20. August 2008
Im Tunnel der Klimapolitik
Mit einem “Wir schaffen das.” überlässt Deutschlands “Kennerin der Energie- und Umweltökonomie” mich beim Lesen des Bahn-Magazins wieder dem eintönigen Rattern des Eisenbahnwagons. Nicht ohne mir vorher eine rosige Zukunft als Mitglied eines erneuerbare Energien nutzenden Energiesparkollektivs mit tollen Jobs in der Windkraftindustrie ans Herz gelegt zu haben. Wenn wir alle nur schön sparen und den Staat mit unseren Steuermitteln die regenerativen Energieträger anfüttern lassen, dann werden wir in 30 Jahren dieses Land mit einer Million neuen Arbeitsplätzen dank der Klimakatastrophe, oder besser des Kampfes dagegen, wieder auf Vordermann gebracht haben.
Irgendwie kann ich ihr das alles nicht abnehmen. Zunächst einmal stellt sich mir die Frage, weshalb es eine kollektive Pflicht zum Energie sparen geben sollte. Wenn ich persönlich der Meinung bin, dass mein Bequemlichkeitsgewinn das Licht nicht zu löschen die entstehenden Stromkosten irgendwann nicht mehr rechtfertigt, dann kann ich meine Konsequenzen ziehen, aufstehen und abschalten. Weshalb ich aber eine kollektive Verantwortung habe sollte meinen Toaster auszuschalten, damit für meinen Nachbar das Fernsehen nicht zu teuer wird erschließt sich mir nicht. Genauso wenig ist mir klar, warum ich heute schon teure regenerative Energieträger nutzen soll, wenn noch gar keine Not dazu besteht. Schließlich kann ich mir solange konventionell hergestellte Energie kaufen wie sie billiger ist als ihre regenerative Konkurrenz und das damit gesparte Geld irgendwie gewinnbringend anlegen. Wo der Haken an diesem Kalkül sein soll bleibt mir der Artikel schuldig? Die bloße Tatsache, dass der Strom aus Windkraft und Co ohne Subventionen wie Blei in den Regalen liegen würde, zeigt doch eindeutig, dass auch die dramatisch gestiegenen Energiepreise noch nicht ausreichen alternative Energien in Gänze wirtschaftlich werden zu lassen. Warum die Deutschen in dieser Situation gezwungen werden sollen den Gürtel noch enger zu schnallen als er ohnehin schon sitzt ist unklar. Gut der Artikel behandelt das Klimaproblem, doch das geht nach herrschender Meinung von Treibhausgasen aus und nur bedingt vom Energieverbrauch. Überlegungen, wie wir uns auf die Emissionen als solche konzentrieren können, sucht man aber vergebens. Ich jedenfalls werde mir nicht vor lauter Erregung über die Spritpreise ein Elektroauto zulegen, um dann zu merken, dass die sündhaft teure Kiste bereits wenige Kilometer hinter dem Stadtrand nach der nächsten Steckdose verlangt. Bei aller kollektiver Verantwortung für dies und das, aber wer springt dafür ein, wenn meine Geldbörse vom vielen Energie sparen schon vor dem Monatsende leer ist?
Klimaskeptikern wird ja gern vorgeworfen, sie würden einseitig für Erdölkonzerne Partei nehmen. Doch werde ich den Verdacht nicht los, dass auch die Autorin nicht ganz unbefangen ist, wenn sie die deutsche Volkswirtschaft auf die Umwelttechnikbranche und deren Arbeitsplatzgewinne reduziert. Dass das Zauberwort Opportunitätskosten, nach dem Investitionen in einem Bereich nicht mehr in anderen Bereichen getätigt werden können, in den Köpfen der Durchschnittsbürger nur dann Bedeutung erlangt, wenn statt des neuen Fernsehers das Finanzamt bezahlt werden muss, ist irgendwie verständlich. Einem Ökonom, der sein Brot mit der Abwägung von Handlungsalternativen nach Kosten-Nutzen-Erwägungen verdient, sollte dieser Fauxpas jedoch nicht passieren.
Man könnte meinen, dieses Opfer wäre die vermiedenen Klimaschäden wert, doch geht diese Rechnung selbst nach den Berechnungen des IPCC nur dann auf, wenn die Klimapolitik global und mit einem marktkonformen, an den jeweiligen Treibhausgasen ansetzenden Instrumentarium kostenminimal angegangen wird. Alles andere ist reine Industriepolitik, die den Bürgern das Geld zur Förderung einiger ausgewählter Industriezweige aus den Taschen zieht und sich einen feuchten Kehricht um den Rest des Landes schert. Schließlich können Windkraftanlagen, wenn wir sie irgendwann wirklich brauchen, auch in Wolfsburg, Ludwigshafen oder auf jedem x-beliebigen Bauernhof produziert werden, indem wir das produzieren was wir auch ohne Subventionen gut können und es auf dem Weltmarkt einfach gegen die Strom produzierenden Vogelscheuchen eintauschen. Jeder, der versteht, dass wir Bananen aus Südamerika einführen, weil deutsche Bauern allein wegen der klimatischen Anbaubedingungen mit ihnen nicht reich werden würden, fängt an sich zu fragen, warum gerade wir Deutschen für die globale Energiezukunft ohne sichtbaren Ertrag in Vorleistung gehen sollen.
Irgendwie macht es deshalb auch Sinn, dass der Artikel, der uns die Klimapolitik als ökonomische Wunderwaffe verkaufen will, mit den aufmunternden Worten “Wir schaffen das.” endet. Schließlich sagt mein Zahnarzt das auch immer, bevor es richtig beginnt weh zu tun.
Verfasst von SteffenH um 14:31 Uhr in der Kategorie Politik (Trackback)