diesen Brauch.

  19. 8.07.2008 | 15:11

    @Schmock:

    Was die Leute für fair empfinden oder erwartet steht in den Arbeitsverträgen. Wer sich nicht daran hält oder sich im Nachhinein über Dinge beklagt, die er unter anderen Umständen liebend gern in Kauf genommen hat, handelt unfair.

    Ich selbst bin soeben nach sechs Jahren von meinem Arbeitgeber entlassen worden, weil der beiderseitig geschlossene Vertrag fristgemäß auslief. Ich fühle mich deshalb nicht unfair behandelt…

  20. 8.07.2008 | 15:11

    @Marc

    Aber wollen die Chefs wirklich so aktive Angestellte?

    Woher denn plötzlich die Sorge um die Wünsche der Bosse? ;-)

  21. 8.07.2008 | 15:13

    @Rayson: Ein anderer gedanke, der mir gerade kam: Wurde uns wirklich abgewöhnt Verantwortung zu übernehmen oder sind wir nciht von Natur aus so. So dass der selbstbewusste Mensch und Arbeitnehmer ein Konstrukt ist wie der “neue Mensch”, den der Kommunismus braucht?

  22. 8.07.2008 | 15:14

    @Schmock

    Trotzdem gibt es diesen Brauch.

    Richtig. Nur ist es ebenso üblich, das Einfordern von Trinkgeld, und sei es nur indirekt durch schräge Blicke und vorwurfsvolle Gesten, ziemlich blöd zu finden.
    Dein Vergleich hinkt also auch ziemlich.

  23. 8.07.2008 | 15:17

    @Marc

    Bequemlichkeit mag tatsächlich in den Genen liegen. Verantwortungsgefühl aber nicht minder. Wage ich zu behaupten.
    Das mag jetzt kitschig klingen, aber: Seit ich Vater bin, spüre ich dieses Gefühl ziemlich deutlich. Und man kann nicht sagen, dass ich ein dem Bequemen sonderlich abgeneigter Typ wäre…

  24. Schmock
    8.07.2008 | 15:23

    @SteffenH
    Ich sage nicht, dass die Empörung berechtigt ist. halte sie nur für erklärbar. Außerdem gehen manche Empörten ja gerade von ihrem eigenen Verhalten in manchen Situationen aus. Siehe mein Beispiel mit Trinkgeld im Restaurant. Vereinbart ist nur die Zahlung des auf der Speisekarte gedruckten Preises und trotzdem ist es üblich Trinkgeld zu geben und einige Kellner nehmen es einem übel, wenn man es sein lässt. In Frankreich ist das noch ausgeprägter glaube ich. Vielleicht erwarten manche Leute auch nur die “Fairness” (mir ist schon klar, das dies ein unklarer und als moralische Keule verwendeter Begriff ist) die sie ihrem schwarz arbeitenden polnischen Handwerker angedeihen lassen.

  25. 8.07.2008 | 15:32

    @Schmock

    Wenn ein Unternehmen meint, durch die Entlassung von Leuten mehr Gewinn zu machen, deutet das nicht unbedingt darauf hin, dass diese in erheblichem Maß zum Gewinn des Vorjahres beigetragen haben.

    Natürlich sind Gewinnbeteiligungen eine gute Idee. Weiterbeschäftigung ist, wenn sie als für das Unternehmen nachteilig erkannt wird, keine. Du würdest einem Kellner, der in einem miesen Restaurant arbeitet, vielleicht ein Trinkgeld geben, aber ich bezweifle, ob du wiederkommen würdest.

  26. 8.07.2008 | 15:38

    @Marc

    Ich weiß nicht, wie der Mensch “von Natur aus” ist. Ich weiß aber, dass er lernfähig ist und in der Lage, sich an Veränderungen anzupassen. Wenn er nicht zu dem Schluss kommt, er habe das nicht nötig.

    Ich habe jedenfalls den Eindruck, dass gerade unter den gut ausgebildeten Arbeitnehmern eine sehr realistische und nüchterne Sicht Einzug hält. Unternehmen, die da nicht ganz schnell Butter bei die Fische tun und erstmal weiter einen auf Ringelpietz mit Anfassen machen, dürften da noch manch unangenehme Überraschung erleben.

  27. R.A.
    8.07.2008 | 16:38

    @Marc:

    Sicherlich wäre es wünschenswert, wenn die Arbeitnehmer mehr Verantwortung für sich übernehmen würden.

    Wohlgemerkt für sich selber - nicht für die Firma!

    Deswegen ist das

    Aber wollen die Chefs wirklich so aktive Angestellte?

    hier irrelevant.

    Es geht gar nicht darum, sich im Berufsalltag so viel anders zu verhalten.
    Es geht eher darum, daß man sich der eigenen Rolle bewußt ist, die Bedeutung der eigenen Arbeit für die Wertschöpfung der Firma halbwegs realistisch einschätzen kann (und auch, ob die eigenen Chefs diese Ansicht teilen).

    Und entsprechend sollte man auch für sich selber planen: Etwas Rücklagen bilden, darauf achten, ob die eigenen Qualifikationen zukunftsfähig sind, abzuschätzen, wie sich die Branche entwickelt.

  28. Lina
    8.07.2008 | 18:55

    Marktsprecher SteffenH zieht einen Vergleich:

    1) Ein Arbeitnehmer wird nicht verstanden, weil er sich aus der zu erwartetenden Gehaltserhöhung ein spritsparendes Auto kauft.

    2) Ein Unternehmer wird nicht verstanden, weil er bei Rekordgewinnen 1000 Arbeitsplätze streicht.

    Arbeitnehmersprecherin Lina folgert daraus:

    1) dass der Arbeitnehmer gut beraten ist, wenn er sich zum Kauf des “Spritsparers” entschliesst. Er erzielt langfristig Gewinn aus Einspareffekten.

    2) dass der Unternehmer gut beraten ist, seiner zu steigernden Wettbewerbsfähigkeit wegen 1000 Arbeitnehmer zu entlassen. Er erzielt kurz-, mittel- oder langfristig den Gewinn höherer Chancen auf dem Weltmarkt.

    Marktsprecher SteffenH möge ihr bei Gelegenheit die volkswirtschaftliche Bilanz aus beider Vorgehen präsentieren - in Relation, wenn’s geht, aber ruhig abstrahiert. Für Schadensmeldungen im Bereich Arbeitnehmerschicksale ist bekanntlich nicht er zuständig, sondern ausschliesslich die Arbeitnehmersprecherin, die aber schweigt dazu (an dieser Stelle) beharrlich.

    Würde sie nämlich (wie Andere auch) nach sog. “Betroffenen” fragen, müsste er sie glatt mit Journalisten in einen Topf werfen, die für den konkreten Versuch (!) eines Interessenvergleichs “Verständnis und Beifall” finden (-;…

  29. 8.07.2008 | 19:05

    @Lina

    Die volkswirtschaftliche Bilanz der Vermeidung von Ressourcenverschwendung ist immer positiv.

    Ich sehe auch keinen Grund, warum ein durch Kündigung oder Aufhebungsvertrag erzwungener Wechsel des Arbeitgebers Anlass für allgemeine Betroffenheit sein sollte.

  30. stefanolix
    8.07.2008 | 19:42

    Lina, um die Entscheidung des Unternehmens einschätzen zu können, brauchten wir einen tiefen Einblick in die Geschäftszahlen. Nur aufgrund der beiden Zahlen zum Stellenabbau und zum Gewinn (der aus der Vergangenheit kommt!) können wir überhaupt nichts einschätzen. Wir wissen auch überhaupt nicht, in welchen Bereichen Stellen gestrichen werden sollen.

    Henkel verweist ja unter anderem selbst auf gestiegene Rohstoffkosten und die Energiekosten spielen in dieser Branche auch eine wichtige Rolle. Also wird man in effizientere Technik investieren müssen. In dieser Beziehung ist Steffens Beispiel ziemlich treffend. Genauso tut es der Arbeitnehmer mit seinem rational begründeten Autokauf ja auch.

  31. 8.07.2008 | 20:57

    @Lina:

    Das Problem ist nur, dass die Ratio des Einsparens einmal gilt und das andere mal nicht. Das hat nichts damit zu tun, dass man nicht sein Bedauern über das Schicksal der betroffenen Ausdrücken kann. Aber so wie in der Zeitung wird aus der Sache sofort eine moralische Angelegenheit bzw. Verfehlung konstruiert, die auf tönernen Füßen steht, was ich hier deutlich machen wollte. Warum können die Journalisten vor Schreiben des Artikels nicht einmal kurz durchatmen, das Problem mit zumindest den meisten Konsequenzen gut durchdenken und dann damit enden, dass es schön wäre, dass die Entlassenen alsbald einen neuen Job finden, was ja in einer produktiveren Wirtschaft in aller Regel auch einfacher ist. Offenbar sehen manche die ökonomische Wirkungslogik per se als unmoralisch an. Oder fühlen sie sich einfach nur wegen einer Unterlassungssünde ertappt.

  32. 8.07.2008 | 21:07

    Was Rayson kurz und schmerzlos als Rssourcenverschwendung charakterisiert, ist die treibende Kraft des Strukturwandels. Wenn ein Unternehmen Arbeitsplätze abbaut, dann weil es die entsprechenden Funktionen aus welchen Gründen auch immer nicht mehr benötigt. Das ist in einer dynamischen Marktwirtschaft ganz normal und wir müssten uns Sorgen machen, wenn es nicht passieren würde.

    Denn Unternehmen verändern sich, verändern ihre Produktionsweise mit dem Ziel weniger Ressourcen (Arbeit, Kapital, Material) zu verbrauchen. Manches, was zuvor gemacht wurde, fällt dabei weg. Dafür entsteht Anderes neu. Das ist sicher schwer für die Betroffenen, aber es gibt keine Alternative. Man kann den Strukturwandel nicht aufhalten. Nach der Logik der Gewerkschaften, dass Gewinne erzielende Unternehmen keine Arbeitsplätze abbauen dürfen, hätten wir immer noch Heizer auf E-Loks - solange die Eisenbahngesellschaft nur einen Gewinn macht. Und in den Textilfabriken würden beschäftigungslose Weber herumlaufen.

    Das wäre fatal, weil die Freisetzung von Arbeitskräften aus nicht mehr benötigten Tätigkeiten auch eine wichtige Quelle von Arbeitskräften für neu entstehende Bereiche ist. Wären nicht durch die Produktivitätsfortschritte der Landwirtschaft viele Arbeitskräfte frei geworden, wären auch nicht genügend Arbeiter für den Aufbau der industriellen Produktion frei gewesen.

  33. Lina
    8.07.2008 | 21:11

    @ Rayson

    Ja, gewiss, kein Grund zu “allgemeiner Betroffenheit” - auch für den unmittelbar Betroffenen nicht, sofern er einen Anschlussjob findet und nicht beim staatlichen Sponsor (und in der damit verbundenen mentalen Demütigung) landet; sowas besorgt mich halt.

    @ stefanolix,

    Ja, unbestritten, dass Arbeitnehmer und -geber hier rational begründet handeln; das glaub’ ich auch ohne Zahlen vom Unternehmer, ich kenne ja in etwa den Handlungsrahmen. Mich hat die Proportion der Handlungen zueinander in ihrer volkswirtschaftlichen Bilanz interessiert, genauer: was hat am Ende der Steuerzahler auszugleichen - weil Henkel “verschlankt” besser wachsen kann. (Wie Siemens auch, wie ich gerade höre.)

  34. 8.07.2008 | 21:17

    @Lina:

    Die Arbeitnehmer haben mit Sicherheit jahrelang in die Arbeitslosenversicherung eingezahlt. Im Übrigen, was kann der Arbeitgeber für die steuerfinanzierte Quersubventionierung unseres sozialen Sicherungssystems. Zumal ja noch nicht klar ist, ob die Konsequenz eine Armada von Langzeitarbeitslosen ist. Außerdem werden die aus den Entlassungen resultierenden Gewinne entsprechend besteuert, was wiederum zur Gegenfinanierung der Maßnahmen gegen die sozialen Folgen des Arbeitsplatzabbaus beitragen dürfte.

  35. 8.07.2008 | 21:44

    @Lina

    Allmählich kommen wir zum Kern der Geschichte. Es sind nämlich die vordergründig “arbeitnehmerfreundlichen” Maßnahmen unseres Staates, die einen Anschlussjob für zu viele unwahrscheinlich machen.

    Was die moralische Einordnung angeht: Stell dir zwei Unternehmen, A und B vor, die dasselbe Produkt herstellen. Meinetwegen machen beide unheimlich viel Gewinn. A hat aber wegen einer früher zu optimistischen Einschätzung des Marktes 10% mehr Mitarbeiter beschäftigt. Ist es jetzt verwerflich, dass A die 10% mehr gerne wieder loswerden möchte? Das wäre dann ein klares moralisches Signal: Unternehmen, stellt so lange ihr es könnt auf keinen Fall neue Mitarbeiter ein, denn Entlassungen sind verwerflich. Investiert gerne in unseren Nachbarländern, dann bleibt unseren Mitbürgern das Schicksal erspart, entlassen zu werden.

  36. Lina
    8.07.2008 | 22:02

    @ SteffenH

    Aber so (…) wird aus der Sache sofort eine moralische Angelegenheit bzw. Verfehlung konstruiert, die auf tönernen Füßen steht, was ich hier deutlich machen wollte.

    Hast Du auch, wenn auch leicht übertrieben, denn soviel Kritik gab der relativ sachliche Text m. E. nicht her. Aber der Trend zur journalistisch einseitigen, betont emotionalen Sicht ist unübersehbar, das stimmt. “Schmelzonomics” sind das dann, wie auch ich sie für falsch halte; zum besseren (kommunikativen) Verständnis genügt ein Satz des Bedauerns, wie Du ihn weiter oben in Deine Antwort integriert hast; das hat mir gefallen.

    Im Übrigen, was kann der Arbeitgeber für die steuerfinanzierte Quersubventionierung unseres sozialen Sicherungssystems.

    Nichts, wenn ich’s mir recht überlege (-;. - Einen äusserst befriedigenden Effekt hat auf mich auch der Hinweis auf die aus Entlassungen resultierende Gewinnbesteuerung; ich danke!

  37. Robert Z
    8.07.2008 | 23:17

    Übrigens: Stellenabbau ist was anderes als Entlassungen.

  38. Schmock
    8.07.2008 | 23:18

    Mir ging es darum, dass Leute sich durchaus an ungeschriebene Regeln halten und dieses auch von anderen einfordern. Auch in wirtschaftlichen Fragen. So im Restaurant oder wenn sie einen polnischen Handwerker schwarz arbeiten lassen. In diesen persönlicheren Situationen legen viele Wert auf Verlässlichkeit und darauf, dass gute Arbeit belohnt wird (auch dann wenn sie irgendjemand anders noch besser gemacht hätte). Außerdem sehen Deutsche die “soziale Verantwortung” hoch an und eine Kooperation zwischen Staat und Wirtschaft. Der Staat unterstützt unternehmen, dafür sollen sie sich sozial verhalten. Ich halte dieses Modell für schädlich und dumm, aber es ist populär in Deutschland.
    Auch denke ich, aus pragmatischen Gründen, dass es keine Regel sein sollte, dass ein Unternehmen, das Gewinn macht keine Leute entlassen sollte, aber für viele Leute ist dies eine ungeschriebene Regel, deshalb sind sie, aus ihrer Sicht zurecht, empört.

  39. Lina
    8.07.2008 | 23:19

    @ Rayson

    Ist es jetzt verwerflich, dass A die 10% mehr gerne wieder loswerden möchte?

    Aus (verwerflicherweise angewandter (-;) moralischer Sicht, ja. Sonst aber ist diese Absicht als rational und konsequent zu bewerten, also vertretbar.

    Wir kommen zum Kern der Geschichte? Was aber genau sind vordergründig “arbeitnehmerfreundliche” Massnahmen des Staates? Wo beginnen sie, vordergründig zu sein, und wo sind sie berechtigt? Ich bin überzeugt davon, dass etliches entfallen könnte, auch von dem übrigens, was die Gewerkschaften so gern draufsatteln;ihnen spreche ich mittlerweile jeden Realitätsbezug ab.

    Ich sehe hier übrigens auch einen direkten Bezug zu den von Dir verlinkten Gedanken zu Verantwortung (Stefan Blankertz). Mit seinen nur vordergründig dienlichen Strategien schafft der Staat ein Klima des allumfassenden Schutzes, der jegliche (eben auch wirtschaftliche) Eigenverantwortung und Eigeninitiative erstickt. Was wir demnach zuallererst bräuchten, sind menschenfreundliche Wiederbelebungsmassnahmen, mehr *Freiheit* also…

  40. 8.07.2008 | 23:35

    @Lina

    Aus (verwerflicherweise angewandter (-;) moralischer Sicht, ja.

    Dann heißt du die damit verbundene Botschaft gut, die ich oben daraus gefolgert habe? Interessant, wirklich.

    Was aber genau sind vordergründig “arbeitnehmerfreundliche” Massnahmen des Staates?

    Kündigungsschutz, Mindestlohn, Allgemeinverbindlichkeit von Tarifverträgen, perfektionistische Auflagen selbst bei Kleinbetrieben, diverse arbeitsrechtliche, aus “Richterrecht” erwachsene Vorgaben.

    Wo beginnen sie, vordergründig zu sein, und wo sind sie berechtigt?

    In den ersten drei von mir genannten Punkten beginnt das Problem von Anfang an. Bei den anderen ist ein genauer Blick auf Qualität und Quantität erforderlich. Mit dem wäre aber schon viel gewonnen.

    Mit seinen nur vordergründig dienlichen Strategien schafft der Staat ein Klima des allumfassenden Schutzes, der jegliche (eben auch wirtschaftliche) Eigenverantwortung und Eigeninitiative erstickt.

    Ja, das ist ein großer Teil des Problems.

  41. 8.07.2008 | 23:37

    @Schmock

    Auch denke ich, aus pragmatischen Gründen, dass es keine Regel sein sollte, dass ein Unternehmen, das Gewinn macht keine Leute entlassen sollte, aber für viele Leute ist dies eine ungeschriebene Regel, deshalb sind sie, aus ihrer Sicht zurecht, empört.

    “Leuten” verzeihe ich jede Dummheit. Journalisten nicht.

    @Robert Z

    Übrigens: Stellenabbau ist was anderes als Entlassungen.

    Volkswirtschaftlich aber ziemlich dasselbe.

  42. Schmock
    8.07.2008 | 23:56

    @Rayson
    Schreiben Journalisten nicht gerade das was Leute lesen wollen? Schließlich wollen auch journalisten Geld verdienen und das geht nur, wenn sie gerne gelesen werden. Etwas “dummes” zu schreiben muss also keine Dummheit sein.

  43. 9.07.2008 | 0:34

    @Schmock

    Das ist eine Frage des Themas und der Komplexität. Auf einer sehr primitiven Stufe lässt es sich leicht ergründen, was “die Leute lesen wollen”. Aber diese Stufe erfordert keine Vergewaltigung der eigenen Meinung, “nur” eine Vergewaltigung der eigenen Präferenzen (und vielleicht auch Ethik).

    Bei komplexeren, politischen Themen bin ich mir da nicht so sicher. Ich glaube nicht, dass auf Dauer ein Journalist mit einer linken Einstellung ein rechtes Publikum zu dessen Zufriedenheit bedienen kann und umgekehrt - wieder ein bestimmtes Niveau vorausgesetzt, denn auf der untersten Stufe geht auch das problemlos, wie jüngst ein Troll in den Kommentaren zu einem Beitrag des A’Teams (das nichts dafür kann, dass ein anderer Kommentator die These bestätigte) unter Beweis stellte.

    Ich habe da eher den Eindruck, als ob ab einer bestimmten Stufe von Komplexität und Niveau Journalisten gar nicht anders können, als sich persönlich in ihre Beiträge jenseits von reinen Nachrichten einzubringen. Aber sie übernehmen damit auch eine Verantwortung, von der ich bezweifle, dass sie ihr mit plumpem Meinungsjounalismus und politikerähnlichen Appellen an Ressentiments gerecht werden können.

  44. Michel
    9.07.2008 | 12:10

    @ Schmock: Unter anderen Umständen wäre die Frage ob diese Ungeschriebene Regel eine Norm ist die positive Auswirkungen hat durchaus disskusionsfähig. Leider wird versucht aus der Empörung, darüber dass die Regel nicht einghalten wird, eine Legitimation für staatlichen Zwang abzuleiten. Eines ist sicher wenn die Regel, Angestellte nur bei außergewöhnlichen Umständen zu entlassen, gewaltsam durchgesetzt wird, dann hat sie negative Auswirkungen. Dass die Emporung öffentllich gemacht wird, ist als Versuch zu werten die Politik zu entsprechendem Eingreifen zu bewegen und daher zu verurteilen.

  45. Lina
    9.07.2008 | 12:18

    @ Lina an Rayson

    Interessant, wirklich.

    Ja? Die Deiner Folgerung übergeordnete Aufgabe war es für mich, zwei unterschiedliche Sichtweisen voneinander zu trennen(zu abstrahieren, wie SteffenH es nennt), ohne aber die Verbindung zu verlieren und ohne eine der anderen unter- oder überzuordnen. Täte ich das, müsste ich mich eines Verlusts an Mitmenschlichkeit bezichtigen. (Ihr kommt mit der einseitigen Demo rechnerischer Kälte doch nicht umsonst zum Prädikat “Neoliberal” (-;…)

    Zugegeben, das hat gedauert, ändert aber noch immer nichts daran, dass meine Zweifel, eine freie Marktwirtschaft würde in naher Zukunft die Gräben halbwegs wieder zuschütten können, die sie verteilungsmässig aufgerissen hat, nach wie vor bestehen, ja sogar wachsen, je mehr Hiobsbotschaften aus der Finanzwelt kommen.

    Ein beispielhaftes Bild dazu - aus Europa: Wenn der grosse, schöne und florierende Turiner Wochenmarkt freitags seine Zelte abbricht, fallen die Verarmten der als reich geltenden Stadt zu Hunderten mit Plastiksäcken ein und grasen ihn systematisch nach Überresten ab. Abfallwirtschaft ähnlich der in Drittweltländern - hier bei uns? Beschämend für eine Idee namens freie Marktwirtschaft, deren Image und Auswirkungen, finde ich. Oder ist es nur - wenn ich abstahiere! - ethisch zwar bedenkliche, aber durchaus marktkonforme, üblich gewordene Ressourcenendverwertung?

    (Man kann es aber auch so sehen: als neuen italienischen “Realismo”, dem Pasolini den Plot für einen Film seines Genres abgewinnen würde - wenn er nicht schon lange tot wäre…)

  46. 9.07.2008 | 14:50

    @Lina:

    Wenn ich mich mal in euer Zwiegespräch einmischen darf, dann hier meine Gedanken zu deiner notorischen Auffassungen, es gäbe zwei Sichtweisen des selben Problems. Nein, gibt es nicht, den beide Sichtweisen werden von den selben Leuten vertreten. Der selbe Journalist, der im oben konstruierten Fall natürlich auch für das sparsame Auto plädieren würde, formuliert in der Zeitung einen derartigen Satz, ohne zu reflektieren, dass er soeben inkonsistent war. es ist nichts weiter als geistige Trägheit gepaart mit einem Feindbild, das zum Teil Ergebnis dieser geistigen Trägheit ist.

    Da nützt es auch nicht, immer wieder Beispiele für unangenehme Folgewirkungen ungleicher Ausgangsbedingungen und Charaktereigenschaften von Menschen anzuführen, die in keiner denkbaren Organisation der Gesellschaft beseitigt werden können. Ungleichheit bleibt bestehen, ändert bei allen Versuchen sie zu beseitigen bestenfalls ihre konkrete Erscheinung.

    Moralisierendes Gebrabbel, dass von falschen Prämissen wirtschaftlicher Handlungslogik ausgeht, wird nicht dadurch besser, dass die Motive ehrenhaft sind. Man kann noch so motiviert eine Mathearbeit vergeigen, vergeigt ist vergeigt. Wer dafür noch im Erwachsenenalter einen Bonus verlangt ist ein Faulenzer, der versucht sich auf eine ganz billige Tour durchs Leben zu schlagen.

    Deine “Neoliberalen” unterscheiden sich von den meisten ihrer Kontrahenten durch den Versuch, sich nicht beim Lob für die eigene Motivation oder der Verurteilung der Motivation anderer aufzuhalten, sondern der Suche nach einer Problemlösung eine Problemanalyse voranzustellen. Und die sieht nicht so aus, dass man die Schuld für eigene Defizite zunächst erstmal anderen oder der Gesellschaft als Ganzes in die Schuhe schiebt. Und da schließe ich unvermeidbare individuelle Nachteile ebenso mit ein wie vermeidbare. Armut hat in den überwiegenden Fällen etwas mit selbst zu verantwortender Unfähigkeit, viel seltener etwas mit körperlichem Unvermögen zu tun. Ebenso ist es mit den individuellen Arbeitsmöglichkeiten. Man kann also die Problemlage zunächst selbst reflektieren und alle lohnenden Vorkehrungen treffen nicht in missliche Situationen zu geraten oder die Problemverantwortung gleich delegieren. Letzteres ist die Norm und wird dort, wo dem soziale Kontrolle keinen Riegel vorschiebt zu einem gesellschaftlichen Entwicklungsproblem, weil die Freibeuterei der Leistung anderer gesellschaftlich erstmal akzeptiert einträglicher als die eigene Leistung ist. Leute die sich permanent um einen Kuchen streiten, haben keine Zeit derweil einen neuen, größeren zu backen und vergessen irgendwann auch das Rezept.

  47. Lina
    9.07.2008 | 17:59

    @ SteffenH:

    Ich verstehe zwar nicht recht, warum Du Deinen aufgestauten Zorn über journalistische Auslegungen ökonomischen Handelns über mich ausgiessen musstest, zumal ich Dir hier keinen Anlass geliefert habe, aber wenn’s Dir hilft? Mir macht’s nichts.

    zu deiner notorischen Auffassungen, es gäbe zwei Sichtweisen des selben Problems

    .

    Ich halte mich an die alte Volksweisheit, nach der jedes Ding zwei Seiten hat; das ist auch hier der Fall, indem sich eine ökonomische und eine soziologische Sicht des selben Problems anbietet.

    es ist nichts weiter als geistige Trägheit gepaart mit einem Feindbild

    Das kommt leider auch bei Journalisten vor - aber hätte ich etwas anderes behauptet? Noch gestern habe ich Dir zugestimmt.

    Ungleichheit bleibt bestehen, ändert bei allen Versuchen sie zu beseitigen bestenfalls ihre konkrete Erscheinung.

    Richtig. Und macht bestenfalls neue Bilder - wie das von mir beschriebene. Wenn ich von zuzuschüttenden Gräben sprach, dann heisst das, dass sie zuvor so tief nicht waren; Gleichheit, das weiss jeder, ist nicht vorgesehen, wird nicht erwartet, und kommt auch nicht.

    Moralisierendes Gebrabbel…

    Wo hast Du meinerseits welches finden können, oder liegt da noch anderes auf Halde, dem Du pauschal begegnen wolltest?

    Deine “Neoliberalen” …

    Sie standen in Anführung, ergänzt durch einen Zwinkersmiley. Wenn sie, die “meinen”, Dir Anlass zu einer Charakterisierung gegeben haben - gerne. Sie sehen gut aus, so wie Du sie beschreibst, sind absolut in Ordnung, und ich habe nichts gegen sie; (meine Feststellung war, dass sie generell nicht gut, bzw. kalt herüberkommen.)

    dass man die Schuld für eigene Defizite zunächst erstmal anderen oder der Gesellschaft als Ganzes in die Schuhe schiebt.

    Gängige Praxis, richtig. Aber willst Du mir etwa dieses Paar anziehen? Ohne jeden Anhaltspunkt?

    Armut hat in den überwiegenden Fällen etwas mit selbst zu verantwortender Unfähigkeit, viel seltener etwas mit körperlichem Unvermögen zu tun.

    Ja, stimmt. Sehr pragmatisch gesprochen; muss man so nicht teilen, kann man aber.

    Ebenso ist es mit den individuellen Arbeitsmöglichkeiten. Man kann also die Problemlage zunächst selbst reflektieren und alle lohnenden Vorkehrungen treffen nicht in missliche Situationen zu geraten oder die Problemverantwortung gleich delegieren. Letzteres ist die Norm und wird dort, wo dem soziale Kontrolle keinen Riegel vorschiebt zu einem gesellschaftlichen Entwicklungsproblem, weil die Freibeuterei der Leistung anderer gesellschaftlich erstmal akzeptiert einträglicher als die eigene Leistung ist. Leute die sich permanent um einen Kuchen streiten, haben keine Zeit derweil einen neuen, größeren zu backen und vergessen irgendwann auch das Rezept.

    Bemerkenswert auf den Punkt gebracht, weshalb ich den Block übernehme; das soll Dir mal einer nachmachen. Ja, genauso sehe ich das auch.

    Lieber SteffenH! Du hast also einen sehr lesenwerten Monolog mit gehörigem Drive gehalten; er hat mir auch ohne konkrete Bezugnahme gut gefallen. Ausgehend von einer fälligen Journalistenbeschimpfung hat er den unvermeidlichen Weg über das “moralisierende Gebrabbel” genommen, ist dann zur Charaktistik des sog. Neoliberalen und des Arbeits(un)fähigen gekommen, aber an mir und meinem Text bist Du IMHO vorbeigezogen; na ja, wolltest halt wieder mal Wichtiges und Richtiges auf meine Kosten loswerden. Hast Du gut gemacht, und wie schon oben gesagt: es ist nix passiert ausser, dass ich wieder dazugelernt habe. Und das tue ich sehr gern ;-)!

  48. Lina
    9.07.2008 | 18:03

    P.S.: Sorry für den Verhau in der Optik! Gehe wohl besser wieder zu den Gänsefüsschen über…

  49. 9.07.2008 | 18:09

    @Lina:

    Ich verstehe einfach nicht, was du mit zwei verschiedenen möglichen Sichtweisen meinst. Vielleicht kannst du mir das mal erklären.

  50. 9.07.2008 | 18:14

    Sorry für den Verhau in der Optik!

    Ist ja nicht so, dass sowas nicht einfach zu beheben wäre.

  51. Jana
    9.07.2008 | 18:25

    @SteffenH
    Ungleichheit bleibt bestehen, ändert bei allen Versuchen sie zu beseitigen bestenfalls ihre konkrete Erscheinung.

    Das stimmt. Komischerweise gibt es bei uns den Allgemeinkonsens, daß sich alle Menschen gerne immer mehr unterscheiden mögen/sollen - in Begabungen, im Kleiderstil, in Schönheit, in sexuellen Vorlieben usw., nur in materieller Hinsicht sollen sie möglichst alle gleich sein. … Na ja, einer, der dumm und reich zur Welt kommt, hat schon Vorteile gegenüber einem (durchschnittlich) Klugen, der arm zur Welt kommt, oder? … Jetzt möcht ich aber nicht, daß daraus falsche Schlüsse gezogen werden (zumal ich mir eh nicht sicher bin, ob meine “Behauptunxfrage” stimmt)! ;-)

  52. Lina
    9.07.2008 | 19:45

    @ Rayson

    Was für ein Service! Als etwas ästhethisch Orientierte machst mich überglücklich damit(-;.

    @ SteffenH

    Ich komme darauf zurück! Bisher ist jeder Versuch gescheitert, ausgerechnet Dir eine plausible Erklärung vorlegen zu können (-;…

  53. Lina
    9.07.2008 | 20:59

    @ SteffenH

    …was du mit zwei verschiedenen möglichen Sichtweisen meinst.

    Was für mich als ausserhalb des Fachgebiets Ökonomie Stehende so selbstverständlich ist, nämlich, zwei Sichtweisen auf ein Objekt zu haben, von den sprichwörtlichen “zwei Seiten einer Medaille” auch die sog. Kehrseite zu betrachten, kann ich nur schwer erklären. Warum eigentlich?

    Ein Versuch: die eine Seite (der Medaille) nennt die Zahl und damit das objektiv zu betrachtende System (der Ökonomie). Die Kehrseite, das Symbol also, enthält einen anderen Wert, der bei Betrachtung das Objekt, die Ökonomie, in Relation setzt zu ihrer Wirkung auf das angewandte Gebiet, den Markt also. So komme ich zu zwei Sichtweisen auf ein Objekt, indem ich einmal das System an sich und das andere Mal dessen Wirkung betrachte. (Ich füge vorsichtshalber hinzu: für mich ist es ein und dasselbe…)

    Ich gebe zu, ein etwas ungewöhnlicher Ansatz (-;. Er ist unwissenschaftlich, kaum belastbar, vielleicht sogar untragbar. Das täte mir Leid für den Leser. Dass aber die Ökonomie absolut nichts dafür kann, dass wir fehlbare Menschen sind, sehe ich ein (-;.

  54. 9.07.2008 | 21:29

    @Lina:

    Kannst du das noch einmal etwas verständlicher machen, ich bin nur Ökonom.

    Womit ich bei deinen Andeutungen immer ein Problem habe, ist die unterschwellige Behauptung, die Wirkung des ökonomischen Systems ginge der sachlichen Analyse des Ökonoms emotional am Allerwertesten vorbei. Das ist jedoch nicht so. Umgekehrt wird ein Schuh daraus, wenn man als Journalist ohne Kenntnis der konkreten Sachlage und unter Vernachlässigung der funktionalen Zusammenhänge des Problems einseitig Partei ergreift und sich mit dem Beifall des Publikum stillschweigend aus der Verantwortung für das verbockte Weltbild der Öffentlichkeit stielt.

  55. Lina
    9.07.2008 | 23:28

    @ SteffenH

    Dem Nur-Ökonomen kann ich nicht antworten; ich wüsste nicht wie. Ich gehe aber davon aus, dass Du auch Mensch bist und es doch aushalten können musst, dass ein Journalist, wenn er kein Fachjournalist aus dem Wirtschaftsressort ist und als solcher über die Vorhaben von Henkel *berichtet*, ins Allgemeinverständliche, ja sogar platt ins Erwartete ausweicht und lieber Partei für die von Kündigung Betroffenen ergreift, als die ihm zu komplexe, wenn nicht gar unbekannte Sachlage darzustellen; das ist ärgerlich, und ich habe es Dir schon gestern bestätigt.

    Tatsache ist, dass er die Grenzen der Berichterstattung überschreitet, wenn er wertet. Das ist zweifellos ein abenteuerlicher und unseriöser Akt. Er bedient damit (ARD-auftragsgemäss?) den Leser, der statt eines Berichts eine Meinung lesen möchte, und am liebsten die, die sich den hausinternen Erfahrungswerten nach am besten verkauft. Die Trennung von Nachricht und Meinung funktioniert bei den ÖRA übrigens schon lange nicht mehr und war schon vielfach Anlass für mich, Leser/Zuschauer-Mails zu schreiben - bislang ohne Resonanz.

    (Btw. ein aktueller Fall: in seiner gestrigen “heute”-Sendung nannte der ZDF-Nachrichtensprecher Amerika den weltweit grössten “Klimasünder”; unabhängig vom Wahrheitsgehalt der quantitativen Aussage, enthält die Verwendung des Begriffs “Sünder” eine Schuldzuweisung; ein Skandal, wie ich finde, dem ich eine Mail folgen liess - ohne Resonanz.)

    Fazit: Ich teile Deinen Zorn darüber. Wie ich aber dem eigenen Erklärungsnotstand in Sachen zweifacher Sichtweisen auf ein Problem beikomme, weiss ich noch nicht.

  56. Lina
    10.07.2008 | 8:16

    Noch ein Versuch, der letzte: A, der Ökonom, berichtet B, der Nichökonomin, von der unvollständigen, weil einseitigen Interpretation einer die (zwei Seiten der) Ökonomie betreffenden journalistischen Meldung. Sie habe Schlagseite zum Emotionalen hin, während sie den rein ökonomischen Sachverhalt unterschlage, bzw. nicht korrekt wiedergebe; damit sind für B (durch A) die Existenz der zwei Seiten von Ökonomie (nämlich System und Wirkung) in ihrer bereits durch A vollzogenen Trennung voneinander erwiesen und bestätigt.

    A selbst verfährt seinerseits entsprechend: er behandelt und betont, wenn er über schreibt, ausschliesslich den ökonomischen Sachverhalt, wodurch B (unterschwellig und andeutungsmässig) auf die naheliegende Idee verfällt, der Wirkungsgehalt des Systematischen ginge ihm am Allerwertesten vorbei. Dass dem nicht so sei, betont er auf Nachfrage erst nachträglich. B will es jedoch in Zukunft voraussetzen.

    (Genügt das jetzt?)

  57. 10.07.2008 | 10:27

    @Lina:

    Es genügt. Es bleibt die Frage, wo die Basisannahme herkommt, dass es den Ökonomen emotional nicht anficht worüber er berichtet. Mir ist bspw. nicht bekannt, dass man Ärzten, die über die Ursache von Schmerzen dozieren, automatisch mangelndes Verständnis für das Leiden der Betroffenen attestiert.

  58. Lina
    10.07.2008 | 10:50

    @ SteffenH

    Diese Basisannahme besteht nicht, sondern wird erst in Folge eines konsequenten verbalen Nichtberührens von “Schmerzen” (aller Art…) hervorgerufen.

  59. 10.07.2008 | 11:21

    @Lina:

    Ich bin schlichtweg aus dem Alter raus, indem ich es für nötig hielt gegenüber intelligenten Menschen erst jedesmal klarstellen zu müssen, dass ich kein empathieloser Autist bin.

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