16. August 2008
Ein Märschen (I)
Auf einer ebenso fernen wie fiktiven Insel lebten zwei Ehepaare, A und B. Die beiden Paare mochten und verstanden sich, und so beschlossen sie, für immer und ewig zusammenzuhalten und sich gegenseitig zu unterstützen. Um auf dieser Insel zu überleben, konnte man jagen und Landwirtschaft betreiben. Nun ergab es sich, dass die Eheleute A gerne bäuerlich tätig waren, während sich die beiden Bs als besonders geschickte Jäger erwiesen. Und da sowohl die As gerne Wildbret als auch die Bs gerne Gemüse aßen, war diese Arbeitsteilung zum Wohle aller, denn durch Tausch konnten die Bedürfnisse beider Paare gut erfüllt werden.
Leider aber wurden die beiden As und die beiden Bs irgendwann einmal alt und starben. Die As hinterließen einen Sohn, nennen wir ihn A. Und die Bs hinterließen zwei Söhne, B1 und B2 (für die Feministinnen unter den LeserInnen: Bitte ab dieser Stelle die Worte “Sohn” und “er” in allen Beugungen durch “Tochter” und “sie” ersetzen). A erwies sich als würdiger Erbe seiner Vorfahren. Er hatte schon als Kind immer sehr gut aufgepasst, was seine Eltern taten, und er nutzte den ererbten Vorrat an Samen und das erworbene Wissen, um die Anbaumethoden immer mehr zu verbessern. Als B1 und B2 das erste Mal auf die Jagd gingen, entdeckten sie ihre wahren Talente. B1 dauerte der Tod der unschuldigen Tiere. Er begann, tiefe Betrachtungen über das Leben an sich anzustellen und wurde zum Philosophen. B2 hielt sofort inne, als er den ersten Hirsch auf der Lichtung erblickte, und sofort erschloss sich ihm die Schönheit dieses Augenblicks. Fortan kehrte er nur mit Pinsel, Farben und Staffelei in den Wald zurück, um diese Schönheit immer wieder neu einzufangen. Er wurde zum Künstler.
Die gegenseitigen Tauschgeschäfte verliefen jedoch etwas schleppend. A hätte zwar gerne wieder mal etwas Wildbret genossen, ließ sich als Gegenleistung zu seinen Getreide-, Obst- und Gemüselieferungen dann aber von B1 in Werten und Normen unterweisen und nahm B2s erste Werke ab, um sie in seinem Wohnzimmer aufzuhängen. Doch irgendwann empfand der die Weisheiten von B1 nur noch als nutzloses Geschwurbel und wollte auch keinen 20. “Röhrenden Hirsch” mehr irgendwo in seinem Haus aufhängen. Er verlangte nach Wildbret, sonst würde er die Früchte seiner Arbeit nicht mehr zur Verfügung stellen.
Da scholt ihn B1 diverser Verfehlungen und bezichtigte ihn der sozialen Kälte. Er erinnerte daran, was die Eltern einander geschworen hatten, und dieser Schwur würde auch deren Nachfolger binden. A zeige faschistische Züge, wenn er ihn zur Arbeit als Jäger zwingen wolle. Er habe sich den Beruf des Philosophen ausgesucht und das Recht, ihn frei auszuüben. Von Freiheit könne aber keine Rede mehr sein, wenn er sich um sein täglich Brot sorgen müsse. B2 dachte lange nach und gab dann B1 recht. A müsse doch einsehen, dass er durch die Herkunft bevorzugt worden sei. Seine Eltern hätten ihm Samen und eine Ausbildung vererbt, und das sei ein durch nichts gerechtfertigter Startvorteil. Außerdem hätte er den Ertrag seiner Felder vervierfacht, und er, B2, sei der Meinung, dass starke Schultern wie die von A mehr tragen müssten als schwache wie die von B2. Außerdem sei A ganz sicher durch die tiefgründigen Reden des B1 und die Kunstwerke des B2 erst so inspiriert worden, sein Einkommen müsse also großteils als gesellschaftliches verstanden wären.
A zeigte sich jedoch all diesen Argumenten gegenüber hartleibig. Da beschlossen A, B1 und B2 in einem urdemokratischen Verfahren mit Zweidrittelmehrheit, sowohl eine Erbschaft- als auch eine Einkommensteuer einzuführen, wie es sich in einem sozialen Gemeinwesen geziemt.
Und wenn sie nicht an Einweißmangel gestorben oder ausgewandert sind, arbeiten, philosophieren und malen sie noch heute.
Verfasst von Rayson um 20:50 Uhr in der Kategorie Humor und Satire (Trackback)