29. August 2008
Erwerbsanreiz
Mit unserem sportlichen Kontrahenten von ad sinistram hatten wir neulich einen kleinen Disput über den freien Markt und über Ulrike Meinhof. Sollten noch Antworten ausstehen: bei uns kann nach wie vor kommentiert werden;-)
Am Mittwoch veröffentlichte Roberto J. De Lapuente einen Gastbeitrag über den Begriff Erwerbsanreiz. Alle Blockzitate sind aus diesem Artikel entnommen. Der Autor Markus Vollack geht gleich zu Beginn in die Vollen:
Der Begriff offenbart das neoliberale Menschenbild: der Mensch sei von Natur aus faul und wolle nicht arbeiten; es müsse insofern ein Anreiz zur Erwerbsarbeit geschaffen werden. Zudem denke der Mensch stets nach einem Kosten-Nutzen-Kalkül und an den eigenen Vorteil.
Ist das schon das ganze neoliberale Menschenbild? Wenn nicht: Wo kann ich bitte ein komplettes neoliberales Menschenbild finden? Ich möchte es mir gern zur Abschreckung an die Wand hängen;-)
Ich könnte jetzt über mein liberales Menschenbild schreiben, nach dem der Mensch von Natur aus möglichst eigenverantwortlich handeln und in einer möglichst freien Gesellschaft leben will. In dieser Gesellschaft gibt es Chancen und Risiken, aber im Zweifel auch eine Versorgung mit dem Lebenswichtigen. Wenn ich mir einen Menschen nach meinem Bilde denke, dann ist dieser Mensch aus sich heraus motiviert, immer wieder bis an seine Grenzen zu gehen und diese Grenzen zu verschieben. Sicher ist das ein sehr optimistisches Bild. Aber es ist mein Bild.
Auch der ad-sinistram-Autor geht schon in seinen ersten Sätzen auf die Motivation des Menschen ein — und er unterstellt den »Neoliberalen«, ein sehr pessimistisches Bild des Menschen zu zeichnen: faul sei der Mensch und müsse zur Arbeit angetrieben werden. Wer denkt da nicht unwillkürlich an einen Sklavenhalter, der den Aufseher mit der Peitsche auf die Sklaven loslässt?
Zwischen diesen beiden Bildern tun sich Welten auf. Deshalb sollten wir vielleicht über einige Grundlagen der Motivation sprechen. Die Grundlage der Motivation des Menschen wird üblicherweise zunächst mit dem vereinfachten Modell nach Abraham Maslow erläutert, bevor man sich komplexeren Modellen zuwendet. Abraham Maslow modellierte die Bedürfnisse als Pyramide, die von unten nach oben aus fünf Ebenen aufgebaut ist:
- Physiologische Bedürfnisse
- Sicherheit
- Soziale Beziehungen
- Anerkennung
- Selbstverwirklichung
Prinzipiell bilden die unteren drei Bedürfnisgruppen gemeinsam die Basis der Pyramide. Sie werden als Defizitbedürfnisse bezeichnet. Die Gesellschaft sorgt (soweit das möglich ist) dafür, dass diese Bedürfnisse erfüllt werden, auch wenn eine Person selbst nicht dafür sorgen kann oder sorgen will.
Soziale Anerkennung und Selbstverwirklichung sind erst möglich, wenn die drei Grundbedürfnisse erfüllt sind. Sie werden auch als »wachsende« oder »unstillbare« Bedürfnisse« bezeichnet. Sie sind wesentlich differenzierter ausgeprägt als die Defizitbedürfnisse. Es gibt Menschen, denen jede Motivation zur Selbstverwirklichung fehlt und die auch nicht nach sozialer Anerkennung streben. Insofern ist dem Autor zu widersprechen, wenn er schreibt (Hervorhebung von mir):
Insofern ist dieses Schlagwort neoliberal ideologisch aufgeladen. Der Begriff setzt voraus, dass der Mensch zur Arbeit angetrieben und gezwungen werden müsse. Die Arbeit selbst soll hierbei jedoch nicht zwingend attraktiver, sondern die Arbeitslosigkeit solle noch unangenehmer für die Betroffenen gemacht werden, sodass jeder auch einen absolut schlecht bezahlten Job annimmt.
Zunächst: es gibt keine neoliberale Ideologie, weil es überhaupt keine organisierten Neoliberalen gibt. In dem Wikipedia-Artikel zum Neoliberalismus habe ich mal das schöne Bonmot gefunden, der Neoliberalismus sei wohl ein Phantom: er habe nur Kritiker, aber überhaupt keine Anhänger. Dem ist nichts hinzuzufügen;-)
Aus den Beispielen geht auch überhaupt nicht hervor, dass die Arbeitslosigkeit unangenehmer gemacht werden soll. Ein Arbeitsanreiz wird gesetzt, um die innere Motivation des Menschen zu stärken. Man kann eine Person nicht zum motivierten Arbeiten zwingen, solange Grundversorgung und Grundbedürfnisse für sie im Gleichgewicht stehen.
Die Befürworter von Anreizen mögen vor allem auf junge Leute zielen. Vielleicht auf den ungelernten jungen Mann, Jahrgang 1988, der mit Anfang 20 noch einen Abschluss schaffen könnte. Vielleicht auf die junge Frau aus dem Jahrgang 1988, die schon ein Baby hat und nun erst mal einen Krippenplatz angeboten bekommt. Beide haben es nicht einfach. Durch Anreize wird ihnen nichts weggenommen, denn die Grundversorgung bleibt ja bestehen. Aber vielleicht nutzen sie ihre Chance.
Zunächst einmal ist die immer wiederkehrende Behauptung, der Mensch sei von Natur aus faul und müsse zur Arbeit angetrieben werden, wissenschaftlich nicht erwiesen, sondern vielmehr das Glaubensdogma kapitalistischer Verwertungsprinzipien.
Was sind kapitalistische Verwertungsprinzipien? Ich weiß es trotz aufmerksamer Teilnahme am Staatsbürgerkunde-Unterricht in der DDR wirklich nicht;-)
Zu behaupten schöngerechnete vier Millionen arbeitslose Menschen in Deutschland, seien alle faul und wollen nicht arbeiten ist absurd und diskriminierend gegenüber den Betroffenen. Statt strukturelle Ungerechtigkeiten und Mängel am System zu thematisieren, verlagert das Schlagwort die Verantwortung selbiger auf die Opfer des Systems. Schlussendlich reiht sich der Begriff – wenn auch in etwas versteckterer Form - in eine lange Reihe von Wörtern ein, welche häufig zur Hetze und Diskriminierung von Arbeitslosen benutzt wird.
Wer behauptet das? Mit dem Begriff »Arbeitsanreiz« kann es doch auf keinen Fall zu tun haben. Jeder Mensch denkt und handelt ökonomisch — bewusst oder unbewusst. Jeder einzelne ALG-II-Empfänger wird für sich ökonomisch abwägen, welchen Aufwand und Nutzen ein Arbeitsleben mit zeitigem Aufstehen, Arbeitsweg, Arbeit, mit Lohn oder Gehalt, aber auch mit Steuern und hohen Abgaben für ihn bringt. Für mich (Jahrgang 1967) ist es kaum vorstellbar, dass Zwanzigjährige diese Chancen nicht wahrzunehmen. Aber ich muss respektieren, dass es darüber unterschiedliche Ansichten geben kann.
Die Abwägung des Einzelnen muss ökonomisch nicht immer richtig sein. Diese Abwägung mag jeder Beteiligte oder Unbeteiligte unterschiedlich einschätzen. Die Grundsicherung eines ALG-II-Empfängers aus dem Jahrgang 1988 ist jedenfalls in unserem Staat wesentlich sicherer als die Rente eines Erwerbstätigen aus dem gleichen Jahrgang. Und daran hat die Anwendung des Begriffs »Arbeitsanreiz« ganz sicher überhaupt nichts geändert.
Zuletzt noch eine sehr persönliche Anmerkung: Beiträge und Kommentare wie der oben zitierte Artikel lassen mich oft hilflos zurück, weil sie von tiefem Pessimismus und von Orientierungslosigkeit geprägt zu sein scheinen. In den Kommentaren werde ich noch von einem Fall berichten, der mir wirklich nahegegangen ist …
Verfasst von stefanolix um 11:20 Uhr in der Kategorie Blogosphäre, Grundsatzfragen, In eigener Sache, Rochus (Trackback)