10. Oktober 2008
Den Stand der Zivilisation einer Gesellschaft…
…erkennt man ja angeblich beim Blick ihre Gefängnisse. Sagte mal jemand den niemand kennt, weshalb der Satz mal Dostojewski, mal Orwell oder mal Churchill zugeschrieben wird. (”Der Aphorismus der mir nicht zugeschrieben wurde, wurde noch nicht geschrieben”, wie Winston Churchill das nie sagte.)
Und Rückgriff nehmend auf Davids letzten Eintrag, hoffe ich dass sowas hier noch zumindest zum kleinen Skandal reicht und noch nicht Gewohnheit geworden ist:
The men were interrogated by the CIA and Defense Intelligence Agency, repeatedly denied access to attorneys and mail from home and contact with anyone other than guards and their interrogators. They were deprived of natural light for months and for years were forbidden even minor distractions such as a soccer ball or a dictionary.
“I will continue to do what I can to help this individual maintain his sanity, but in my opinion we’re working with borrowed time,” an unidentified Navy brig official wrote of prisoner Yaser Esam Hamdi in 2002.
Selbst wenn man das ganz kühl berechnend sieht, muss man fragen wieviel die Informationen wert sind, die man von einem Terroristen oder einem potentiellen Terroristen (zum Teil übrigens amerikanische Staatsbürger die auf amerikanischem Boden festgehalten werden) erhält, wenn man ihn wirklich aktiv mit solchen Maßnahmen in den Wahnsinn treibt. Und das ist die kühl berechnende, emotionslose, rein utilitaristische Frage.
Aber ich will gerade gar nicht emotionslos und utilitaristisch sein. Und ich weiß was in den Kommentaren vermutlich wieder kommen wird und es stimmt sogar: Ich habe keine Ahnung nicht wieviele Menschenleben durch so gewonnene Informationen bisher gerettet wurden. Also geht meine Frage an die US-Regierung: Wieviele?
Das hier ist eine Grundsatzfrage für die es keine klare Antwort gibt: Rechtfertigt die Rettung eines einzigen Lebens schon so ein Verhalten? Ist das Leben eines Unschuldigen in jedem Fall zu schützen, egal was man dafür tun muss? Haben Terroristen, auch potentielle Terroristen, jedes Recht auf ihre Menschenrechte verwirkt, weil sie diese anderen nicht zugestehen? Jeder von uns hat seine eigene Antwort darauf.
Meine Antwort: Ich selbst bin über uns - ja, das passiert in den USA, aber ich meine jetzt die westliche Wertegemeinschaft - bis zu einem gewissen Grade entsetzt, wenn ich mir angucken, wohin wir uns in den letzten sieben Jahren entwickelt haben. Wozu uns die Angst treibt. Sicher, das ist kein neues Verfahren, auch für die CIA nicht, aber damals bezeichnete man sowas als Folter. Heute gilt es enhanced interrogation method. Für die Auswirkungen auf den Betroffenen ist der Name allerdings egal. (Und nebenbei: Wenn sowas im Westen nicht mehr als Folter gilt, dann verlieren wir auch die Möglichkeit andere Staaten - etwa den Iran - dafür zu kritisieren, dass sie derartige Methoden gegen ihre Dissidenten einsetzen.)
Das sind Dinge die debattiert werden müssen: Wie weit muss ein Staat gehen das Leben seiner Bürger zu schützen? Gibt es Grenzen? Und wie wirkt sich die unkritische Akzeptanz solcher Verhaltensweisen auf uns als Gesellschaft aus? Wenn derartige Methoden inzwischen wirklich kein Skandal mehr sein sollten, sondern akzeptierte Gewohnheiten, dann haben wir in diesem Jahrzehnt viel von dem eingebüßt, was uns als westliche Wertegemeinschaft eigentlich auszeichnen sollte.
Verfasst von Björn um 17:16 Uhr in der Kategorie Grundsatzfragen, International, Steckenpferde der Autoren (Trackback)