16. September 2008
Wir 82er
Antwort zu dem hier.
Ich werde es wohl nie nachvollziehen können, wie jemand ein bisschen Roll-back von dem, was über Deutschland in den 70er hereingebrochen ist, als Triumph des “neoliberal-konservativen Komplexes” begreifen kann. Es ist wohl eine Frage des Ausgangspunktes, wobei ich mich ein wenig weigere, die Geschichte 1970 beginnen zu lassen.
Wenn die Frage sein soll, “wer stärker, mächtiger, fieser, skrupelloser, rücksichtsloser war”, dann ist die Antwort aber klar: Der Verlierer war es, jedenfalls in seiner Gesellschaft. Sozialismus zu Ende gedacht, das bedingt Überwachungsstaat, so Hayek damals richtig in seinem “Weg zur Knechtschaft”. Was da im “Ostblock” passierte, das war vor allem folgerichtig. Dessen Wirtschaft war in den 80ern endlich so marode, wie Mises das Jahrzehnte vorher nur anhand der Abschreibungsregeln für Gebäude prophezeiht hatte, und somit stieg die Suche des Staates nach Übeltätern um so mehr.
Wirtschaft unabhängig von staatlicher Repression, das wurde bislang in Ansätzen nur kapitalistisch realisiert.
Es wäre natürlich zu kurz gedacht, die Verlierer von damals nur als solche zu sehen. Wie könnte ich das als Anhänger einer Mannschaft mit hochfliegenden Ansprüchen, die gerade zur besagten Zeit in Amateurligen herumdümpelte. Ein wirklicher Verlierer wird man erst, wenn man sich weigert zu lernen. Das will ich jetzt niemandem unterstellen, aber als Maßstab mal so formulieren. Für Momorules, für mich, für alle.
Für unterschiedliche Erfahrungen kann ich nichts, aber ich möchte dann doch noch anmerken, dass das, was ich etwas abschätzig als “Dorf” bezeichne, Momorules’ Definition einer Vorstadt mindestens sehr nahe kommt. Kann sein, dass die “Politischen” mehr als 20 Prozent ausmachten, aber der Trend gegen Links kam eindeutig nach mir. Allerdings trennen Momorules und mich vielleicht genau diese wenigen für diese Aussage entscheidenden Jahre. Ich bin, nach allem was ich mitbekommen habe, einige wenige Jahre älter als er, aber die “Stadt”, auf die wir uns beziehen, ist dieselbe.
Tatsächlich: Nur die beiden DKPler wagten es, die Planwirtschaft hochleben zu lassen. Allerdings fühlte sich der Rest der Linken in der Äquidistanz sehr wohl, und auch diese Perspektive ist rückblickend als verfehlt einzustufen.
Dass ich eine “Punker-Kartei” nicht erwähne, ist übrigens nicht seltsam, sondern hat etwas damit zu tun, was mir damals als Problem bewusst war. Die angebliche oder reale “Punker-Kartei” wurde erst publik, als ich schon “beim Bund” war, und danach war sie wohl kein Thema mehr.
Unterschlage ich etwas, wenn ich Gorbatschow sage? Ein wenig hängt das schon davon ab, wie sehr man Geschichte durch “starke Männer” oder durch “Gesetzmäßigkeiten” bestimmt sieht. Wahrscheinlich hat beides seinen Raum. Die “starken Männer” können nichts tun, was in den “Gesetzmäßigkeiten” nicht schon angelegt ist. Gorbatschow war kein Irrer, sondern jemand, der sich an den Bedingungen orientierte, denen er gegenüberstand. Natürlich gehört es zum Mythos von Stalinisten und anderen Kommunisten, sich eine bessere Welt zurechtzuträumen, die dann entstanden wäre, hätte statt Gorbatschow ein linientreuer Apparatschik die Dinge in die Hand genommen. Aber wir sind heute in der Lage, den Realitätsanspruch dieser Träume angemessen zu beurteilen.
Auf einen weiteren Punkt von Momorules’ Entgegnung lohnt es sich noch einzugehen.
mir wäre es damals auch lieber gewesen, es hätte die Einheit nicht gegeben. Jetzt gibt es sie, und das muß ich halt akzeptieren.
An alle Ossis: Das sagt ein Wessi. Lasst es sacken. Ich gestehe: Mir, so ganz egoistisch, wäre es auch lieber gewesen, die DDR wäre heute auf einem Niveau mit Polen oder Ungarn. Was hätte ich mir da an Transfers gespart. Ok, man hätte diejenigen, die da von Ost nach West wollten, schon irgendwie abschotten müssen, aber standen die dazu geeigneten Anlagen nicht noch? Unverschämt, solches Volksvermögen zu vernichten. Ok, ok… Ich habe was gegen Selbstschussanlagen und Mauerschützen, und Momorules wird es genau so gehen - also bleibt uns nichts anderes, als die gegebenen Präferenzen als solche mal zu akzeptieren. Und wenn wir ehrlich sind, müssen wir uns eingestehen, dass das damalige Plakat den Nagel auf den Kopf traf: “Kommt die DM nicht zu uns, kommen wir zu ihr!” Ohne Mauer kein Einheitsstaat. Kismet.
Es ist mir selbstverständlich extrem peinlich, dass es sich - im Gegensatz zu uns Wessis - bei den neu hinzugewonnenen Landsleuten nicht ausschließlich um Musterdemokraten und Mustermenschen handelte. Aber eine Selektion war aus irgendwelchen unverständlichen Gründen nicht mehr möglich, und wir mussten einfach nehmen, was da kam. Ich finde, es hätte schlimmer kommen können…
Ja, MomoRules, reden wir nicht über Idole, reden wir über uns.
Verfasst von Rayson um 23:49 Uhr in der Kategorie Geschichte, Politik (Trackback)