Erkenntnisgewinn

Es erscheint mir aus gegebenem Anlass geboten, mal wieder auf einen alten Eintrag von mir zu verweisen.

Die dort geschilderten “Projektionsirrtümer” leben weiter. Die unterschiedliche Sichtweise von Meinungsfreiheit markiert offensichtlich einen entscheidenden Unterschied zwischen Linken und Liberalen (natürlich cum grano salis jeweils). Für Linke scheint es ein Ding der Unmöglichkeit zu sein, dass jemand für die Freiheit eines anderen eintritt, eine Meinung zu vertreten, die man selbst verabscheut. Im Gegenteil, daraus werden dann gleich dankbar die Art von gedanklichen Verwandtschaften konstruiert, die die eigene Ideologie verlangt. Zwar würden Liberale ebenso für die Freiheit der Linken eintreten, ihre z.T. abstrusen Argumente und Satiren vorzutragen, aber das zählt ist aus linker Sicht nicht. Meinungsfreiheit ist da nur die Freiheit, das als im Sinn der eigenen Weltsicht akzeptabel Empfundene zu artikulieren. Alle anderen Äußerungen müssen am besten mit staatlicher, notfalls aber selbst ausgeübter Gewalt bekämpft werden. Menschen, die für die Freiheit eintreten, sie zu publizieren, machen sich, weil man als Linker selbst nur so handeln würde, diese Äußerungen zwingend immer zu eigen, so dass diese Leute ebenfalls als Feind zu bekämpfen sind.

Es gibt genug Beispiele auch in der Blogosphäre, die diesen Unterschied kenntlich machen. Bloggen bringt also doch was.

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23 Kommentare zu “Erkenntnisgewinn”

  1. stefanolix
    24.08.2008 | 19:51

    Wobei ich hinzufügen möchte, dass mich dieser Artikel doch angenehm überrascht hat: der TP-Autor Peter Muehlbauer berichtet über den Fall und macht ihn damit ein klein wenig bekannter.

    Inhaltlich hatten wir ja eigentlich alles zu diesem Fall gesagt. Deinem Fazit stimme ich zu, wobei ich Dein ironisches cum grano salis gern noch etwas unterstreichen würde: ich kenne auch einige (wenige) Linke, die im Zweifel für die Meinungsfreiheit sind, weil sie im Grunde ihres Herzens wissen, dass sie von der Zensur ganz schnell genauso betroffen sein könnten. Und zweitens ist auch allen Liberalen, Libertären und Artverwandten zu wünschen, dass sie ihre Meinungsfreiheit immer mit Sinn, Überlegung und Verstand nutzen.

  2. 24.08.2008 | 20:02

    Das “cum grano salis” war überhaupt nicht ironisch gemeint. Ich kenne zu viele Linke, um alle über einen Kamm zu scheren.

  3. 24.08.2008 | 20:23

    [...] Rayson hat am Beispiel der Marco Kanne Soli-Debatte (Mindestlohn=Hitler) sehr erhellende  liberale Grundpositionen über Meinungsfreiheit aufgeschrieben. Krawallblogger  Tele kümmert sich um den Konsens der Aussenpolitik im deutschen [...]

  4. Parker8
    24.08.2008 | 21:58

    Moment mal! Ist das nicht Ihr Kollege SteffenH, der sich diesen Mist beim “Institut für unternehmerische Freiheit” zu eigen macht?*

    Dabei geflissentlich übersehend, dass über die wirtschaftliche Gesinnung des Herrn H. aus Braunau natürlich genauso bekannt ist, dass “jeder den Besitz, den er sich erobert hat, auch behalten soll”. Und dass er ja nun nachweislich der Posterboy einer ganzen Reihe von schwergewichtigen Besitzeroberern gewesen ist? - Welche “Vordenker”-Rollen sich daraus für Herrn H. in Bezug auf unternehmerische Freiheit ergeben, wollen wir besser gar nicht erörtern.

    *Und dann noch unter Verweis auf den testiert stupidest man alive Jonah Goldberg.

  5. 24.08.2008 | 22:53

    @Parker8

    Hilf mir. Ich krieg den Bezug zu meinem Beitrag nicht hin.

  6. Parker8
    24.08.2008 | 23:25

    Och, klar kriegen Sie den hin! Das:

    dass jemand für die Freiheit eines anderen eintritt, eine Meinung zu vertreten, die man selbst verabscheut.

    ist hier ja gar nicht der Fall. Sie ziehen sich nur beizeiten auf den Formalismus “Das muss man doch sagen dürfen!” zurück.

  7. 24.08.2008 | 23:31

    @Parker8

    Sorry. Aber ich halte die Satire, um die es geht, weder für angemessen noch für sinnreich. In einer Diskussion wären mir nur Argumente dagegen eingefallen.

    Aber, so schockierend es auch für Dich sein mag: Ich bin dafür, dass sowas gesagt werden darf. Und vieles andere eben auch.

  8. 25.08.2008 | 7:43

    Rayson, könntest du bitteschön ein paar Beispiele dafür anführen, wie du dich hier und anderenorts speziell für die Meinungsfreiheit von “Linken” eingesetzt hast?

  9. stefanolix
    25.08.2008 | 7:56

    Es gibt keine Meinungsfreiheit »speziell für Linke«. Es gibt nur eine Meinungsfreiheit.

  10. 25.08.2008 | 9:24

    rayson, was Du hier über Verhaltensweisen von Linken und von Liberalen hinsichtlich Meinungsfreiheit schreibst ist Vorurteilspflege auf dümmstem Niveau.

  11. stefanolix
    25.08.2008 | 9:30

    Von der linken Seite des politischen Spektrums wird uns vorgeworfen, dass wir uns die umstrittene Meinungsäußerung zu eigen machten. Nun, entweder liest man uns dort überhaupt nicht oder man stellt sich seine Meinung sehr selektiv zusammen. Wir haben dem umstrittenen Bild inhaltlich überhaupt nicht zugestimmt. Wir haben uns für die unteilbare Meinungsfreiheit und gegen die Anwendung des Urheberrechts zum Unterdrücken der Meinungsfreiheit eingesetzt.

    Also noch mal zum Mitschreiben:

    (1) Wir sind auf keine Kampagne aufgesprungen. Wir sind unabhängig genug, um selbst entscheiden zu können, wofür oder wogegen wir unsere Artikel schreiben. Wir lehnen den Einsatz des Urheberrechts zum Unterdrücken unliebsamer Meinungen ab.

    (2) Wir sehen uns damit in der Tradition aller Liberalen, Bürgerlichen und Linken, die im Verlauf der Geschichte für Meinungsfreiheit eingetreten sind. Wir sehen uns damit in Opposition zu denjenigen, die Meinungsfreiheit nur nach Gutdünken oder nach politischem Kalkül gewähren wollen.

    (3) Wir setzen uns dafür ein, dass im Sinne von Artikel 5 GG auch Meinungen veröffentlicht werden können, die wir uns ausdrücklich nicht zu eigen machen. Meinungsfreiheit darf nicht von Wertungen und Moralvorstellungen abhängig sein. Das Bundesverfassungsgericht hat das mit dem »Soldatenurteil« unterstrichen — übrigens zugunsten einer eher linken Meinungsäußerung.

    (4) Ob eine Meinungsäußerung über den Rahmen des Artikels 5 GG hinausgeht, entscheiden letztlich nicht Blogger, sondern Richter, die an unser Grundgesetz und unsere Gesetze gebunden sind.

  12. stefanolix
    25.08.2008 | 9:32

    Es tut mir ja leid, Che, aber manche Reaktionen scheinen es eher zu bestätigen;-)

  13. stefanolix
    25.08.2008 | 9:46

    In der oben verlinkten Diskussion bei Che2001 schreibt die Bloggerin netbitch:

    Wieso werde ich nur das Gefühl nicht los, unsere “liberalen” Freunde wären für eine gesellschaft, in der die Mehrheit der Bevölkerung komplett meinungsfrei ist?

    Gefühle können täuschen. Solange Belege für diese Annahme fehlen, sage ich dazu folgendes: Ich bin für eine Gesellschaft, in der die möglichst jeder Mensch eigenverantwortlich denkt, sich eigenverantwortlich seine Meinung bildet und eigenverantwortlich handelt. Eine Gesellschaft, in der die Mehrheit der Bevölkerung meinungsfrei ist, wird immer anfällig für populistische Lösungen von links oder rechts sein und wird leicht in einen totalitaristischen Staat geführt werden können, in dem die Minderheit der nicht meinungsfreien Menschen im Gulag oder KZ eingesperrt ist.

    Anmerkung: In diesem Kommentar spreche ich wieder nur für mich; oben habe ich versucht, den Standpunkt der Kollegen zusammenzufassen. Ich wünsche mir auch von der Seite der Linken eine sachliche Diskussion.

  14. 25.08.2008 | 9:55

    @stefanolix

    Deine Antwort auf diesen Vorwurf ehrt dich. Allerdings sollte man seine Perlen der Sachlichkeit vielleicht nicht vor die Säue werfen.

  15. stefanolix
    25.08.2008 | 10:06

    Ich wollte mir nur nicht nachsagen lassen, dass ich es nicht wenigstens versucht habe. Außerdem brauchte ich noch einen Eintrag in meine Sammlung »Kurzgefasste Antworten auf gängige linke Vorurteile«;-)

  16. der_gute_don
    25.08.2008 | 10:23

    @che

    Die politische Verortung würde ich bei den reaktionärsten Fraktionen des Kapitals ansiedeln, und das sind rein historisch gesehen nunmal die Kräfte, die Hitler an die Macht gebracht haben.

    sind es nicht immer die reaktionären Kräfte, die Diktaturen an die Macht bringen? Obwohl, haben die Nazis -nach eigener Aussage- nicht gegen die “Kommunisten und die Reaktion” gekämpft?

    Aber vielleicht gehört das zu totalitär “verorteten” Menschen einfach dazu, den politisch Andersdenkende als reaktionär zu bezeichnen. Damit kann man eine Menge rechtfertigen und neue Handlungsräume erschließen.

    cheers …

  17. stefanolix
    25.08.2008 | 11:30

    Kapital kann im Grunde überhaupt keine reaktionären Fraktionen haben. Kapital kann allenfalls »reaktionär« oder »fortschrittlich« investiert werden. — In der Ausdrucksweise der Linken steht »Kapital« meist für »Kapitalisten«, also für Unternehmer. Möglicherweise haben Unternehmer eine reaktionäre oder gar eine reaktionärste Fraktion, ich habe allerdings noch keine kennengelernt.

    In einer demokratischen Gesellschaft muss es Interessenvertretungen der Arbeitgeber und der Arbeitnehmer geben. Ich würde mich nicht dazu versteigen, einer Interessenvertretung der Arbeitnehmer nachzusagen, sie sei »historisch gesehen« den Kräften verwandt, die linke Diktaturen an die Macht gebracht haben.

    Che ordnet offensichtlich einen unserer Kollegen »nach Gefühl« ein, ohne irgendwelche Nachweise zu bringen. Seine Gefühle seien ihm natürlich unbenommen, wir haben ja nicht nur Meinungs- sondern auch Gefühlsfreiheit;-) — Inhaltlich sollte er sich allerdings mit Steffens Aussagen auseinandersetzen und seinen Kontrahenten nicht »ad personam« angreifen. So wie die Aussage momentan in seinem Blog steht, ist sie inakzeptabel, aber Che hat bekanntlich auch in der Vergangenheit nicht gezögert, sich in bestimmten Fällen zu korrigieren.

  18. noergler
    25.08.2008 | 14:21

    “Möglicherweise haben Unternehmer eine reaktionäre oder gar eine reaktionärste Fraktion, ich habe allerdings noch keine kennengelernt.”

    Da hat Hitler Dir etwas voraus. Der kannte nämlich den Herrn Hugenberg.

  19. 25.08.2008 | 14:32

    Tata! Kapitän Nemo meldet neuen Argumenttiefenrekord! Alle Besatzungsmitglieder sind wohlauf.

  20. stefanolix
    25.08.2008 | 15:06

    Es tut mir ja sehr leid, aber zur Zeit der Herren Hitler und Hugenberg war ich noch nicht auf der Welt — und auch SteffenH wird man wohl kaum dafür verantwortlich machen können;-)

    Zweifellos wurde Hitler bei der Machtergreifung von reaktionären Kräften unterstützt. Zweifellos wirst Du bei uns keinen Anhänger der reaktionären Kräfte finden, die Hitler unterstützt haben und die für sie Naziverbrechen mitverantwortlich waren.

    Ich argumentierte in meinem Kommentar in der Gegenwart und ich sehe hier weit und breit keine »Fraktion« von Unternehmern, die einen neuen Hitler an die Macht bringen möchte.

    Che argumentiert, dass das »Institut für unternehmerische Freiheit« ideologisch bei den [heute existierenden] »reaktionärsten Fraktionen des Kapitals« angesiedelt sei. Er bringt diese Fraktion(en) in Verbindung mit den Steigbügelhaltern Hitlers. Für solche Behauptungen habe ich bisher keinen Beleg gefunden.

  21. 25.08.2008 | 15:10

    Che argumentiert, dass das »Institut für unternehmerische Freiheit« ideologisch bei den [heute existierenden] »reaktionärsten Fraktionen des Kapitals« angesiedelt sei.

    So funktioniert eben Vorurteilspflege auf hohem Niveau.

  22. stefanolix
    25.08.2008 | 15:37

    »Hohes Niveau« ist auch nicht mehr das, was es mal war;-)

  23. 25.08.2008 | 15:45

    Wohl war.

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