Relativ

Ratzinger ist schuldig. So jedenfalls Alan Posener in einem Beitrag auf der “Achse des Guten”. Schuldig des Werterelativismus, weil er eine offenbar unerklärliche Abneigung gegen die Atombombe entwickelt hat, statt zwischen guten (Atombomben in den Händen der USA) und bösen (Atombomben irgendwo anders) zu unterscheiden.

Schließlich ist

die Atombombe lediglich Produkt der technischen oder instrumentellen Vernunft, die für sich genommen wertfrei ist. Ein Spaten ist ein Spaten, aber man kann ihn auch benutzen, um Menschen zu erschlagen.

Soll sagen: Eine Atombombe ist einfach nur eine Atombombe, man kann sie aber auch dazu verwenden, Zehntausende von Menschen umzubringen. Was die USA mit ihren nicht vorhatten - die lagen da einfach so rum, frei für andere Verwendungen. Und deswegen darf man die Vernunft, die so etwas hervorbringt, nicht kritisieren.

Nun ist es ja tatsächlich nicht ganz egal, wer die Verfügungsgewalt über solche nützlichen Alltagsgegenstände hat, da hat Posener schon recht, und daher gibt es gute Gründe, dafür zu sorgen, dass der Iran damit keine Gärten umgraben kann.

Posener schreibt dazu:

Aber wenn ich wählen muss - und man muss wählen -, wessen Finger ich lieber am atomaren Abzug sähe, ziehe ich einen säkularen Ami (oder Israeli) einem frommen Verrückten allemal vor.

Wobei mich nur noch interessieren würde, wie er das mit säkularen Verrückten oder frommen Amis (oder Israelis) hält…

Was für Werte sollen das also sein, die man “relativiert”, wenn man wie Ratzinger die Bedrohung des Lebens weiter Teile der Menschheit als unerträglichen Zustand ansieht? Vielleicht war ja auch Jesus Christus so ein Werterelativist - die Zeloten haben ihn sicher als solchen betrachtet: Statt für die gerechte Sache einzutreten, sich also gegen die Besetzung durch die Römer zu wenden, hilft der stattdessen einzelnen Soldaten des Feindes und schart Kollaborateure um sich.

Ratzinger relativiert offensichtlich vor allem Poseners Werte, also z.B. das Bekenntnis zur Unfehlbarkeit der politischen Führung der USA. Er tut es, weil er sich an anderen orientiert, die er für wahrer und richtiger hält.

Posener nennt das “typisch deutsch”, um die Sache en passant in die offizielle Blog-Perspektive zu rücken. Ich nenne es christlich.

Zum Nachtisch noch der passende Wise-Guys-Song:

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17 Kommentare zu “Relativ”

  1. 7.09.2008 | 19:19

    Poseners Hass auf das Christentum ist ja nun nicht gerade neu. Danke für den prominenten Widerspruch auf diese Albernheiten.

  2. 7.09.2008 | 19:28

    “Prominent” - das hast du schön gesagt: Wahrscheinlich meintest du D-Promi ;-)

  3. 7.09.2008 | 19:31

    Ich erlaube mir mal Euch eines OT auf meinen Selbstversuch hinzuweisen. Es verspricht ganz “lustig” zu werden, jedenfalls für die Leser. Ich möchte mich damit allerdings keinesfalls über Bedürftige lustig machen, ich sehe das als ernstgemeinten Versuch die Lage der Bedürftigen objektiv zu erkunden.
    http://meineheimat.wordpress.com/2008/09/07/einen-monat-nach-hartz-iv/

    Kritik bitte im Kommentarbereich posten. Offtopic Ende.

  4. 7.09.2008 | 19:40

    OT-Info:

    Ich habe eine Selbsthilfegruppe gegründet für Blogautoren, deren Beiträge in jüngster Zeit besonders frech für OT-Kommentare missbraucht werden. Mails bitte an unsere Adresse oben rechts.

  5. 7.09.2008 | 20:34

    Oh, die E-Mail habe ich leider nicht auf dem Schirm gehabt. Sie ging irgendwie zwischen den Namen der B.L.O.G.-Autoren unter. Ich bitte um Entschuldigung.

  6. twex
    7.09.2008 | 20:44

    Hab ich da was überlesen oder hat Herr Posener einen Kleinen Knaben und einen Fetten Mann, die in dieser Geschichte eine nicht ganz unwesentliche Rolle gespielt haben, irgendwie gar nicht erwähnt? Die beiden passen natürlich auch nicht so recht in seine Theorie…

  7. 7.09.2008 | 21:22

    @twex

    Zu den beiden ist bei USA Erklärt in der Serie “Krieg gegen Japan” auch Interessantes nachzulesen.

  8. 7.09.2008 | 22:00

    @twex

    Um nicht falsch verstanden zu werden: Ich will hier nicht die USA für den Einsatz der Bombe kritisieren. Irgendjemand hätte sie immer irgendwo eingesetzt. Da ist mir der Zweck, für den sie verwendet wurde, schon relativ sympathisch. Aber diese Sichtweise hat nichts mit der Betrachtungsweise zu tun, die ich im Beitrag einschlage.

  9. 7.09.2008 | 22:13

    “Prominent” - das hast du schön gesagt: Wahrscheinlich meintest du D-Promi ;)
    Warum? Ich glaube nicht, dass diese “Achse des Guten” eine nennenswert größere Reichweite hat als die Bissigen Liberalen. :)

  10. 7.09.2008 | 22:35

    Wir fühlen uns geschmeichelt, aber die Realität sieht wohl anders aus…

  11. john j
    7.09.2008 | 23:03

    2 Dinge zu Posener’s unsaeglichem Artikel:

    1. Posener meint dass es einen moralischen Unterschied macht ob ein radioaktiver Truemmerhaufen mal Minsk oder Minneapolis hiess…sicherlich kann man Demokratie und Kommunismus auf der moralischen Ebene micht gleichwertig nebeneinander stellen aber ein Menschenleben, sgain wir das eines 3-jaehrigen Kindes, in MInsk und Minneapolis ht moralisch den gleichen Wert.

    2. Posener sagt die USA haben die Atombombe 45-49 (nach Hiroshima und Nagasaki) nicht eingesetzt obwohl sie es gekonnt haetten - und das ist der Beweis fuer ihre Weitsicht ud ihr rationales Kalkuel. Dzu das folgende Churchill-Zitat von Mai 1945:

    “This indeed was a deadly moment in our life, and if it had not been for the loyalty and friendship of Northern Ireland, we should have been forced to come to close quarters with Mr. de Valera, or perish from the earth. However, with a restraint and poise to which, I venture to say, history will find few parallels, His Majesty’s Government never laid a violent hand upon them, though at times it would have been quite easy and quite natural,…”

    Und Eamon de Valera’s Antowrt:

    “Mr. Churchill makes it clear that, in certain circumstances, he would have violated our neutrality and that he would justify his actions by Britain’s necessity. It seems strange to me that Mr. Churchill does not see that this, if accepted, would become a moral code and that when this necessity became sufficiently great, other people’s rights were not to count… that is precisely why we had this disastrous succession of wars — World War No.1 and World War No.2 — and shall it be World War No.3?”

    Posener’s Glauben in die Unfehlbarkeit, Weisheit und Grosszuegigkeit der USA ist eine Sache, aber zu behaupten das sei so weil die USA ein Land nicht eingeaeschert haben als man es mehr oder weniger ungestraft tun konnte, das ist wirklich zynisch.

  12. der_Neue
    7.09.2008 | 23:44

    @Rayson

    Eine Atombombe ist einfach nur eine Atombombe, man kann sie aber auch dazu verwenden, Zehntausende von Menschen umzubringen.

    In der Tat waren (/sind) die Atombombenbestände der Allierten nicht dazu gedacht, Zehntausende Menschen umzubringen. Sie sollen signalisieren, das man aus Notwehr in der Lage wäre, sie zu benutzen. Und diese Funktion haben die Atombomben im kalten Krieg ja auch erfüllt.

    Posener schreibt dazu:

    Aber wenn ich wählen muss - und man muss wählen -, wessen Finger ich lieber am atomaren Abzug sähe, ziehe ich einen säkularen Ami (oder Israeli) einem frommen Verrückten allemal vor

    Wobei mich nur noch interessieren würde, wie er das mit säkularen Verrückten oder frommen Amis (oder Israelis) hält…

    Hier kann ich deinen Einwand nicht verstehen. Du willst doch nicht wirklich behaupten, dass die heutige / zukünftige politische Führung in den USA genauso wenig vertrauenswürdig ist wie im Iran?
    Posener Kritik geht m.E. genau in die richtige Richtung: Es ist doch ganz entscheidend, wer die Verfügungsgewalt über die technischen Errungenschaften hat.
    Die Atombombe als “pathologische Vernunft” darzustellen, finde ich auch höchst naiv. Sie ist keineswegs Produkt einer “gottlosen” oder “wertfreien” Vernunft - ganz im Gegenteil! Sie wurde von den Amerikanern ja gerade entwickelt, um den Wert Freiheit zu verteidigen.

    das Bekenntnis zur Unfehlbarkeit der politischen Führung der USA

    Wo liest du das heraus? Das Posener die amerikanische Führung für vertrauenswürdiger hält als eine komunistische Russische oder fundamentalistische Iranische… das tue ich auch. Kritisierst du das?

    Den Quatsch mit “typisch deutsch” hätte Posener sich allerdings sparen können.

  13. 8.09.2008 | 0:05

    @der_Neue

    Sie sollen signalisieren, das man aus Notwehr in der Lage wäre, sie zu benutzen.

    Ich bin Schachspieler, und ich weiß, dass eine Drohung wertvoller ist als ihre Ausführung. Aber eine Drohung, deren Ausführung als gänzlich unmöglich angesehen wird, ist keine. Also bleibt das Problem, dass die Abschreckung die Vernichtung weiter Teile der Menschheit in Kauf nimmt, als solches bestehen.

    Du willst doch nicht wirklich behaupten, dass die heutige / zukünftige politische Führung in den USA genauso wenig vertrauenswürdig ist wie im Iran?

    Nein. Das Gegenteil steht auch im Beitrag, insofern wundere ich mich ein wenig über die Frage. Aber ich schaffe es einfach nicht, Vernichtungspotenzial als harmlos zu deklarieren, nur weil es in den vermeintlich richtigen Händen sein soll.

    Sie wurde von den Amerikanern ja gerade entwickelt, um den Wert Freiheit zu verteidigen.

    Sie wurde von den Amerikanern entwickelt, um einen Krieg zu gewinnen. Für die Freiheit hätte sich keiner solche Mühe gemacht. Und nur um wieder den größten Dösbaddeln vorzugreifen: Ich finde es gut, dass die Amis den Krieg gewonnen haben, in dem sie diese Bombe auch zum ersten Mal einsetzten. Nur ändert das nichts am Beitrag.

    Das Posener die amerikanische Führung für vertrauenswürdiger hält als eine komunistische Russische oder fundamentalistische Iranische… das tue ich auch. Kritisierst du das?

    Nein. Ich kritisiere, dass das Vertrauen so weit gehen soll, die Existenz von Massenvernichtungswaffen für gut zu befinden.

  14. F.Alfonzo
    8.09.2008 | 6:30

    @Rayson: Hier was für deine Statistik:

    *schwitz, schwitz, versuch, mit der Atombombe das Radieschenbeet umzugraben, nein, klappt einfach nicht, zu schwer, das Ding*

    Ansonsten: Muss man das wissen, wenn ein Niemand die Aussage des Papsts kritisiert, welche widerum, äähm, eher von geringem Interesse ist?

    …wie gesagt: off-topic, kann auch gerne entfernt werden, aber manchmal verstehe ich einfach den Sinn diverser Debatten nicht…

  15. der_Neue
    8.09.2008 | 13:42

    @Rayson

    Aber eine Drohung, deren Ausführung als gänzlich unmöglich angesehen wird, ist keine.

    Wer sagt denn, dass der Einsatz von Nuklaerwaffen gänzlich unmöglich ist?

    Nein. Das Gegenteil steht auch im Beitrag

    Davon gehe ich aus und deswegen verstehe ich auch den Einwand

    Wobei mich nur noch interessieren würde, wie er das mit säkularen Verrückten oder frommen Amis (oder Israelis) hält

    nicht. Vielleicht wars auch nur ein Joke und ich bin ne Spaßbremse ;)

    Aber ich schaffe es einfach nicht, Vernichtungspotenzial als harmlos zu deklarieren, nur weil es in den vermeintlich richtigen Händen sein soll.

    Viel schlimmer wäre es doch, falls das Vernichtungspotenzial NUR in den falschen Händen wäre. Einseitiges Abrüsten halte ich für eine schlechte Strategie.

    Sie wurde von den Amerikanern entwickelt, um einen Krieg zu gewinnen.

    Wir könnten uns darüber streiten, welche Ziele die Amerikaner hatten, aber das Fass sollten wir vielleicht nicht aufmachen. Ist auch für das eigentliche Thema nicht so relevant, denke ich.

    Ich kritisiere, dass das Vertrauen so weit gehen soll, die Existenz von Massenvernichtungswaffen für gut zu befinden.

    Wenn wir die Wahl hätten, mit einem Schlag alle Massenvernichtungswaffen zu beseitigen und deren Herstellung für die Zukunft auszuschließen… ich wäre auch dafür. Nur das meinte ich mit “naiv”. Solange es “Schurkenstaaten” gibt, die sich WMD beschaffen, ist eine einseitige Abrüstung m.E. töricht.

    Übrigens: Die Wise Guys kannte ich noch nicht, hab mir gleich mal die Tourdaten angeschaut :)

  16. 8.09.2008 | 15:54

    @F.Alfonzo

    Weißt du, ich verstehe den Sinn eines Blogs so, dass ich darin schreibe, was mich gerade in dem Moment, wo ich es schrieb, ausreichend beschäftigt hat, um es zu schreiben.

    Ich arbeite keine Agenda ab und bediene auch keinen Kundenkreis. Warum auch? Das Wunderschöne an Blogeinträgen ist ja u.a. auch, dass man sie nicht weiterzulesen braucht, wenn sie einen nicht interessieren…

    Dass Themen, die man selbst gerne behandelt sehen möchte, untergehen, kann man nur vermeiden, wenn man selbst einen Blog füllt ;-)

    @der_Neue

    Wer sagt denn, dass der Einsatz von Nuklaerwaffen gänzlich unmöglich ist?

    Eben. Mein Reden.

    Vielleicht wars auch nur ein Joke und ich bin ne Spaßbremse ;)

    Wieso? Ich kenne jetzt Poseners Präferenz säkularer Amis gegenüber frommen Verrückten. Ist es da nicht nur recht und billig, sich zu fragen, wie die aussähe, wenn die Amis fromm und die Verrückten säkular wären? Ausgeschlossen ist das ja nicht - fromme Amis gibt es schon mal eine Menge…

    Viel schlimmer wäre es doch, falls das Vernichtungspotenzial NUR in den falschen Händen wäre. Einseitiges Abrüsten halte ich für eine schlechte Strategie.

    Darum geht es doch gar nicht.

    Die Wise Guys kannte ich noch nicht, hab mir gleich mal die Tourdaten angeschaut :)

    Kann man nur empfehlen. Wird ein spaßiger Abend!

  17. Dangerous Beans
    9.09.2008 | 1:32

    Hi,

    hab mich auch fürchterlich aufgeregt über den Blogeintrag auf Achgut.
    Der Tiefpunkt des Jahres so zu sagen, aber halten wir mal fest, dass erst Posener diesen Tiefpunkt ermöglicht, wenn andere sowas fabrizieren würden, dann würde das von uns kaum bemerkt und wenn doch, dann müde abgeächelt werden.
    Posener ist streng genommen der einzige politische Journalist über den ich mich regelmässig ärgere, dabei kommen ja auch häufiger mal gute Texte. Was auch der Grund für den Ärger ist.

    DB

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