Der witzigen Beobachtungen kein Ende

Mein Beitrag “Witzige Beobachtung” wurde die Ehre zuteil, in die Zusammenstellung des wohl sehr bedeutenden, mir bis dato aber völlig unbekannten Blogs(?) “medienlese.com” aufgenommen zu werden. Ein mir ebenfalls bis dato unbekannter Klaus Jarchow schreibt sich dort, nachdem er auf eine geniale, noch nie dagewesene Verballhornung unseres Blognamens kam (immer schön zu sehen, wie der wirkt!), den Frust von der Seele, weil ich angeblich von ihm verlange, eine Bankbilanz lesen zu können, bevor er sich anschickt, dem dringenden Bedürfnis nachzukommen, die seinem feststehenden Urteil entsprechenden Aussagen über die Finanzkrise zu treffen.

Nun, so ganz stimmt das nicht, denn dazu müsste er sich erst den Schuh anziehen, diese Krise ebenfalls als Zeichen für das Ende freier Märkte anzusehen, und so richtig verlangt habe ich eigentlich auch nichts. Aber egal, er hat schon recht: Die Zielrichtung passt. Zumal die Art und Weise, wie der Kollege die Namen Keynes und Hayek in den Raum wirft, Zweifel daran weckt, ob er sich mit einem von beiden schon mal näher befasst hat.

Und wie immer, wenn sich einer angepinkelt fühlt, kommt dann die Retourkutsche: Die “Liberösser” (welch Wortspiel!) könnten “mit Sicherheit auch keinen kommunalen Haushaltsplan lesen” bzw. auch nicht die “mathematische Lösung eines topologischen Problems”. Mal abgesehen davon, dass Herr Jarchow auf diese Sicherheit lieber keine Wetten abschließen sollte, wäre es allerdings tatsächlich sehr nett von ihm, mich demnächst daran zu erinnern, wenn ich zu kommunalen Haushaltsplänen oder topologischen Problemen Stellung beziehe. Nur ist mir komplett entgangen, wieso die Kenntnis dieser Bereiche jemanden dazu befähigen sollte, apodiktische Urteile über die Finanzkrise zu fällen.

Einen Schwank aus seiner Jugend hat Kollege Jarchow dann auch noch zu bieten:

“Warst du denn schon mal ‘drüben’?“, pflegte mein Papa mich früher zu fragen. Nein, das war ich nicht - also durfte ich nicht mitreden.

Also, ich hätte ihn natürlich mitreden lassen. Aber dass man als echter Linker schon eine besondere Glaubensstärke mitbringen musste angesichts des offensichtlichen Elends des “real existierenden Sozialismus”, der nicht nur sichtbar die Substanz von Gebäuden, sondern auch die Ideen und die Initiative vieler Millionen verrotten ließ, das stimmt allerdings. Wenn man sich rückblickend überlegt, welcher Schwachsinn damals über die DDR hierzulande so behauptet wurde, scheint die größte Errungenschaft des Sozialismus eine wahrhaft herkulische PR-Leistung gewesen zu sein.

Hier wie dort: Kenntnis der Materie hat sich noch nie als schädlich erwiesen. Allerdings sehr wohl als hinderlich beim Formulieren knackiger Verdikte.

Nur eins nervt mich wirklich: Dass man angesichts der vielen Beiträge, die in der liberalen Blogosphäre zu dem Thema erschienen sind (und ich darf unbescheiden darauf hinweisen, sowohl in einem längeren eigenen Artikel als auch mit Verweisen auf einschlägige Blogs und anderen Kurzeinträgen dazu beigetragen zu haben), jemand die Chuzpe besitzt, von einem “beredten Schweigen” zu sprechen. Mal abgesehen von der Frechheit desjenigen, der im Auftrag einer AG bloggt, aber denen, die wie meinereiner ihren Lebensunterhalt mit anderen Sachen verdienen, mangelnden Ausstoß vorwirft.

Ging es in meiner Kritik nicht eigentlich genau darum? Dass Leute über Sachen urteilen, ohne sie zu kennen?

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25 Kommentare zu “Der witzigen Beobachtungen kein Ende”

  1. 13.10.2008 | 21:34

    Klaus Jarchow ist Chat Atkins.

  2. Michel
    13.10.2008 | 21:39

    Sowas ähnliches wie du im Letzten Absatzt wollte ich auch schon dort abladen, das gleiche Spiel mit Wirtschaftlicher Freiheit, der er nähe zu Keynes andichtet und unter dem Tisch fallen lässt, das dort die Finanzkrise vor allem österreichisch interpretiert wird, nach der Lehre, deren Begründer ja angeblich angeschlagen seinen.

  3. admin
    13.10.2008 | 21:43

    @David

    *verneig*

    Das erklärt dann auch, wie es zu der Ehre kam…

  4. Dirk
    13.10.2008 | 21:49

    Als jemand der Topologie I bis IV gehört hat, glaube ich schon auf dem Niveau des Bilanzlesens liegende Lösungen nachvollziehen zu können. Un dennoch beginne ich keinen Glaubensstreit bei topologischen Vermutungen

    desjenigen, der im Auftrag einer AG bloggt,

    ???

  5. Dirk
    13.10.2008 | 21:50

    Klaus Jarchow ist Chat Atkins.

    Wie bekommt ihr das raus? Standort über IP?

  6. 13.10.2008 | 21:52

    @Dirk

    man Impressum

  7. Buenavista
    13.10.2008 | 21:57

    Was hilft es, Bankbilanzen lesen zu können, wenn das Wesentliche nicht drinsteht?

  8. 13.10.2008 | 22:00

    Schöne Frage ;-)

    Die ihren Charme allerdings aus einer Vermischung von notwendigen mit hinreichenden Bedingungen gewinnt…

  9. Dirk
    13.10.2008 | 22:05

    Das ist doch eine Arbeitsgemeinschaft oder? Ansonsten frage ich mich, was die 50.000 Euro Mindesteinlage machen.

  10. stefanolix
    13.10.2008 | 22:45

    Ich möchte ihm fairerweise zugestehen, dass er schon bessere Artikel geschrieben hat. Heute liegt er aber voll daneben.

    Soweit ich weiß, ist mindestens einer von uns in der Kommunalpolitik engagiert und kennt sich auch mit Haushaltsplänen aus. Ich kann Haushaltspläne lesen und verstehen, habe aber selbst noch keinen aufgestellt. Für eine billige Polemik ist so ein Beispiel natürlich immer gut genug.

    Und was er mit »die mathematische Lösung eines topologischen Problems« meint, weiß er wohl selbst nicht: solange er nicht erklärt, welche Bedeutung des Begriffs »Topologie« er meint, ist das auch einfach nur eine hohle Phrase.

    Die falsche Verwendung der Anführungszeichen tut beim Lesen richtig weh. Und einige besonders missglückte Metaphern aus diesem Artikel werden mich nachher wohl noch in den Schlaf verfolgen.

    Die Vorstellung des Autors ist im besten PR-Ton gehalten:

    Klaus (Jahrgang 1953) lernte früh, sich mit Sprache zu wehren.
    So geriet der ausgebildete Historiker an den Journalismus, an das politische Pressesprechertum und - ach! - auch in die Werbung. Heute lebt er als ‘Gebrauchsschriftsteller’ und ‘Ghostwriter’ in Bremen, er verfasst Selbstdarstellungen, Reden, Editorials etc., wozu er den Kunden Worte verleiht.

    Man könnte sie eigentlich auch mit einem klaren »Ich« beginnen lassen: »Ich lernte früh, mich mit Sprache zu wehren. So geriet ich an den Journalismus, an das politische Pressesprechertum und - haach! - auch in die Werbung …«. Igitt! Der Ärmste! Ist er da in etwas Schmutziges getreten? »Er geriet an das politische Pressesprechertum.«: wer denkt sich solche PR-Phrasen aus?

    Von seiner ökonomischen Kompetenz können wir natürlich nur träumen:

    Das ‘britische Modell’ …
    … das heißt doch wohl: Die ‘Deutsche Bank’ und all die anderen ausgeschleckten Spardosen, die gehören bald wieder uns, den Steuerzahlern. So was von ‘Yippiiieee!’ aber auch …

    Es ist schon interessant, was die Finanzkrise aus Bloggern machen kann;-)

  11. F.Alfonzo
    13.10.2008 | 23:41

    Was hilft es, Bankbilanzen lesen zu können, wenn das Wesentliche nicht drinsteht?

    Gut gesagt :-)

  12. F.Alfonzo
    14.10.2008 | 0:06

    Noch was zum beredten Schweigen, man bringt ja gerne mal einen Beitrag um dieses Gerücht aus der Welt zu schaffen:

    The subprime primer

    Präsentation zur Entstehung der Finanzkrise, ab dem Zeitpunkt der Subprime-Kreditvergabe; eine Zusammenfassung in der Sprache der stick figures (engl.)… Ich garantiere, dass der Download sich lohnt! :-)

  13. F.Alfonzo
    14.10.2008 | 0:10

    ^^ Anmerkung bzgl. Copyright: Dieses Ding macht schon länger die Runde, zuerst gesehen auf Greg Mankiw’s blog, angeblich hat das John Campbell mal in einer Gastvorlesung mitgebracht.

  14. Herbert
    14.10.2008 | 14:11

    Witzige Beobachtungen: Zum Beispiel Island
    http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/61/313962/text/
    Es waren letztlich die Sozialprogramme, die Island in die Krise gestürzt haben.

  15. 14.10.2008 | 16:36

    Das mit dem Bilanzen lesen können liest sich nunmal so, als ob man ein Huhn sein müsse, um über faule Eier mitreden zu dürfen.

    Das wäre allerdings ein rhetorischer Trick, um 90 Prozent (100 Prozent beim Ei ;) ) der Menschheit das Mitrederecht abzusprechen oder deren Meinung von vorneherein als wertlos darzustellen.

  16. 14.10.2008 | 16:51

    @Herbert : Wo steht in dem verlinkten Süddeutsche-Artikel etwas von Sozialprogrammen?

    Überhaupt halte ich Vergleiche mit Island und anderen Staaten für etwas gewagt. Island hat 316.000 Einwohner (prima, Wikipedia), das sind so viele Menschen wie in Bonn.

  17. Herbert
    14.10.2008 | 17:43

    @ Marc
    Von Sozialprogrammen steht da nichts drin, aber sind Sozialprogramme nicht immer irgendwie die gefühlte Ursache?
    “Überhaupt halte ich Vergleiche mit Island..”
    Ich denke nicht, dass ich etwas verglichen habe.
    “Island hat 316.000 Einwohner…”
    Stimmt, aber was beweist das?

  18. 14.10.2008 | 22:44

    Hast du dich in deiner Parallelwelt häuslich eingerichtet?

  19. 14.10.2008 | 22:46

    @Marc

    Es gibt einen Unterschied zwischen dem Recht zu einer Aussage und ihrer Relevanz.

  20. der_gute_don
    16.10.2008 | 7:53

    “beredten Schweigen” ? Ich glaube da ärgert sich jemand nur über die Unaufgeregtheit mit der das Thema hier behandelt wird ;-)

  21. F.Alfonzo
    16.10.2008 | 10:49

    don, du hast recht:

    Seit die Kreditkrise läuft (heisst auf deutsch: seit sie in den Medien rumgeistert), kommen alle aus ihren Löchern gekrochen um der Welt die vermeintlich fehlende Weisheit mitzuteilen…

    Das bedeutet, dass genau die Leute, die bis vor 3 Wochen nicht mal wussten, ob ein CDO ein Wertpapier oder ein imperialistischer Energy-Drink ist, jetzt auf einmal meinen, alles verstanden zu haben. Dementsprechend wird gepanikt (btw: Dementsprechend ist auch das Niveau der Expertise, auf der diese Panik beruht).

    Resultat: Jeder, der keine Panik hat, ist automatisch sprachlos und unwissend.
    Auf die Idee, dass man auch einfach mal die Schnauze halten kann, wenn man sich nicht auskennt, ist auf Linker Seite offenbar noch niemand gekommen.

    Übrigens: @ Rayson:
    Statt des Lesens einer Bankbilanz hättest du Verständnis über die Funktionsweise von Kreditderivaten ‘verlangen müssen’… aber die Antwort wäre wohl die gleiche gewesen: Öööhhhh. Scheiss Neoliberale!!!

  22. R.A.
    16.10.2008 | 11:01

    @F.Alfonzo:

    Auf die Idee, dass man auch einfach mal die Schnauze halten kann, wenn man sich nicht auskennt, ist auf Linker Seite offenbar noch niemand gekommen.

    Wäre halt schon hart, wenn man quasi ein ewiges Schweige-Gelübde einhalten müßte ;-)

    Statt des Lesens einer Bankbilanz hättest du Verständnis über die Funktionsweise von Kreditderivaten ‘verlangen müssen’…

    Das wäre aber schon sehr fortgeschritten.
    Die meisten Journalisten und Politiker scheitern doch schon lange vorher.
    Z. B. an der Frage, was eine Vorzugsaktie ist, und warum der Erwerb einer solchen durch den Staat eben überhaupt nichts mit “Verstaatlichung” zu tun hat …

  23. Dirk
    16.10.2008 | 14:20

    @R.A.

    Z. B. an der Frage, was eine Vorzugsaktie ist, und warum der Erwerb einer solchen durch den Staat eben überhaupt nichts mit “Verstaatlichung” zu tun hat …

    Genau. Im ersten Moment dachte ich auch bei “preferred Stock” an die deutsche Vorzugsaktie. Doch irgendwas schien da nicht zu passen. Wieso verzinst? Und wieso würden dadurch die Anteile der bisherigen Aktionäre nicht “verwässert”? Ein Blick auf wikipedia und man erkennt seinen Irrtum. “Preferred stocks” sind keine Anteile sind sondern nachrangige Kredite.

    Dass man sich durch den missverständlichen Terminus “stock” verwirren lässt, ist nichts aussergwöhnliches. Bezeichnend ist aber, dass dieses Missverständnis den Journalisten beim Lesen der Agenturmeldungen nicht auffällt.

  24. Libero
    16.10.2008 | 19:24

    Was ist daran eigentlich witzig? Bissig ist es auch nicht.

    Das sind eher andere

    John Bird and John Fortune

    http://de.youtube.com/watch?v=mzJmTCYmo9g
    http://de.youtube.com/watch?v=hXBcmqwTV9s

    Die Filme sind 1 Jahr alt

  25. Libero
    16.10.2008 | 20:28

    Etwas zur Aufheiterung?

    Island zahlt nicht mehr
    http://www.ftd.de/boersen_maerkte/aktien/anleihen_devisen/:Staatsbankrott-Island-zahlt-nicht-mehr/427188.html

    > Die von Island verstaatlichte Glitnir-Bank hat eine am Mittwoch fällige Anleihe in Höhe von 750 Mio. $ nicht zurückgezahlt. Das teilte die Regierung am Donnerstag mit. Damit ist der Inselstaat de facto zahlungsunfähig.

    Wer jetzt noch richtig gute Laune braucht

    The next domino to fall in eastern Europe? Not Hungary
    http://ftalphaville.ft.com/blog/2008/10/16/17137/the-next-domino-to-fall-in-eastern-europe-not-hungary/

    Wie wäre es jetzt mit einem Blick in die Liste der heritage Foundation? Ihr wisst schon welche!

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