Dávila der Woche (I)

Es gibt bestimmt eine ganze Reihe verschiedener Wege, zu Nicolás Gómez Dávila zu finden.

Einer wird von einem Amazon-Rezensenten beschrieben:

Ich muss gestehen, dass mir Gómez Dávila bis vor knapp einem halben Jahr überhaupt kein Begriff war. Fast schon fahrlässig.
Ausgerechnet die ohnehin unselige Literaturen Herausgeberin Sigrid Löffler (”Eingetrocknete Schlafmützen Feministin” M.R. Ranicki) brachte mich auf den Geschmack durch einen Artikel über Martin Mosebach (den diesjährigen Büchner-Preis Träger) in welchem sie Mosebach angriff wegen seiner Verehrung für Dávila.
Was bleibt einem da schon übrig, als sofort sich auf die Suche nach dem Mann zu machen, der Frau Löffler Bauchschmerzen macht?

Oder man stößt auf den Namen in Streifzügen durch die politische Blogosphäre, wie das bei mir der Fall war. “Dávila? Wer oder was ist das denn?”, werden sich wohl einige fragen. Natürlich gibt es einen Wikipedia-Eintrag zu ihm. Aber der beste Text, den ich über Dávila bisher gelesen habe, stammt von Jens Jessen, der, wenn er sich auf einem Feld bewegt, von dem er etwas versteht, die Dinge offensichtlich brillant auf den Punkt zu bringen vermag.

Mich reizt an Dávila genau das, was Jessen beschreibt: dieses ständige Löcken wider den Stachel, der Skeptizismus gegenüber den großen Lösungen und eine Art mitfühlender Misanthropie, von der sich selbst Dr. House noch ein paar Scheiben abschneiden könnte. Und vor allem: Der Mann schrieb in Aphorismen, und ein guter Aphorismus war für mich schon immer ein besonderer sprachlicher und gedanklicher Genuss, ob nun von Nietzsche oder Lec stammend, um nur meine bevorzugten Autoren zu nennen. Wegen Dávila sollte ich eigentlich Spanisch lernen, aber gut, ich habe ja auch meine Polnisch-Versuche irgendwann abgebrochen…

Dávila ist ein Freund der Freiheit, aber kein Liberaler, weil er alle Versuche des Menschen verurteilt, ohne Gott, und damit ohne ein verbindliches und unabänderliches Wertesystem auszukommen. Ich finde unter seinen Aphorismen auch sehr viele, die spontan meinen Widerspruch provozieren, aber meistens verbunden mit einer kleinen Infektion, die nach einer gewissen Inkubationszeit zu einer Phase intensiver Beschäftigung mit dem angesprochenen Gedanken führt.

Von heute an versuche ich, jede Woche einen Dávila-Aphorismus zu bringen. Vielleicht steigt ja im einen oder anderen Fall der eine Leser oder die andere Leserin in einen kleinen Gedankenaustausch ein.

Aber Vorsicht, Ansteckungsgefahr!

Das heutige Zitat hat sogar einen aktuellen Bezug:

Die Reform der Gesellschaft mittels von Gesetzen ist der Traum des leichtgläubigen Staatsbürgers und die diskrete Präambel jeder Tyrannei.

Das Gesetz ist die rechtliche Form von Brauch und Sitte oder Angriff auf die Freiheit.

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42 Kommentare zu “Dávila der Woche (I)”

  1. Shin
    6.09.2008 | 13:33

    Ich kann nach Jessens Artikel an Dávilas Denken nichts finden, das ihn als Freund der Freiheit ausweist, im Gegenteil. Er lehnt Aufklärung, Individualismus, Selbsteigentum und Marktwirtschaft offenbar ab - was bleibt da an Freiheit noch übrig? Soweit ich das nach dieser kurzen Einführung zu beurteilen vermag, halte ich ihn für einen hinterwäldlerischen Fundamentalisten, der mit seiner Verbitterung sowas wie die katholische Antwort auf Nietzsche darstellt.
    Auch das hier genannte Zitat zeugt zumindest in seinem zweiten Satz nicht gerade von einer freiheitlichen Gesinnung: Ein Gesetz ist also nur dann “freiheitlich”, wenn es Sitte und Brauchtum zementiert? Das ist für mich eher ein Bekenntnis zum stursten Konservativismus, der jeden Fortschritt aus Angst im Keim erstickt.

  2. Lina
    7.09.2008 | 9:54

    @ Rayson

    “Aber Vorsicht, Ansteckungsgefahr”, schreibst Du. Ich bin schon lange infiziert, d. h. ich denke wie er, brauche aber länger, um dahin zu kommen, wo er längst war. Beim Lesen gehen mir oft mehrere Lichter gleichzeitig auf insofern, als der Strom hier aus einem Hochleistungsgenerator kommt.

    Gesetze als “diskrete Präambel jeder Tyrannei” zu bezeichnen, ist eine geniale Verknappung, pure Essenz; mehr braucht es nicht, um zu begreifen, dass auch Demokratie Tyrannei bedeutet; im Mehrheitswillen kommt Machtstreben nur auf leiseren Sohlen daher.

    Ich will ja nicht konkurrieren (-:, aber Gesetze sind auch der Popanz des freiheitlich gedachten Rechtsstaats, dessen Verfechter glauben, durch einen von Fesseln befreiten Markt werde alles gut. Dem gegenüber bin ich ebenso skeptisch wie er - auch ohne (wie er) ein alternatives Programm zu haben. Er ist Skeptiker, kein Bekenner; deshalb wundert es auch nicht, dass er ohne Bekenntnis keinem politischen Lager zuzuschlagen und von keinem zu vereinnahmen ist.

    (Den Jessen-Artikel fand ich übrigens auch sehr gut, danke!)

    @ Shin

    Auch das hier genannte Zitat zeugt zumindest in seinem zweiten Satz nicht gerade von einer freiheitlichen Gesinnung: Ein Gesetz ist also nur dann “freiheitlich”, wenn es Sitte und Brauchtum zementiert? Das ist für mich eher ein Bekenntnis zum stursten Konservativismus, der jeden Fortschritt aus Angst im Keim erstickt.

    Mit Verlaub, aber diese Interpretation halte ich für den Dàvila-Witz der Woche. Mit der Bemerkung “…das Gesetz ist die rechtliche Form von Brauch und Sitte oder Angriff auf die Freiheit…” greift Davila gerade die beiden einzig möglichen Varianten an - IMHO - und damit die Demokratie als nur eines von anderen untauglichen Systemen.

  3. Markus
    7.09.2008 | 11:56

    Ein ausgesprochener Renner scheint der “Davila der Woche” ja nicht zu sein. Oder sollte man das weitgehende Schweigen der Leserschaft als konkludentes Einverständnis werten?

    Was hat aber ein konservativer Reaktionär in einem liberalen Blog zu suchen? Wo könnten inhaltliche Übereinstimmungen zwischen “gnadenlosem” Konservativismus und “bissigem” Liberalismus zu finden sein? Etwa in der Ablehnung der Demokratie oder dem Eigentumsschutz für die Besitzenden? Warum “outen” sich die Betreiber dieses Webblogs dann nicht gleich offen als politische Reaktionäre?

  4. 7.09.2008 | 12:03

    Wuff, wuff!

  5. Lina
    7.09.2008 | 12:25

    @ Markus

    Darauf den Standard-Dàvila: “Unnütz, jemandem einen Gedanken erklären zu wollen, dem eine Anspielung nicht genügt.” Sorry(-;!

    Oder Jessen lesen:

    (…) Sein zentraler Gedanke ist die merkwürdige Bereitschaft der Bürger, Mehrheitsentscheidungen auch über Grundwerte und Gewissensfragen zu akzeptieren. Das wäre, wenn es einen nichtmenschlichen Gott gäbe, an dessen Gebot der Bürger glaubte, gänzlich unverständlich. Wahrhaft göttliche Gebote müssten jedem irdischen Dafürhalten entzogen sein. Auch die unerträgliche Einschränkung der individuellen Freiheit, die im Mehrheitsprinzip liegt, ist nur akzeptabel, wenn der Bürger annimmt, dass in der Mehrheitsmeinung eine höhere, quasigöttliche Vernunft zu Geltung kommt. Aber warum sollte diese Vernunft bei der Mehrheit liegen? Das eben, sagt Dávila, ist der mystische Glaubenskern der Demokratie, an dem sich ihr pseudoreligiöser Charakter erkennen lässt (…)”

    Ist das “reaktionär” gedacht? Nein, nur authentisch, finde ich; und es beweist m. E. durchaus inhaltliche Nähe im unideologischen Denkprozess, der es auch (bissigen) Liberalen erlauben sollte, sich mit ihm zu beschäftigen. (Mir zeigt Deine Bewertung, wie vernagelt wir mit gedankenlos isolierten Begriffen sein können…)

  6. stefanolix
    7.09.2008 | 13:22

    @Markus: Das weitgehende Schweigen der Leserschaft ist ganz sicher nicht als Desinteresse oder als »konkludentes Einverständnis« zu werten: immerhin ist Sonntag und die meisten von uns haben nebenbei auch noch andere Dinge zu tun. Wir haben hier keine Kommentarpflicht, man darf sich auch still an einem Beitrag freuen oder ihn als Anregung aufnehmen;-)

  7. 7.09.2008 | 14:20

    @Markus

    Deine Sorge darum, wie verschiedene unserer Blogbeiträge angenommen werden, rührt mich. Linas Antworten hier haben meine Mühe aber bereits mehr als gerechtfertigt, du kannst dein Mitgefühl also dringenderen Verwendungen zuführen.

    Übrigens sind Anregungen viel interessanter als Übereinstimmungen. Meine eigene Meinung kenne ich, und es würde mich nur langweilen, die dann auch noch von anderen zu hören oder zu lesen.

    P.S.: Übrigens brechen wohl auf fast allen Blogs am Wochenende die Aktivitätszahlen ein. Was eindeutige Rückschlüsse auf die gnadenlose Hetze in der Arbeitswelt zulässt, der Blogleser anscheinend ausgesetzt sind…

  8. twex
    7.09.2008 | 20:54

    Klasse Idee! Ich bewundere diesen großen Mann schon lange.

  9. Shin
    7.09.2008 | 22:43

    Das eben, sagt Dávila, ist der mystische Glaubenskern der Demokratie, an dem sich ihr pseudoreligiöser Charakter erkennen lässt

    Klingt nach Hoppe ;-)
    Wobei ich mit dem trotz meiner liberal-libertären Gesinnung auch nicht viel anfangen kann. Ich finde, die (berechtigte) liberale Demokratiekritik muss sich stärker vom plumpem Antidemokratismus abgrenzen. Wenn schon Herrschaft, dann ist Demokratie deren beste schlechte Form, so lange auch die Macht der Mehrheit eng begrenzt ist. Wer aber wie Hoppe und Dávila mE gleich das Kind mit dem Bade ausschüttet, den betrachte ich erst mal skeptisch.

    @Lina

    Mit der Bemerkung “…das Gesetz ist die rechtliche Form von Brauch und Sitte oder Angriff auf die Freiheit…” greift Davila gerade die beiden einzig möglichen Varianten an - IMHO - und damit die Demokratie als nur eines von anderen untauglichen Systemen.

    Ich kann in dem oben genannten Zitat keinen Bezug zur Demokratie erkennen. Für Dávila scheint es die beiden Gegensätze “Tradition = Freiheit” und “Bruch mit der Tradition = Unfreiheit” zu geben, und das ist schlicht falsch.

  10. 7.09.2008 | 22:53

    @Shin

    Wer aber wie Hoppe und Dávila mE gleich das Kind mit dem Bade ausschüttet, den betrachte ich erst mal skeptisch.

    Zwischen Hoppe und Dávila bestehen Klassenunterschiede. Aber Dávila skeptisch zu sehen, ist eine gute Einstellung, die übrigens auch dem Autor selbst zusagen dürfte.

    Was den letzten Satz betrifft: Dávila spricht hier ein m.E. wichtiges Problem an. Werden Gesetze geschaffen, um das zu kodifizieren, was in der Gesellschaft bereits als Norm verinnerlicht und akzeptiert ist? Oder werden sie geschaffen, um die Werte und Normen der Gesellschaft selbst zu verändern?

    Ich behaupte, dass gute Gesetze eher das erstere Kriterium erfüllen, und ich glaube, damit nicht allzu weit von der Sichtweise z.B. Hayeks entfernt zu sein. Hier von “Zementieren” zu reden, wäre allerdings verfehlt: Werte und Normen verändern sich unabhängig von Gesetzen.

  11. Shin
    7.09.2008 | 22:55

    Vorschlag für den nächsten Dávila der Woche:

    Der Individualismus ist die Wiege der Obszönität.

    /zyn
    Ich kann Markus nur zustimmen, was hat so jemand mit Liberalismus oder Freiheit generell zu tun? Dagegen ist Nietzsche mit seinen Anarcho-Nihilismus ja fast schon eine Wohltat.

  12. 7.09.2008 | 23:12

    Lieber Shin,

    wenn du unbedingt über Dávila in toto werten möchtest, ist das dein Ding. Mach es und werde glücklich dabei.

    Ich aber würde gerne über Gedanken diskutieren, ohne dass mir irgendeiner sagt, welche Autoren ich dazu heranziehen darf und welche nicht. Sogar das von dir gebrachte Zitat enthält m.E. einiges, worüber Liberale mal nachdenken sollten, unabhängig davon, zu welchem Ergebnis sie gelangen.

    Weißt du, das ist vielleicht der Unterschied: Du suchst Konformität und Bestätigung, ich suche Widerspruch. Und zwar nicht in der Frage des “wer”, sondern bei der Beschäftigung mit dem “was” und dem “wie”.

    Ich verlange ja von niemandem die Größe eines Gabriel Garcia Marquez oder Heiner Müller. Aber gleich den Versuch aufzugeben, sich dieser zu nähern, erschiene mir wirklich zu erbärmlich.

  13. Shin
    8.09.2008 | 1:16

    @Rayson
    Entschuldige bitte, ich hatte deinen vorherigen Beitrag nicht gesehen. Doch habe ich dir irgendwie vorgeschrieben, mit welchen Autoren du dich zu beschäftigen hast? Alles was ich geschrieben habe ist, dass mich die hier offenbar herrschende weitgehende Begeisterung über Dávila trotz seiner offenkundig nicht nur un- sondern sogar antiliberalen Gesinnung befremdet. Ich suche keineswegs Konformität (und frage mich auch, wie du zu diesem Schluss kommst, dass dies so sei), sondern will gern auch kontrovers diskutieren, sonst hätte ich hier schließlich erst gar nichts geschrieben.

    Über die Ablehnung von Gesetzen, die die Gesellschaft verändern sollen, sind Dávila, du und ich uns wohl einig. Was ich jedoch nicht akzeptiere ist die von Dávila als einzige genannte Alternative. Ein Gesetz kann einerseits durchaus auf Tradition beruhen und dennoch unfreiheitlich sein - man denke nur an die bis in das 20. Jh. hinein existierenden Homosexuellen-Gesetze - und andererseits können auch Gesetze, die einen Bruch mit der Tradition darstellen, die Freiheit mehren - so beispielsweise die Reformen des Freiherrn vom Stein im 19. Jh., die die Leibeigenschaft beendeten, Bauern- und Bürgerstand rechtlich gleichstellten usw.
    Dass Werte und Normen sich ändern ist klar, doch dieser Wandel kann gehindert werden, wenn eine Norm zum Gesetz wird - ein gutes Beispiel sind sicherlich die vielen Diskriminierungs- und neuerdings Antidiskriminierungs-Paragraphen.
    Was aber erscheint dir an dem von mir genannten Zitat nachdenkenswert? Was soll am Individualismus “obszön” sein?

  14. 8.09.2008 | 9:34

    Bitte zu beachten: Das Kind greint; das Bettchen schweigt dazu.

    Mal so herum gefragt, weil mich das jetzt interessiert: Ist Obszönität ohne Individualismus denn überhaupt denkbar?

  15. Lina
    8.09.2008 | 9:43

    @ Shin

    Für Dávila scheint es die beiden Gegensätze “Tradition = Freiheit” und “Bruch mit der Tradition = Unfreiheit” zu geben

    Lege ich also den zitierten Dàvila optimierenderweise falsch aus? Ich glaube nicht. Während Gesetze zur Befriedigung der (demokratischen) Mehrheit das traditionserhaltende Element betonen und festschreiben, bedeuten sie der (demokratischen) Minderheit Unbeweglichkeit, schaffen ihr Unfreiheit und besiegeln sie.

    Ich meine, dass er mit seinem “oder” (zwischen “Brauch und Sitte” und “Angriff”) diesen Gegensatz aufzeigen und die Demokratie selbst (unter Bezug auf die Durchsetzung eines für ihn fragwürdigen Mehrheitswillens) der Kritik stellen will.

    @ David

    Bitte zu beachten: Noch nie eine so runde Begründung für die Obszönität von Individualismus gehört (-:!

  16. 8.09.2008 | 9:57

    Wer hat denn die begründet, und wo?

  17. Lina
    8.09.2008 | 10:22

    Dass das Kind greint, während das Bettchen dazu schweigt, war Begründung genug - für mich!!! (Bitte beachte die dahinter stehende spezifische Färbung meiner Individualität.)

  18. 8.09.2008 | 10:34

    OK! (Auch wenn ich das eigentlich nicht begründen wollte; aber hätte Marx die DDR gewollt? Eben! ;-)

  19. Markus
    9.09.2008 | 11:19

    Wenn am Ende dieser nun doch in Gang gekommenen Diskussion herauskommen sollte, daß Davila ein prima Liberaler ist, würde mich das auch nicht wundern.

    Selbstverständlich kann und darf man sich auch mit “obszönen” Autoren wie Davila bechäftigen, aber von unterschwelliger Bewunderung dieses erzkonservativen Reaktionärs sollte man zumindest in einem sich liberal wähnenden Webblog Abstand nehmen.

    Muß sich liberale Individualität etwa unbedingt in der Verachtung der Massen äußern? Und wer behauptet, daß die Minderheit - nur weil sich sich als eine exklusive ansieht - die Weisheit für sich gepachtet hat, ist m.E. als vormodern zu bezeichnen.

  20. 9.09.2008 | 11:45

    @Markus

    Deine Bemühungen, uns vorzuschreiben, was wir zu tun und zu lassen haben, in allen Ehren, aber ganz ehrlich: Drauf geschissen. Wenn ich Dávilas Aphorismen für anregend halte, ist mir kürbisegal, ob der ein Erzkonservativer oder ein Kommunist ist (der von mir ebenfalls hochgeschätzte Lec war, wenn ich mich recht erinnere, bekennender Kommunist).

    Nochmal: Wenn du dich von störenden Gedanken abschotten möchtest, ist das dein Ding. Meins ist es nicht.

  21. 9.09.2008 | 12:15

    @shin

    Alles was ich geschrieben habe ist, dass mich die hier offenbar herrschende weitgehende Begeisterung über Dávila trotz seiner offenkundig nicht nur un- sondern sogar antiliberalen Gesinnung befremdet.

    Schön. Damit bringst du zwei Werturteile zum Ausdruck, die ich beide nicht teile.

    Ein Gesetz kann einerseits durchaus auf Tradition beruhen und dennoch unfreiheitlich sein

    Das ist richtig und wäre auch die liberale Kritik an Dávilas Position. Und vielen Dank, dass du jetzt das tust, was ich mir vorgestellt habe: In die Diskussion einsteigen, statt Formalien abzuarbeiten.

    Allerdings bliebe die Frage, wie und ob liberale Gesetze in einer Gesellschaft überhaupt wirken, die antiliberale Werte und Normen verinnerlicht hat, und wenn, wie sie da wirken. Da braucht es wahrscheinlich eine erhebliche Anstrengung der Staatsgewalt (mit tendenziell antiliberalen Methoden), ihre Durchsetzung zu überwachen. Das betrifft natürlich weniger Strafgesetze, wo der Staat es ja selbst in der Hand hat, aber alle, die das Verhältnis der Bürger untereinander regeln.

    und andererseits können auch Gesetze, die einen Bruch mit der Tradition darstellen, die Freiheit mehren

    Das würde ich allerdings nicht so zwingend sehen. Dazu müssten wir uns wahrscheinlich über den Begriff “Tradition” unterhalten. Ich würde darunter jedenfalls nicht die herrschende Meinung einer Elite verstehen oder das, was irgendwo im hintersten Winkel des Landes noch als solche gilt. Meines Erachtens kommt, zumindest in einer freien und nicht in einer obrigkeitsstaatlichen Gesellschaft (wie die deines Beispiels eine war), der Anstoß zu neuen Gesetzen immer aus dem heraus, was Dávila da mit “Sitte und Brauch” umschreibt. So ist z.B. der von dir genannte Paragraf, der Homosexualität zur Straftat erklärte, erst dann abgeschafft worden, als bereits in weiten Kreisen der Bevölkerung die dahinter stehende Norm nicht mehr als gültig angesehen wurde (ein typisches Zeichen ist da meist auch eine gemessen an der Wahrscheinlichkeit des Tatbestands äußerst geringe Anwendung und laxe Durchsetzung - deshalb ist z.B. auch der Blasphemie-Paragraf eigentlich ein Zombie).

    Ein Gesetz, das sich bewusst gegen die gesellschaftlichen Normen stellt, muss daher m.E. immer auch freiheitseinschränkend sein, wenn es sich dem entgegenstellt, was die Bürger ohne die Androhung staatlicher Sanktionen tun würden. Nun ist auch der Fall möglich, dass die Freiheit der Vielen die Freiheit des Einzelnen massiv gefährdet, weil die Vielen z.B. den Einzelnen gerne abmurksen würden. Da wäre ein Gesetz, das den Einzelnen schützt, natürlich geboten. Nur: Wer soll das dann erlassen?

    Dass Werte und Normen sich ändern ist klar, doch dieser Wandel kann gehindert werden, wenn eine Norm zum Gesetz wird - ein gutes Beispiel sind sicherlich die vielen Diskriminierungs- und neuerdings Antidiskriminierungs-Paragraphen.

    Das halte ich nicht für überzeugend. Wenn wir davon ausgehen, dass die Lust an Antidiskriminierungsgesetzen Ausfluss einer gesellschaftlichen Norm ist (was auf EU-Ebene schwierig zu sagen ist: Wo ist da die Gesellschaft?), was hindert uns daran anzunehmen, dass bei einer Änderung dieser Norm auch diese Gesetze verschwinden werden? Wie oben gesagt: Der Homosexuellen-Paragraf hat die veränderte gesellschaftliche Bewertung auch nicht lange überlebt.

    Ich sehe übrigens in all dem, was wir hier diskutieren, eine Parallele zu Hayeks Denken über die Normen, die zwar Ergebnis menschlichen Handelns sind, aber nicht menschlichen Entwurfs.

  22. Markus
    10.09.2008 | 17:55

    @ Rayson

    Es würde deiner liberalen Grundhaltung keinen Abbruch tun, wenn du zugeben würdest, daß du mit der Darstellung von Davila einen Fehlgriff getan hast.

    Wenn ich mich recht erinnere, hast doch auch du vor kurzem noch kritisiert, daß in dem Blog “ad sinistram” die spätere Terroristin Ulrike Meinhof als begabte Journalistin präsentiert wird, was zwar auch stimmen mag, aber doch ein relativierendes Gesamtbild ergibt.

  23. 10.09.2008 | 21:20

    @Markus

    Einen Fehlgriff hätte ich wohl eher getan, hätte die Beschäftigung mit Dávila deinen Beifall gefunden.

    Übrigens habe ich zur “ad sinistram”-Diskussion nichts beigetragen. Es ging in ihr auch nicht um die Präsentation als begabte Journalistin. Dávila war, soweit ich das weiß, nicht an Morden beteiligt.

    Sorry, aber um eine inhaltliche Diskussion kommt hier keiner herum. Diese “ad personam”-Versuche sind mir einfach zu platt.

  24. 10.09.2008 | 21:22

    @Shin

    Was soll am Individualismus “obszön” sein?

    Absolute Ich-Bezogenheit zum Beispiel, ohne Rücksicht auf andere und ohne moralische Fundierung. Das kann mancher als obszön empfinden.

  25. Markus
    11.09.2008 | 10:55

    @ Rayson

    Man kann Davila mit Fug und Recht aber als einen “geistigen Brandstifter” bezeichnen, der für eine vormoderne Obstruktionspolitik steht.

    Wenn man aus einem Reaktionär einen Liberalen machen will, kommt man um kritikwürdige Relativierungen nicht herum.

  26. 11.09.2008 | 11:18

    Wo viel Stroh ist, brennt’s am besten. Traditionell setzen wir das hier aber nicht voraus, Euer Kritikwürden.

  27. 11.09.2008 | 13:35

    @Markus

    Kann man? Dann belege das doch mal. Könnte interessant werden, insbesondere bei Parallelen zu linker Kritik. Weißt du eigentlich, was Dávila unter einem “Reaktionär” versteht? Und dass er eigentlich für überhaupt keine “Politik” steht? Mir schwant immer mehr, dass du ihn gar nicht gelesen hast.

    Dass Dávila kein Liberaler ist, habe ich schon eingangs geschrieben. Aber vielleicht wirst du es ja nie begreifen, dass die Beschäftigung mit den Werken eines Autors nicht mit einer Parteinahme irgendeiner Art gleichzusetzen ist. Immerhin qualifizierst du dich für einen Job im Ordnungsamt.

  28. Markus
    11.09.2008 | 23:53

    @ Rayson

    Und Ordnung ist das halbe Leben, sagt man. Es ist dein Part, den Leser davon zu überzeugen, daß Davila liberalismuskompatibel ist.
    Und wer für überhaupt keine Politik steht, ist ein Reaktionär! War das jetzt “bissig”?

  29. 12.09.2008 | 0:09

    Es ist dein Part, den Leser davon zu überzeugen, daß Davila liberalismuskompatibel ist.

    Genau, Rayson, und Kehrwoche hast Du auch!

  30. 12.09.2008 | 0:09

    @Markus

    Es ist dein Part, den Leser davon zu überzeugen, daß Davila liberalismuskompatibel ist.

    Habe ich gar nicht vor, und mir ist völlig rätselhaft, warum du mir diese Absicht unterstellst. Ich will Aphorismen als Anreiz zum Nachdenken und Diskutieren bringen. Dann werden wir ja sehen, was “liberalismuskompatibel” ist und was nicht.

    Und wer für überhaupt keine Politik steht, ist ein Reaktionär! War das jetzt “bissig”?

    Ganz bestimmt. Und falsch auch noch ;-)

  31. 12.09.2008 | 0:09

    @David

    Ha noi, bin zum Glück im Badischen geblieben ;-)

  32. 12.09.2008 | 0:10

    Kei’ Zucht!

  33. 12.09.2008 | 0:19

    Ich sag nur: Sodom und Gomorrha!

  34. 12.09.2008 | 0:20

    Richtig!

  35. Markus
    12.09.2008 | 0:20

    Echt argumentationsstark, der David. Man könnte glatt “Mentalschnupfen” kriegen.

    Wenn man Aphorismen von Davila bringt, wird man sich so seine Gedanken gemacht haben und eine bestimmte Absicht damit verfolgen.

  36. 12.09.2008 | 0:21

    Au ja, Verschwörungstheorie. Geil!

  37. 12.09.2008 | 0:28

    Aber vielleicht mal doch noch als Überraschung für festgefahrene Hirne:

    Selbstverständlich habe ich mir bei der Lektüre Dávilas Gedanken gemacht. Nämlich, dass viele seiner Aphorismen sehr gelungen sind, weil sie entweder spontane Zustimmung, spontane Ablehnung oder spontanes Grübeln bewirken.

    Meine Absicht ist, insbesondere die letzteren zu bringen, damit Interessierte einen Anlass haben, über bestimmte Dinge nachzudenken.

    Ich tue das, weil der Scheck der INSM schon eine Woche überfällig ist. Trifft er rechtzeitig ein, werde ich natürlich nur die Aphorismen bringen, die sich mitleidig mit den Linken beschäftigen.

    Kommt er überhaupt nicht mehr, werde ich wieder die Instruktionen von Opus Dei öffnen, und zusätzlich noch diejenigen diskutieren, die unsere moderne Gesellschaft in Bausch und Bogen verdammen.

  38. 12.09.2008 | 0:29

    Echt argumentationsstark, der David. Man könnte glatt “Mentalschnupfen” kriegen.

    Potentiell ja, für Dich reicht Polemik aber völlig aus.

  39. Markus
    13.09.2008 | 22:04

    @ Rayson

    Der “Mann vom Ordnungsamt” ist nicht von der Sittenpolizei, okay?

    Deine Antwort ist eher eine formale, nicht eine inhaltliche, die mich mehr interessieren würde.

  40. 14.09.2008 | 0:18

    @Markus

    Einen eigenartigen Humor hast du ja. Wer von uns argumentiert denn formal und wer inhaltlich?

  41. Markus
    16.09.2008 | 0:25

    @ Rayson

    Jedenfalls habe ich von dir nicht erfahren können, warum Davila dich so begeistert. Vermuten kann man es aber.

  42. 16.09.2008 | 4:10

    Markus, Du gibst nur sehr unwillig auf und ich finde das ja sooo süß! Laß Dich knuddeln! *knutsch*

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