1. September 2008
Eigenverantwortung
Am Freitag habe ich über einen Artikel des linken Blogs »ad sinistram« gebloggt.
Angeregt durch einen Hinweis unseres Kommentators Epikur stieß ich auf seine Ausführungen über den Begriff »Eigenverantwortung«.
Im Grunde denke ich aber schon seit meinem Urlaub über dieses Thema nach, als ich auf der Rückfahrt von der ostfriesischen Urlaubsinsel im Bus vom Hafen zum Bahnhof folgendes Schild las:
Natürlich ruft dieses Schild unterschiedliche Reaktionen hervor:
- Ein Deutschlehrer wird sagen: »Da fehlt ein Komma.«
- Mancher Schüler aus einem SPD-regierten Bundesland wird fragen: »Wo?«
- Ein Liberaler meint: »Dazu braucht es kein Schild, das versteht sich von selbst.«
- Ein Konservativer wird sich beschweren: »Dort ist nicht zu lesen, auf welche Weise man sich nach alter Väter Sitte festzuhalten hat. Und überhaupt sollten junge Leute mir immer einen Sitzplatz anbieten!«
- Ein Linker mag das Schild von vornherein für eine Zumutung halten: »Es sollen sich doch alle gegenseitig Halt verschaffen, alles andere wäre unsolidarisch!«
Ist es nicht eine fast schon eine babylonische Begriffsverwirrung um ein wenig Eigenverantwortung? Und so geht es uns ja ständig. Kaum kommt man in linke Gefilde, wird man als BLOG-Autor rechts »verortet«[1], weil man einfach nicht die gleiche Sprache spricht. Und wenn wir so manchen linken Blogbeitrag lesen, dann müssen wir erst mal nachsehen, was die Kollegen eigentlich meinen.
Epikurs Beitrag habe ich in einigen Teilen auch nicht verstanden. Schon die Überschrift: warum nur in Fraktur? Fraktur hat überhaupt nichts mit rechtem, »neoliberalem« oder konservativem Gedankengut zu tun.
An Epikurs Eingangs-Zitat des Altbundeskanzlers Gerhard Schröder kann man ablesen, dass Schröder kurz vor Ende seiner viel zu langen Amtszeit wirklich niemanden mehr motivieren konnte: »Wir werden Leistungen des Staates kürzen, Eigenverantwortung fördern und mehr Eigenleistung von jedem Einzelnen abfordern müssen«. Wenn das überhaupt funktionieren soll, dann in der Reihenfolge: Eigenverantwortung und Eigenleistung fördern [oder als Staat wenigstens nicht im Weg stehen!] und danach natürlich Geld einsparen, weil weniger Bürger vom Staat abhängig sind. Aber was wollte man von Schröder zu dieser Zeit noch erwarten?
Epikur leitet mit dieser Schröderschen Kommunikationspanne einen Artikel ein, in dem er sich dezidiert gegen Eigenverantwortung ausspricht. In meinen Worten zusammengefasst: Er definiert auch dieses Wort zum Kampfbegriff der Neoliberalen um und findet dann natürlich Beispiele für interessante Verschwörungstheorien. Eigenverantwortung nutzt den großen Konzernen, weil sie an Lebensversicherungen verdienen. Eigenverantwortung soll ein Schlagwort zur Entsolidarisierung in der Gesellschaft sein — obwohl doch mangelnde Eigenverantwortung die Solidarität gerade am meisten missbraucht. Mich überzeugt das nicht.
Wenn Ihr Lust habt, dann schreibt uns doch mal auf, wie Ihr »Eigenverantwortung« definiert. Bei aller Freiheit der Diskussion möchte ich aber darum bitten, dass man sich auf die eigene Definition konzentriert und fremde Definitionen nicht verreißt.
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[1] entstammt das unschöne Wort »verortet« eigentlich soziologischem, linkem oder sozialdemokratischem Jargon? Aus der DDR kommt es nicht;-)
Verfasst von stefanolix um 19:37 Uhr in der Kategorie Politik (Trackback)