16. September 2008
Rechthaber
Achim vom A-Team nebenan tut etwas, was schon in der Realität selten ist, noch mehr aber in der Blogosphäre. Er gibt zu, sich geirrt zu haben.
Ich will jetzt nicht darüber reden, dass ein etwas verwirrter Kommentator ihm gerade deswegen Verbohrtheit unterstellt. Diese Einschätzung hat derjenige wohl exklusiv, und sie ist nicht relevant. Worüber ich gerne reden würde, steht in meiner Reaktion darauf, die auch dort in den Kommentaren zu finden ist.
Ich war in den frühen 80er Jahren, zur Hochzeit der Friedensdemonstrationen, erst in der Schule und dann “beim Bund”. Als ich zur Uni ging, war der NATO-Doppelbeschluss praktisch schon Geschichte (und die Vernichtungsdrohung wundersamerweise verschwunden).
In der Schule gab es zu meiner Zeit unter den ernstzunehmenden Kombattanten (also Klasse 10 aufwärts) maximal eine Handvoll Nichtlinker, die sich allesamt in der örtlichen Jungen Union wiederfanden. Die Zahl der Linken war ungefähr dreimal so groß, allerdings aufgeteilt unter den üblichen Fraktionen. Der größte Anteil der Linken war rückblickend im Umfeld der damaligen, sich praktisch noch findenden Grünen einzuordnen, dazu kamen eine Handvoll Juso-Sozialisten und ein bis zwei orthodoxe DKPler. Die Masse war allerdings unpolitisch, so wie heute. Obwohl, das sei zur Ehre meiner Generation gesagt, wir “Politischen” sicher auf mindestens 20% kamen, und uns untereinander in der Abneigung gegen die Uninteressierten ziemlich einig waren. Popper und Punks, das zur Info an diejenigen, die hier mehr erwarten, waren bei uns Exoten. Zwar inszenierten sich die Linken als bewusst (nach-)lässige Typen, aber auch wir waren äußerlich von denen kaum zu unterscheiden. Vielleicht nochmal zur Klärung des Zeitgeists bei uns: Im Strauß-Wahlkampf 1980 beschloss unser JU-Ortsverband, sich jeglicher Aktivitäten zu enthalten. Das war damals bei uns im Dorf “rechts”.
Die übliche Konstellation in der Oberstufe war, dass einer von uns JUlern auf ein bis vier Linke traf. Das war in Mathe eher irrelevant (obwohl es hier, sorry, auch zu einer Ungleichverteilung des Verstehens kam…), wirkte sich aber in Fächern wie Geschichte, Sozialkunde oder dem berühmt-berüchtigten Fach Gemeinschaftskunde aus. Ich weiß nicht, ob das damals normal war, aber wir bekamen viele Gelegenheiten, unsere Standpunkte zu verschiedenen politischen Fragen darzulegen. Nebenbei bombardierten wir uns mit diversen Zeitschriften.
Die Standpunkte von damals waren ungefähr folgende:
Alternative Energien gegen Kernkraftwerke - da muss ich passen, ich war damals gegen Kernkraftwerke. Unentschieden: 0:0
Real existierender Sozialismus gegen real existierenden Kapitalismus - es gab damals keinen Linken, der die westliche Form des Wirtschaftens als überlegen eingestuft hätte. Punkt für mich: 1:0
Doppelbeschluss gegen drohenden 3. Weltkrieg - die politische Durchsetzung der Stationierung der Mittelstreckenraketen beerdigte die letzten Hoffnungen der Sowjets. Punkt für mich: 2:0
Marktwirtschaft gegen Planwirtschaft - q.e.d.. Punkt für mich: 3:0
Deutsche Einheit durch Annäherung an SED oder durch Härte gegenüber Moskau - q.e.d.. Punkt für mich: 4:0
Vielleicht vergesse ich noch wesentliche andere Punkte, aber eigentlich sollte es das sein.
Der Punkt ist nun: In allen Streitfragen hatte ich einfach recht. Meine angeborene Bescheidenheit gebietet es mir zwar, nach alternativen Interpretationen zu suchen, aber mir fallen einfach keine ein. Dass die damals unterlegene Seite heute von “peinlichem Triumphgeheul” spricht, ist zwar irgendwie verständlich, kommt aber angesichts der Fakten nicht besser an als das Gejammer eines schlechten Verlierers.
Und eben das macht Achim anders. Der hat erkannt, wo er sich irrte. Das ändert überhaupt nichts an den Motiven, die ihn seinerseits dazu bewogen haben mögen, sich der Friedensbewegung anzuschließen. Ich unterstelle ihm da dieselben ehrenwerten, die ich ihm auch heute unterstelle. Er hatte eben nur die falschen Konsequenzen gezogen. Wie auch heute in Religionsfragen, nebenbei bemerkt
(Gruß an Achim :-))
Karsten hat mich mal als in meinen Meinungen gefestigt charakterisiert. Er war, wie immer, höflich, meinte aber wohl “verbohrt”. Wenn dem so sein sollte, dann kennen die Leser dieses Blogs wenigstens den Grund dafür. Wer einmal unter reichlich Gegenfeuer recht behielt, wird die Wahrscheinlichkeit, dass seine weiteren Schlüsse richtig sind, nicht gerade als gering einstufen. Obwohl das, nüchtern gesehen, nur leicht wahrscheinlicher ist als das Gegenteil.
Aber man wird mir zugestehen müssen, dass ich seitdem, bevor ich aufhöre, dagegen zu argumentieren, sehr überzeugende Belege brauche. Denn das Gegenerlebnis fehlt mir noch, also in einer zentralen Frage jahrelang eine Meinung vertreten zu haben, die sich hinterher als grundlegend falsch herausstellte. Es ist alles andere als ausgeschlossen, aber eben noch nicht eingetreten. Nochmal sorry.
Verfasst von Rayson um 20:52 Uhr in der Kategorie Geschichte, Politik, Steckenpferde der Autoren, Wirtschaft (Trackback)