Anarchie; oder: Freiheit für die Nacktschnecke!

Eine interessante Betrachtung der Notwendigkeit eines gewissen Restes an Anarchie findet sich im Blog der Wirtschaftlichen Freiheit.

Interessant, weil es erstens die Anarchie in den Zusammenhang mit dem liberalen Verhältnis zum Staat setzt. Und dann, weil es meine instinktive Abneigung gegen zentralistische Gebilde wie die EU quasi philosophisch erklären hilft.

Rein assoziativ kommt mir dabei auch die Vorstellung an eine gesunde Rest-Wildnis in meinem Garten in den Sinn: Statt alles zu vereinheitlichen, ordentlich und “schön” zu machen - einfach ein paar Reste Unordnung, Wildnis (mitsamt Insekten und Unkraut) übrig lassen. Das dürfte - ähnlich des von Roland Vaubel erwähnten positiven Effektes zwischenstaatlicher Unordnung - auch im Garten insgesamt von Vorteil sein. Oder was sagt der Biobauer da drüben bei den Linken dazu? ;-)

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8 Kommentare zu “Anarchie; oder: Freiheit für die Nacktschnecke!”

  1. 2.09.2008 | 17:41

    Dort habe ich kommentiert (steckt dort noch in der Freigabeschleife, hier um einige Fehler beseitigt):

    Auch ein Weltstaat kann Anarchie nicht beseitigen. Denn sein(e) Herrscher selbst wäre(n) unbeherrscht und lebte(n) daher in Anarchie.

    Ein passender Lesetipp:
    Cuzan, Do we ever really get out of anarchy?
    http://mises.org/journals/jls/3_2/3_2_3.pdf

    Auch bin ich mit dem Grundton unzufrieden. Herr Vaubel weiß und schreibt ja, dass die Möglichkeit der Auswanderung den Zugriff der Herrschenden begrenzt. Der bestehende Rest an Anarchie ist vor diesem Hintergrund nicht “in Kauf zu nehmen” (was man widerwillig tut), sondern zu begrüßen. Will man den Zugriff der Herrschenden besser beschränken, so bedarf es eines wesentlich größeren Umfangs an Anarchie als derzeit gegeben.

    Landläufig wird der Tod des Sozialismus als Grund für den empfundenen wirtschaftlichen Niedergang benannt: Angeblich hätten die sozialistischen Staaten den Kapitalismus an die Kette gelegt. Nach dem Ende des Kalten Krieges hätten sich die Kapitalisten ungeniert ausbeuterisch gerieren dürfen. Ist es in Wahrheit nicht viel eher die gleichzeitig einsetzende rechtliche Harmonisierung Europas mit ihrem Mehr an Herrschaft, der man nicht ausweichen kann, und ihrem Weniger an Anarchie?

  2. 2.09.2008 | 17:43

    Ich mach mal die Inge:

    “um einige Fehler beseitigt”

    Posten ohne Editierfunktion ist nix für mich.

  3. Lina
    2.09.2008 | 18:20

    Sie ist keine Ellenbogen-, sondern eine Zustimmungsgesellschaft, schreibt Vaubel…

    …und ist zugleich doch eine Neidgesellschaft, in der Ellenbogenbesitzer zu “Tätern” erklärt werden, um den Neid auf sie, die Durchsetzungsstärkeren (die ohne gesellschaftliche Zustimmung mehr erwirtschaften als Andere), auch ausleben zu können. Sie, die Durchsetzungsschwächeren, gehen notorisch davon aus, dass eine Minderheit immer versuchen wird, “sich zu Lasten der Mehrheit zu bereichern.” (Um Vaubels Bemerkung zum Gesellschaftsvertrag und seinen Mehrheitsentscheidungen per Umdrehung ergänzt zu haben…). - Aber zur eigentlichen Sache:

    Es bleibt also ein Rest Anarchie. Er ist in Kauf zu nehmen. Denn ohne ihn ist Freiheit nicht möglich.

    “…in Kauf nehmen”? (Ich mag Anarchie, bin ich demnach illiberal???) Den von ihm angesprochenen Rest Anarchie, der trotz des Verbündens zu immer grösser und zentralistischer werdenden Herrschaftssystemen bestünde, sehe ich nicht, genauer: ich kann seiner Schlussfolgerung (letzter Absatz) nicht folgen, finde sie paradox oder verstehe sie einfach nicht. Kann mir vielleicht der anarchische Besitzer und willige Dulder von Nacktschnecken in seinem Garten aus der Sinnkrise heraushelfen? Ich wäre ihm (natürlich auch Anderen!) überaus dankbar (:!

  4. Michel
    2.09.2008 | 20:53

    Ganz recht die Tendenz zu immer größeren politischen Einheiten bedroht die Freiheit in gefährlichem Ausmaß. Diese Tendenz hällt schon seid dem späten Mittelalter an, dabei waren die Staaten schon im 20.JH groß genug um totalitäre Machtausübung zu gewährleisten. Die Change diese Tendenz umzukehren ist der wichtigeste Grund warum sich auch Liberale für ein Sezessionsrecht einsetzten sollten.

  5. Fuchur
    2.09.2008 | 22:04

    Die Freiheit der Minderheit kann daher letztlich nur durch die Abwanderungsoption geschützt werden.
    (…)
    Es ist nicht nötig, dass tatsächlich in großem Umfang Wanderungen stattfinden. Schon die Möglichkeit reicht aus, die Übergriffe der Herrschenden oder der Mehrheit zu begrenzen. Die Geschichte Europas ist dafür das beste Beispiel.

    Angesichts z.B. der Geschichte der Juden in Europa ist das eine recht befremdliche Einschätzung…
    Auch z.B. im ehemaligen Jugoslawien (oder auch jetzt in Georgien/Südossetien) wurde die Abwanderungsoption der (kroatischen bzw. serbischen etc.) Minderheit von der Mehrheit durchaus nicht als Drohung, sondern vielmehr als willkommene Lösung des Problems angesehen.

    Mir fällt kein Beispiel ein, wo die Abwanderungsoption die “Machthaber” von irgend einem Blödsinn abgeschreckt hätte. Siehe Venezuela oder Simbabwe. Oft sind sie doch (zunächst zumindest) ganz froh, wenn sie auf diese Weise unliebsame Gegenspieler loswerden.

    Wenn man die EU als Beispiel für die Gefahren großer Staatengebilde heranzuzieht, dann sollte man nicht das nicht minder große Staatengebilde USA vergessen, wo das ganze ausgesprochen gut funktioniert.
    Das Beispiel USA legt nahe, dass schon ein Föderalstaat genügend “Restanarchie” enthält, um die Rechte der Minderheit zu schützen. Demnach wäre gegen einen föderalen Weltstaat nichts einzuwenden…

  6. Michel
    2.09.2008 | 22:17

    @ Fuchur: Den Zentralstaat der USA gibt es eigentlich erst seit 1865, auch geht dort der Foderalimus in den USA viel weiter als in der BDR, umfasst z.B. ein eigenes Heberecht für Steuern. Inzwischen ist die USA genauso weit wie wirim Fortlauf des Etatismus, die Gewaltenteilung wird nach und nach ausgehebelt, Regulierung und Staatsquote nehmen zu.
    Damit, dass die Auswanderungsoption unvollkommen ist, gerade bei etnischen Spannungen, die du ins Feld führst, ist Sezession die bessere Alternative.

  7. 3.09.2008 | 9:48

    @Lina

    ich kann seiner Schlussfolgerung (letzter Absatz) nicht folgen, finde sie paradox oder verstehe sie einfach nicht. Kann mir vielleicht der anarchische Besitzer und willige Dulder von Nacktschnecken in seinem Garten aus der Sinnkrise heraushelfen?

    Die Schlussfolgerung besteht meinem Verständnis nach darin, dass die internationale Uneinigkeit, das Sich-Gegenüberstehen von Machtblöcken, Staaten und Bündnissen die bekannten Nachteile (Wettrüsten, Spannungen bis hin zu Kriegen) hat. Aber im Gegenzug den Vorteil bietet, das letzte Schlupfloch für Auswanderer nicht auch noch zu verschließen. Weil die Uneinigkeit im Nebeneffekt eben auch dazu führt, dass zentralistisches Herrschen nicht global, hin zum Weltstaat ausgeweitet werden kann.

  8. Lina
    3.09.2008 | 10:25

    @ Boche

    Ah, der Auswanderer (als strukturelles Bindeglied) ist es, den ich aussen vor gelassen habe; jetzt fügt sich, was paradox erschien, danke.

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