Den Stand der Zivilisation einer Gesellschaft…

…erkennt man ja angeblich beim Blick ihre Gefängnisse. Sagte mal jemand den niemand kennt, weshalb der Satz mal Dostojewski, mal Orwell oder mal Churchill zugeschrieben wird. (”Der Aphorismus der mir nicht zugeschrieben wurde, wurde noch nicht geschrieben”, wie Winston Churchill das nie sagte.)

Und Rückgriff nehmend auf Davids letzten Eintrag, hoffe ich dass sowas hier noch zumindest zum kleinen Skandal reicht und noch nicht Gewohnheit geworden ist:

The men were interrogated by the CIA and Defense Intelligence Agency, repeatedly denied access to attorneys and mail from home and contact with anyone other than guards and their interrogators. They were deprived of natural light for months and for years were forbidden even minor distractions such as a soccer ball or a dictionary.

“I will continue to do what I can to help this individual maintain his sanity, but in my opinion we’re working with borrowed time,” an unidentified Navy brig official wrote of prisoner Yaser Esam Hamdi in 2002.

Selbst wenn man das ganz kühl berechnend sieht, muss man fragen wieviel die Informationen wert sind, die man von einem Terroristen oder einem potentiellen Terroristen (zum Teil übrigens amerikanische Staatsbürger die auf amerikanischem Boden festgehalten werden) erhält, wenn man ihn wirklich aktiv mit solchen Maßnahmen in den Wahnsinn treibt. Und das ist die kühl berechnende, emotionslose, rein utilitaristische Frage.

Aber ich will gerade gar nicht emotionslos und utilitaristisch sein. Und ich weiß was in den Kommentaren vermutlich wieder kommen wird und es stimmt sogar: Ich habe keine Ahnung nicht wieviele Menschenleben durch so gewonnene Informationen bisher gerettet wurden. Also geht meine Frage an die US-Regierung: Wieviele?

Das hier ist eine Grundsatzfrage für die es keine klare Antwort gibt: Rechtfertigt die Rettung eines einzigen Lebens schon so ein Verhalten? Ist das Leben eines Unschuldigen in jedem Fall zu schützen, egal was man dafür tun muss? Haben Terroristen, auch potentielle Terroristen, jedes Recht auf ihre Menschenrechte verwirkt, weil sie diese anderen nicht zugestehen? Jeder von uns hat seine eigene Antwort darauf.

Meine Antwort: Ich selbst bin über uns - ja, das passiert in den USA, aber ich meine jetzt die westliche Wertegemeinschaft - bis zu einem gewissen Grade entsetzt, wenn ich mir angucken, wohin wir uns in den letzten sieben Jahren entwickelt haben. Wozu uns die Angst treibt. Sicher, das ist kein neues Verfahren, auch für die CIA nicht, aber damals bezeichnete man sowas als Folter. Heute gilt es enhanced interrogation method. Für die Auswirkungen auf den Betroffenen ist der Name allerdings egal. (Und nebenbei: Wenn sowas im Westen nicht mehr als Folter gilt, dann verlieren wir auch die Möglichkeit andere Staaten - etwa den Iran - dafür zu kritisieren, dass sie derartige Methoden gegen ihre Dissidenten einsetzen.)

Das sind Dinge die debattiert werden müssen: Wie weit muss ein Staat gehen das Leben seiner Bürger zu schützen? Gibt es Grenzen? Und wie wirkt sich die unkritische Akzeptanz solcher Verhaltensweisen auf uns als Gesellschaft aus? Wenn derartige Methoden inzwischen wirklich kein Skandal mehr sein sollten, sondern akzeptierte Gewohnheiten, dann haben wir in diesem Jahrzehnt viel von dem eingebüßt, was uns als westliche Wertegemeinschaft eigentlich auszeichnen sollte.

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12 Kommentare zu “Den Stand der Zivilisation einer Gesellschaft…”

  1. 10.10.2008 | 17:30

    Jeder darf, sofern er sich in einer entsprechenden Situation befindet, zu dem Schluß kommen, daß Folter (ja: Folter) das Mittel der Wahl, weil das kleinere Übel sei, darf die Geräte auspacken zeigen und applizieren bis er die gewünschten Informationen gewonnen oder den Glauben an ihre Gewinnbarkeit verloren hat, darf mit diesen Informationen Gutes tun und sich dann verhaften und anklagen lassen und sich letztlich vor Gericht verantworten und hoffen, daß auf Notstand befunden wird.

    “Wir brauchen Eier”, hat ein großer Philosoph mal gesagt. Wenn die Situation wirklich ernst genug ist, sollte sich doch noch jemand finden, der welche mitbringt und die Verantwortung trägt, oder?

  2. Michel
    10.10.2008 | 18:43

    @ David: Das hilft dem Gefolterten auch nicht viel.

  3. 10.10.2008 | 18:50

    Das ist wohl richtig.

  4. 10.10.2008 | 19:55

    @David: Was du da beschreibst ist die Daschner-Methode und ich habe unglaublich viel Respekt davor, dass der Polizist offen dazu stand was er angewendet hat und eben die, wie dein Philosoph schreibt, “Eier” hatte um sich den juristischen Folgen seines Handelns zu stellen. Passt aber nicht auf den Fall den Forbes da beschreibt, denn das fällt ja unter enhanced interrogation, also etwas das dezidiert mit einem Euphemismus belegt wird um es rechtlich von “echter Folter” abzugrenzen und aus der Domäne des Strafrechts zu entfernen.

  5. Lina
    10.10.2008 | 20:53

    Und wie wirkt sich die unkritische Akzeptanz solcher Verhaltensweisen auf uns als Gesellschaft aus?

    Als Verrohung - bei gleichzeitiger (eierloser;) Selbstverleugnung. Der kollektivierende, konfektionierende Druck macht’s möglich …

    Wozu uns die Angst treibt.

    Ja, wahrscheinlich.

  6. 10.10.2008 | 23:47

    Aber die Daschner-Methode hat für mich den Vorteil, dass einer ein Risiko eingeht, bevor er Nägel unter die Nägel treibt.

    Jeder selbst muss für sich entscheiden, ob Folter wirklich die “ultima ratio” ist. Gäbe es aber eine Regelung, die das zuließe, dann haben wir Zustände, die für mich in einem Rechtsstaat nichts zu suchen haben.

  7. 11.10.2008 | 22:45

    Jeder selbst muss für sich entscheiden, ob Folter wirklich die “ultima ratio” ist.

    Für diese Meinung gibt’s zwei Schumidaumen.

  8. Lina
    12.10.2008 | 9:49

    … und meinen dazu.

  9. 12.10.2008 | 9:55

    Wie ist das jetzt gemeint? (Bevor ich jetzt lange erkläre, was ich gemeint habe.)

  10. Lina
    12.10.2008 | 10:32

    Gäbe es aber eine Regelung, die das zuließe, dann haben wir Zustände, die für mich in einem Rechtsstaat nichts zu suchen haben.

    Es gibt sie! Als sehr beliebig auslegbar - amerikanische ‘Vorschriften’ betreffend - an die sich die jeweilige Gefängnisaufsicht zu ‘halten’ hat, sich ‘gebunden’ fühlen soll …

    (Einer preisgkrönten amerikanischen Doku zu Irak + Afghanistan entnommen, deren Titel ich nicht parat habe.)

  11. admin
    12.10.2008 | 23:26

    Also ich fände es schon etwas seltsam, wenn der Staat einem Verantwortlich sagen würde:

    “Du kannst deine Aufgabe manchmal nur erfüllen, wenn du geltende Gesetze verletzt. Wenn es uns genehm ist, wirst du dafür hinterher entschuldigt. Wenn nicht, wanderst du in den Bau.”

    Mir käme das so vor, als würde eine Gesellschaft, weil zu feige, einen Zielkonflikt zu regeln, erwarten, dass mit einem Abschieben der Verantwortung auf den Einzelnen das Problem zu lösen sei. Der Verweis auf die Notstandsregelung gleicht für mich ein wenig der Forderung nach rückwirkenden Gesetzen.

    Nein, wenn wir uns dafür entscheiden, Folter nicht zuzulassen und den Begriff auch entsprechend restriktiv zu definieren, können wir uns mit diesem etwas billigen Kunstgriff nicht vor der möglichen Konsequenz drücken, die wir damit in Kauf nehmen. Wie umgekehrt auch.

  12. 12.10.2008 | 23:27

    L’admin, c’est moi.

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