Obama? Au ja!

Heute wird Barack Obama zum neuen Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika gewählt werden. Ich vertraue da ganz Zettel.

Wie eigentlich bei fast allen politischen Fragen befinde ich mich auch hier wieder in Übereinstimmung mit dem Economist (was eine übrigens mich immer mehr verblüffende Erfahrung ist - schließlich abonniere ich das Blatt noch nicht so lange und komme auch nicht immer dazu, es zu lesen): Der Senator McCain wäre eine echte Alternative gewesen, der Kandidat McCain ist es nicht - zu sehr hat er sein Heil darin gesucht, sich den traditionellen Wählerschichten der Republikaner anzubiedern, bis hin zur Wahl seiner Kandidatin für den Vizepräsidentschaftsposten.

Obama ist für mich eine Art Schröder. Er kommt von links (jedenfalls in der US-Version der politischen Landkarte), ist aber äußerst flexibel und bereit, seine Positionen anzupassen. Das muss nicht schlecht sein. Er würde die Reihe der Pragmatiker der jüngeren Geschichte fortsetzen, also in der Tradition von Bush sen. und Clinton stehen. Ob es eine Rolle spielt, dass er ein Schwarzer ist, vermag ich nicht so recht zu beurteilen. Vermutlich wird ihm das außenpolitischen Goodwill verschaffen und ein wenig zur Überwindung der Rassengrenzen in den USA beitragen, obwohl das ein viel zu großer Komplex ist, um allein durch die Hautfarbe eines Präsidenten eine entscheidende Veränderung zu erfahren.

Das Hauptproblem aus Sicht der Amerikaner dürfte sein, ob der neue Präsident es schaffen wird, eine gegenüber dem von seinen Parteifreunden beherrschten Kongress unabhängige Position zu verschiedenen politischen Themen zu behaupten. Wenn er ein Präsident aller Amerikaner werden will, was ich ich als seine strategische Zielrichtung vermute (der will ja auch mehr als nur vier Jahre im Amt bleiben), muss er das tun, was seinem bisherigen “track record” widerspricht, also sich gegen die Generallinie seiner Partei aussprechen.

Die Wahl Obamas hat vor allem ihre indirekten Reize. Ich bin ja so gespannt, wie sich die grundsätzlich Antisemitismus und Antiamerikanismus witternden Neocon-Blogs mit dem veränderten Wind aus Washington anfreunden werden, aber auch, wie die Obama-Fanboys der Blogosphäre damit fertig werden, dass ihr Idol plötzlich Interessenpolitik im Dienste der USA betreibt, statt die Welt zu erlösen.

Schon das wäre Grund zur Freude.

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16 Kommentare zu “Obama? Au ja!”

  1. 4.11.2008 | 1:30

    zu sehr hat er sein Heil darin gesucht, sich den traditionellen Wählerschichten der Republikaner anzubiedern, bis hin zur Wahl seiner Kandidatin für den Vizepräsidentschaftsposten

    Einspruch euer Ehren. Die Wählerschichten die McCain da zum Teil bedient hat sind keineswegs so “traditionell”. Gerade die religiöse Rechte hat ja erst unter Carter Einzug in die US-Politik gehalten und erst Bush/Cheney haben sie zur religiösen Basis auserkoren. Gleichsam ist erst seit Bush/Cheney dieser, nennen wir es mal “Anti-Itellektualismus” Einzug in die Partei gehalten, den ja auch McCain bedienen wollte (ich sach’ mal: Palin). Damit hat McCain dann wirklich viele traditionelle Republikaner verscheucht, die sich zwar weiterhin als Konservative empfinden, aber eben diese Linie komplett ablehnen. (Andrew Sullivan nennt diese Gruppe “Obamacons”… und, Himmel, die Reps haben es sogar geschafft Christopher Hitchens zu verlieren.) Spannend wird zu sehen ob die Republikaner sich wieder stärker auf diese Figuren berufen, oder den eingeschlagenen Kurs noch strikter als bisher verfolgen…

    Obama ist für mich eine Art Schröder.

    Boah, bist du fies… ne, aber im Ernst: Obama sollte man nicht unterschätzen. Wer es schafft den Machtkomplex der Clintons aufzusprengen und (wahrscheinlich) den Rove-Cheney-Block in die Knie zu zwingen, der ist definitiv kein leeres Hemd. Wobei ich politisch immer noch nicht weiß, was ich von Obama halten soll. Gut möglich, dass er - um zu beweisen dass er kein terrorliebender Sozialist ist - außenpolitisch um einiges radikaler vorgehen wird als McCain es würde…

  2. 4.11.2008 | 1:36

    @Björn

    Ok, ersetzen wir “traditionell” durch “seit Reagan erfolgversprechend”. Der hat m.E. schon noch von denen profitiert, auch wenn er sich nicht explizit an sie gewendet hat. Aber das Reagansche Schwarz-Weiß traf deren Nerv. Wie sollen die Republikaner aus der Nummer eigentlich noch rauskommen?

    Obama sollte man nicht unterschätzen.

    Das tue ich nicht. In politischen Gewichten gemessen ist Schröder kein Diminutiv.

  3. 4.11.2008 | 2:13

    Wie sollen die Republikaner aus der Nummer eigentlich noch rauskommen?

    Dadurch dass die Dems sich irgendwann wieder selbst demontieren (sowas kann bekanntlich ganz schnell gehen) und die Republikaner nach ‘ner schweren Niederlage ernstes Soul Searching betreiben und auf eine andere, modernere Linie setzen.

    Guck dir doch mal die Tories in England an. Noch vor ein paar Jahren waren die völlig weg vom Fenster und auf einmal sieht es so aus, als wenn die ganz sicher den nächsten englischen Premier stellen…

  4. 4.11.2008 | 7:24

    Ich glaube ja auch, dass die Wahl Obamas die bessere Alternative wäre, weil er eben den größten Blödsinn verzapfen könnte und trotzdem noch vom Rest der Welt geliebt werden würde.

    Seine Außenpolitik wird eine Riesenenttäuschung werden, aber sie wird entschuldigt werden. Am Ende wird es das Ergebnis sein, was zählt.

    Trotzdem glaube ich noch, dass McCain die Sache noch dreht. Das die Amerikaner einen schwarzen mit illegal aufhältiger Tante, zweitem Vornamen Hussein, halbbruder in kenianischem Slum und sozialistischen Attitüden wählen, ist doch höchst unwahrscheinlich.

    Falls sie doch tun, schlittern die USA auf einen Sezessionskrieg zu. ;-)

  5. F.Alfonzo
    4.11.2008 | 8:39

    Vor ein paar Stunden mit einem (in den USA wohl als Kommunist gehandelten) Amerikaner gechattet: O-Ton: Wenn Obama gewinnt und eine demokratische Mehrheit da ist, gibt’s den großen ‘Change’… O-Ton meines Gesprächspartners: “Maybe soon we won’t be different anymore” (zur Erklärung: Ich hatte geschrieben, ich würde im Moment lieber in den USA als in der EU leben). Mein Kommentar erst mal: Schaun wir in 2 Jahren mal, was von dem Change noch übrig ist.

    …um Gottes Willen, wenn das wirklich stimmt, kann man den Amis doch nur McCain (oder vielleicht sogar Palin) wünschen, oder? Wollen die wirklich ein europäisches System, das sich vor allem durch das hin- und herschieben von Geld definiert? Zusätzlich noch durch sinnvolle Bundesgesetze wie die Normierung von Bananenkrümmung, Kondomlänge- und Durchmesser und die Seilbahnsicherheit an der Affentaler Nordwand?

    *schauder*

  6. F.Alfonzo
    4.11.2008 | 8:41

    replace “Bundes-” by “EU”, hatte ich nur aus amerikanischer Sicht eingedeutscht. Sprechen schwer.

  7. F.Alfonzo
    4.11.2008 | 8:42

    Denken auch :-)

  8. 4.11.2008 | 9:02

    @F. Alfonzo:
    Dann geh doch nach drüben! ;)

  9. 4.11.2008 | 10:28

    [...] Ach, wenn man mal zustimmen kann, sollte man das tun! Veröffentlicht in November 4, 2008 von momorulez “Ich bin ja so gespannt, wie sich die grundsätzlich Antisemitismus und Antiamerikanismus witt… [...]

  10. R.A.
    4.11.2008 | 10:29

    Der Vergleich Obamas mit Schröder paßt sehr gut und ist der Hauptgrund, warum ich als Ami McCain wählen würde.

    Nun bin ich aber kein Ami und wenn die sich auch mal von einem inhaltsleeren Blender einwickeln lassen wollen - bitte sehr.

    Für Deutschland könnte es eher von Vorteil sein, wenn Obama Präsident wird.
    Denn bei einer McCain-Wahl würde die Anti-US-Hysterie weitergehen, ohne Berücksichtigung von Fakten oder realpolitischen Gegebenheiten würden die Medien den außenpolitischen Kurs durchdrücken, der möglichst die Amis ärgert.

    Das hat schon in den letzten Jahren schwer geschadet und das können wir uns nicht noch weitere Jahre leisten.

  11. 4.11.2008 | 11:35

    @F. Alfonzo:

    …um Gottes Willen, wenn das wirklich stimmt, kann man den Amis doch nur McCain (oder vielleicht sogar Palin) wünschen, oder? Wollen die wirklich ein europäisches System, das sich vor allem durch das hin- und herschieben von Geld definiert?

    Na, Palins Rolle als “fiscal conservative” ist aber mehr als dubios.

    @R.A:

    Nun bin ich aber kein Ami und wenn die sich auch mal von einem inhaltsleeren Blender einwickeln lassen wollen - bitte sehr.

    Wenn McCain die Wahl verliert, und danach sieht es aus, dann tut er das aber eben nicht nur, weil Obama soviel mehr versprochen hat (was natürlich mit dazu kommt), sondern auch weil er einen Wahlkampf geführt hat, der ähnlich dem Wahlkampf von John Kerry vor vier Jahren, ungemein schlecht organisiert war. Gerade dass er sich hat Sarah Palin ins Nest legen lassen war - wahlkampftechnisch betrachtet - ein gewagter Zug, der sich einfach als Schlag ins Wasser erwiesen hat. Und ganz ehrlich, die Aussage von Reagans Stabschef, dass man selbst bei “McDonald’s ausgiebiger interviewt wird, ehe man einen Posten angeboten bekommt” trifft vermutlich schon.

    Nachdem ich, wie gesagt, lange eher zu McCain geneigt habe, neige ich jetzt klar gegen McCain, in der Hoffnung dass die Republikaner heute Abend so klar abgewatscht werden, dass sie sich endlich aus den Fängen der anti-illektuellen und religiös-rechten Gruppierungen befreien und wieder zurück pendeln zu der Partei die sie unter Eisenhower, oder wegen mir sogar unter Reagan waren.

    Wie W.C. Fields mal sagte: “I never voted for anybody. I always voted against.”

  12. 4.11.2008 | 11:39

    Nachtrag: Dazu kommt auch noch die Weigerung Palins auch nur eine einzige Pressekonferenz zu geben. (Und was hätte ich mich auf Sarah Palin vs. Helen Thomas gefreut.) So ein Verhalten sollte in einer Demokratie, gerade mit den Wahlkampftraditionen der USA, auch nicht belohnt werden.

  13. DDH
    4.11.2008 | 13:47

    Das Bush-Regime wird hoffentlich abgestraft! Für mich der EINZIGE interessante Aspekt. Es gibt nämlich ein gottgegebenes Recht auf Genugtuung, und dieses fordere ich heute ein!

  14. 4.11.2008 | 14:02

    Ich auch ;-)

  15. stefanolix
    4.11.2008 | 17:53

    Das Bush-Regime steht doch überhaupt nicht zur Wahl. Bush hat seine Zeit hinter sich, mag die Geschichte ihr Urteil fällen.

  16. 4.11.2008 | 19:49

    Wenn Bush zufällig beliebt wäre, würden die Republikaner nicht müde, in der gleichen Konstellation die Kontinuität zu betonen. Ist ja nicht so, als käme McCain aus einer anderen Partei. :)

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