Geschluckt, gekaut, verdaut und ausgeschieden

Trotz angestrengter Suche kann ich keine Originalquelle für das präsentieren, was mich heute abend bei “Wer wird Millionär” (ja, ich gucke Privatfernsehen) beschäftigt hat. Darum umschreibe ich diesen spannenden Gedankengang, wer mag, kann mir das Original in den Zitaten nachliefern, ich werde es dann hier nachposten. Das, was ich meine, klang ungefähr so:

“Das wirklich beängstigende an der modernen Kulturindustrie ist die Tatsache, dass man sie weder kritisieren, noch gegen sie kämpfen, noch subversiv gegen sie arbeiten kann. Was immer man unternimmt, wird entweder sinnlos verpuffen, oder - so es denn Erfolg haben sollte - von ihr aufgenommen, gekaut, verdaut, zum maximalen Nutzen verarbeitet und anschließend wieder ausgeschieden werden, um mit dem nächsten Happen zu beginnen”.

Gerne zitiert wurde das von Punkern, Hip-Hoppern, Sprayern und ähnlichen Vertretern subversiver Subkulturen, die ihren Widerstand gegen die herrschende Gesellschaft zum Ausdruck bringen wollten, mit zunehmender Popularität aber mehr und mehr in den Kommerz- und Verwertungsapparat der aktuellen Massenmedien hineingezogen wurden. Mir fiel dieser Gedankengang aber wieder ein, als heute Thomas Gottschalk bei Günter Jauch Marcel Reich-Ranicki als Telefonjoker benutzt hat.

Ein abgekartetes Spiel, wie immer bei diesen Promi-WWM’s, ganz klar. Die Millionenfrage, dann MRR als Joker, und natürlich eine Literaturfrage. Jubeln, Konfetti, Guter Zweck, die unerwarteten Freunde Gottschalk und MRR - der Stoff, aus dem Legenden sind.

Zur generellen Entwicklung dieser “neuen Männerfreundschaft” habe ich drei Theorien:

1. Thomas Gottschalk ist ein ganz besonders abgezocktes Arschloch, das die Vermarktbarkeit von Reich-Ranicki als Witzfigur mit ihm als Identifikationspunkt erkannt hat und den anderen, älteren Mann jetzt zu seinem persönlichen Vorteil ausschlachtet.

2. Beide sind mediengeile Typen, die merkten, dass ihr jeweiliger Stern im Sinken befindlich ist, und nach einem neuen Trick suchten, um sich als “schräges Traumpaar” des deutschen Feuilletons wieder in die Öffentlichkeit zu pusten. Dabei ginge es aber keinem um Inhalte.

3. Beide teilen eigentlich die These, dass das Fernsehen immer niveauloser wird. Nach MRR’s Brandrede haben sie sich zu einem längeren Gespräch zusammengesetzt und festgestellt, dass diese schon nach wenigen Tagen geschluckt, gekaut, verdaut und wieder ausgeschieden worden ist - und haben einen Deal geschlossen, der die Kritik in Gestalt ihres schrillen Gegensatzes länger am Leben halten soll.

Welche Theorie der Wahrheit am nächsten kommt, weiß ich nicht. Aber im Endeffekt bedeuten sie doch alle das gleiche - nämlich, dass die Kritik an einer Kulturindustrie, die man weder in Grund und Boden verfluchen noch subversiv veräppeln kann, gar nicht falsch ist. Selbst die herbsten Kritiker, selbst die unangenehmsten Spötter kann sie in sich aufnehmen, in Einschaltquoten und Umsätze, in Gewinne und betäubte Zuschauer verarbeiten. Das ist beängstigend. Vor allem, weil man kein Gegenprogramm verkünden, keinen Angriff proklamieren, keine Abweichung erklären kann. Nur fassungslos beobachten.

Adorno-Fans sind ausdrücklich zum Kommentar eingeladen - habe ich die Ausgangskritik von da? Es ist zu spät, um nachzulesen, und ich habe gerade Zeit, zu tippen.

Gute Nacht.

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45 Kommentare zu “Geschluckt, gekaut, verdaut und ausgeschieden”

  1. F.Alfonzo
    21.11.2008 | 6:44

    @ Karsten:

    Ich verstehe nicht ganz, worauf du hinaus willst.
    Die Sache ist (mehr oder weniger) abgekartet, na und?

    Es ist doch nur Unterhaltung.
    ..und es werden Spendengelder verteilt, die aufgrund der Zahl der interessierten Zuseher von den werbenden Unternehmen gezahlt wurden.

    P.S.: Wenigstens läuft der Mist auf RTL, nicht im ÖR… da kann man davon ausgehen, dass alles, was passiert, auf freiwilliger Basis passiert (ohne Zwangsgebühren oder so was).

    Ich sehe da kein Problem. Ich kann den Fernseher ja ausschalten, nicht wahr?

  2. twex
    21.11.2008 | 7:42

    “Ich sehe zwischen einem Schau-Gespräch und einem Schau-Prozeß nur graduelle Unterschiede in der Vorführung von Denunzierten. Wer sich bei einer privaten Unterhaltung von Millionen Unbeteiligter begaffen läßt, verletzt die Würde und das Wunder des Zwiegesprächs, der Rede von Angesicht zu Angesicht und sollte mit einem lebenslangen Entzug der Intimsphäre bestraft werden. Das Regime der telekratischen Öffentlichkeit ist die unblutigste Gewaltherrschaft und zugleich der umfassendste Totalitarismus der Geschichte. Es braucht keine Köpfe rollen zu lassen, es macht sie überflüssig. Es kennt keine Untertanen und keine Feinde. Es kennt nur Mitwirkende, Systemkonforme. Folglich merkt niemand mehr, daß die Macht des Einverständnisses ihn mißbraucht, ausbeutet, bis zur Menschenunkenntlichkeit verstümmelt.

    Es herrscht der Drill des Vorübergehenden, gegen den keine Instanz der Erde sich noch auflehnen kann. Dieser wird im wesentlichen mit “Schnitten” ermöglicht; aber die Schnitte haben entgegen dem Wortsinn nichts Trennendes, sie bringen es vielmehr zustande, daß eine unendliche Kette der Berührungen entsteht, daß letztlich alles mit allem in Berührung gerät.

    Auch das Mißverständnis, sogar das Mißverständnis wird einem menschlich teuer - es ist nahezu aufgelöst im Verkehr der öffentlichen Meinung. Jeder Meinende versteht den anders Meinenden. Da gibt es nichts zu deuten.

    Die Öffentlichkeit faßt zusammen, sie moduliert die einander widrigsten Frequenzen - zu einem Verstehensgeräusch.

    Das Mißverständliche wird um so mehr zum Privileg des Kunstwerks, das Deutung fordert und nichts meint.”

    – Botho Strauß, “Anschwellender Bocksgesang”

  3. 21.11.2008 | 7:46

    F.Alfonzo: Es geht darum, dass MRR nach dieser Sache wieder in das Rampenlicht gezerrt wurde.

  4. 21.11.2008 | 9:41

    “Gezerrt”?
    a.) Der Telefonjoker muss zustimmen, dass er Telefonjoker spielt.
    b.) Ich traue dem Marcel RR durchaus zu, dass er weiß wie man einfach auflegt.

  5. 21.11.2008 | 9:44

    Das wirklich beängstigende an der modernen Kulturindustrie ist die Tatsache, dass man sie weder kritisieren, noch gegen sie kämpfen, noch subversiv gegen sie arbeiten kann.

    Das ist falsch.

    Diese sufmerksamkeitsgeile Spektakelkultur (zu der Marcel R.-R. selbstverständlich schon immer gehört) kann man ignorieren. Schlimmeres und Wirksameres kann man ihr nicht antun.

  6. F.Alfonzo
    21.11.2008 | 11:40

    @ Schlens…. schön, aber was soll das?
    Oder anders formuliert: Wen interessierts, wenn Medienschlampen in die Medien gezogen werden?
    I don’t give a fuck

  7. 21.11.2008 | 12:54

    @Schlens/Björn:
    “Gezerrt” ist das falsche Wort dafür. Ich bin sprachlos erstaunt darüber, wie dieser moderne Unterhaltungsbetrieb in der Lage ist, selbst eine vernichtende Kritik über sich selbst nicht einfach nur zu ignorieren. Sondern gleich in sich einzubinden, zum Bestandteil des Zirkusses zu machen und dadurch völlig aufzuheben.

    @twex:
    Auch interessant, der Botho Strauß.

    @Boche:
    Du denkst, wie üblich, nur von Dir (oder jedenfalls dem Individuum) aus. Für eine flexible, wandlungsfähige Gesellschaft, die in der Lage sein soll, Fehlentwicklungen auch zu korrigieren, ist die Möglichkeit, auch grundsätzliche Kritik zu äußern und die Menschen damit zum Nachdenken zu bringen, von großer Bedeutung. Das ist allerdings mittlerweile unmöglich geworden, weil jede Kritik eben auf diese perfide Weise verarbeitet wird.
    Einfach ignorieren ist nur dann die Lösung, wenn Du ein Eremit bist, den die anderen Leute und ihr Leben nicht interessieren (und der ihnen dieses nicht nur einfach nicht vorschreiben will).

  8. 21.11.2008 | 13:36

    @ Karsten: Das klingt fast so als würde es gar keine Kultur mehr geben und das ist definitiv falsch. Die Unkultur kann der Kultur nicht anhaben, daher finde ich es recht sinnfrei sich über das aufzuregen, was das Fernsehen so fabriziert.

  9. 21.11.2008 | 14:24

    @Marsten

    Du denkst, wie üblich, nur von Dir (oder jedenfalls dem Individuum) aus.

    Logisch. Erwas unternehmen können nur Individuuen. Rufe in “die Gesellschaft” hinein, dies oder jenes zu tun, erscheinen mir unsinnig.

    Für eine flexible, wandlungsfähige Gesellschaft, die in der Lage sein soll, Fehlentwicklungen auch zu korrigieren, ist die Möglichkeit, auch grundsätzliche Kritik zu äußern und die Menschen damit zum Nachdenken zu bringen, von großer Bedeutung.

    Wer in den Dreck hineinsteigt wird schmutzig. Die Lösung ist, draußen zu bleiben. Was sonst?

    Einfach ignorieren ist nur dann die Lösung, wenn Du ein Eremit bist, den die anderen Leute und ihr Leben nicht interessieren (und der ihnen dieses nicht nur einfach nicht vorschreiben will).

    Ich ignoriere ja nicht die Leute sondern den Mist, den sie sich anschauen. (Und nebenbei: Nicht alles ist ja Mist im Fernsehen.) Warum soll ich mich in den Mist hineinbegeben, um die Leute davon zu überzeugen, dass es Mist ist? Wenn ich damit erwiesenermaßen den Mist nur füttere?

  10. Buenavista
    21.11.2008 | 15:47

    Ich hätte keinen Joker gebraucht.
    Ok die Teletubbies wusste ich nicht, aber die kommen ja immer vor.

  11. 21.11.2008 | 16:36

    @Karsten

    Das ist ein Wesenszug des Kapitalismus.

    Soll man darüber unglücklich sein? Ich bezweifle das. Wenn dieser Reflex nicht tatsächlich das Bedürfnis der meisten Menschen abdecken würde, gäbe es ihn wohl nicht. Wir wollen immer neue Säue durchs Dorf gejagt haben, übrigens nicht nur kulturell, sondern auch politisch. Nur eine kleine Oberschicht macht da nicht mit. Muss sie ja auch nicht.

  12. 21.11.2008 | 16:43

    Die kleine Oberschicht existiert aber nur, solange es dieses Phänomen gibt, von dem sie sich abgrenzen kann. Sie ist vielleicht kein Teil des Ganzen und trotzdem davon abhängig… wenn wirklich plötzlich alle nur noch Shakespeare und Brecht lesen würden, dann bräuchte es ja keinen MRR mehr.

  13. 21.11.2008 | 17:03

    Die Oberschicht existiert auch sonst, würde sich dann aber natürlich anders definieren müssen… Es gibt ja dieses Bedürfnis, sich vom Pöbel abzugrenzen. Der eine macht’s mit hässlichen Uhren, der andere mit dem Genuss langweiliger oder bewusst unverständlicher Werke. So werden auch Zugangscodes zu real existierenden Pfründen erstellt.

    Shakespeare und Brecht reichen da längst nicht mehr…

  14. 21.11.2008 | 17:33

    Shakespeare und Brecht war aber alles was MRR gebetsmühlenartig in seinem “Fernsehen muss besser werden”-Kammerspiel mit Tommy “Gun” Gottschalk von sich gab.

  15. 21.11.2008 | 17:48

    Ach so.. Das habe ich nicht gesehen (bin wohl nicht die Zielgruppe). Na, dann nehme ich natürlich alles zurück und behaupte das Gegenteil.

  16. 21.11.2008 | 22:09

    @Karsten: Egal, welche deiner Theorien stimmt, ich finde es klasse, wie du dich darüber aufregst. Ehrlich. Mir geht es nicht anders. Etwas Gutes hat die Sache aber und insofern stimme ich nicht zu. Nämlich wenn es darum geht, dass ob man Einfluss nehmen kann auf die laut vor sich hinwütenden Programmmacher oder “Kulturschaffenden”. Man kann. Oder glaubst du nicht, dass jeder Gedanke, den man an solche Dinge verschwendet, nicht auch schon ein Stück zumindest möglicher Veränderung in sich trägt?

  17. 21.11.2008 | 22:13

    [...] Schelm, der böses dabei denkt. Und schließlich war das wohl die klassische Win-Win-Stituation. Und RTL ist jetzt auch Qualitätsfernsehen. please wait…Artikelbewertung: 0.0/5 (0 Stimmen) [...]

  18. 22.11.2008 | 2:19

    Lieber Karsten,

    diese gegeneitige Attraktion zwischen MRR und Gottschalk, die ja offenbar schon einige Zeit besteht, finde ich interessant. Ich sehe das alles wohl weniger negativ als die meisten, die hier kommentiert haben.

    Beide sind intelligente Männer. Bei Gottschalk ist das weniger offensichtlich als bei MRR. Aber er gehört zu dieser Garde der Showleute, die ihren Erfolg Intelligenz und Witz verdanken - wie Harald Schmidt, wie Pocher, Dittsche (na gut, ein Sondernfall), Hella von Sinnen, Hoecker usw.

    Beide haben einen Hang zur Selbstdarstellung.

    Diese Eitelkeit, dieses Showmanship hat MRR aus den Redaktionen in die Medien geführt.

    Gottschalk, in die Jahre kommend, möchte gern den umgekehrten Weg gehen,jedenfalls ein Stück weit. Es ist das Woody-Allen-Syndrom: Jetzt habe ich lange genug den Kasper für euch gemacht. Jetzt will ich, daß ihr mich auch mal ernst nehmt. Gottschalk hat ja schon in Düsseldorf an der Uni eine Vorlesung gehalten, und die war kein Witz.

    Da trafen sich also zwei Bewegungen: Gottschalk, so denke ich, erkannte in MRR den ebenbürtigen Show-Mann. MRR erkannte in Gottschalk den Intellektuellen. So hat man sich befreundet, hat man sich vielleicht verbündet, zum beiderseitigen Vorteil.

    Ich mag beide. Sie sind keine Langweiler, sie sind nicht dumm. Das ist doch schon eine Menge, für deutsche Verhältnisse :)

    Herzlich, Zettel

  19. Lina
    22.11.2008 | 10:06

    @ Zettel

    Genauso sehe ich das auch! Hab’ lange auf jemanden gewartet, der das ausdrückt, was ich sagen wollte … aber nicht konnte. Danke!

    @ Karsten

    <blockquote… wie dieser moderne Unterhaltungsbetrieb in der Lage ist, selbst eine vernichtende Kritik über sich selbst nicht einfach nur zu ignorieren. Sondern gleich in sich einzubinden, zum Bestandteil des Zirkusses zu machen und dadurch völlig aufzuheben.

    … ein ausgesprochenes Phänomen auch für mich und Grund, Dir für dn Artikel zu danken.

    @ twex

    “Die Öffentlichkeit faßt zusammen, sie moduliert die einander widrigsten Frequenzen - zu einem Verstehensgeräusch.(Botho Strauss)

    Das ist die literarische Umschreibung des Phänomens, das zu verarbeiten ist; danke für die Erinnerung an den guten, alten ‘Bocksgesang’!

  20. Lina
    22.11.2008 | 10:11

    PS:

    Und sorry für die nur-halb-blockgequotete Schlamperei …

  21. 22.11.2008 | 14:01

    Zettel kam mir zuvor, ich wollte nämlich vorschlagen…

    …Theorie 4: die beiden haben sich vermutlich irgendwann irgendwo (auf einem Promi-Event) kennengelernt und waren gegenseitig positiv überrascht, der Kontakt hielt, man traf sich wieder, etc., und nun half der eine dem anderen aus. Ganz unspektakulär.

    Zettel hat das noch besser ausgedrückt.

  22. anonym
    22.11.2008 | 19:13

    Wer kennt den Film “Network” von 1976? gibts auf Google Video. Darin gehts auch um genau das.

  23. Urfaust
    22.11.2008 | 19:19

    Guter Beitrag, Karsten, nur die Kommentare sind wieder das übliche geist-, teilnahms- und leblose Gerede der Sorte “Musse ja nicht gucken” oder “die sind halt clever”.

    Den meisten Applaus erhält dann konsequenterweise ein Einfaltspinsel namens “Zettel”, der dem Meister des affirmativen Dumpf-Humors Olli Pocher Intelligenz und Witz unterstellt.

    Lieber Zettel, der hat damit so viel zu tun wie du mit Arno Schmidt. Ach, den kennst du gar nicht?

  24. 22.11.2008 | 20:25

    @Urfaust

    Geistlose Beleidigungen sind hier unerwünscht. Ich lass das mal stehen, weil deine Selbstentlarvung etwas Festhaltenswertes ist.
    Die Wiederholung wäre es nicht mehr.

  25. 23.11.2008 | 2:44

    Ich denke auch eher an Option 4) und würde dazu noch sagen, dass MMR eh irgendwie zum Zirkus dazugehört und man daher kaum von einer erfolgten Integration sprechen kann. Denn die Integration war nie notwendig.

    Ich glaube auch nicht, dass die Medienindustrie jede mögliche Kritik verarbeiten kann. Denn jenes was nicht verarbeitet werden kann wird eben einfach ignoriert. Und dann entsteht einfach etwas Paralleles. Da der Zugang und die Verbreitung von Medien durch neue Technologien immer billiger und einfacher wird, wird es auch tendenziell einfacher sein eigenes Medienparalleluniversum zu den Leitmedien aufzubauen.

  26. 23.11.2008 | 14:39

    @ googelhupf: Das entspricht exakt auch meiner Position. Um hochwertige Kunst zu genießen, muss man den eigenen Geschmack entwickeln. Auch noch so gute Fernsehbeiträge sind dazu wenig geeignet. So war es wohl schon immer.

  27. Lina
    23.11.2008 | 16:00

    @ googlehupf

    Ich glaube auch nicht, dass die Medienindustrie jede mögliche Kritik verarbeiten kann. Denn jenes was nicht verarbeitet werden kann wird eben einfach ignoriert.

    Das eben gerade nicht, meine ich. Sie schluckt, kaut, verdaut und scheidet aus, genau wie Karsten es registriert hat. Das Ungeheuerliche ist, dass sie aus Kritik einen öffentlichen Verdauungsvorgang macht, an dem sie uns (gebührenpflichtig oder nicht) teilhaben lässt. Ich geh’ lieber allein auf’s Klo.

    Während Du Dir klugerweise Dein ‘Medienparalleluniversum’ aufbaust (was durchaus möglich ist!), kommt den Anderen mehrheitlich die Scheisse aus den Ohren und wächst ihnen über den Kopf, den sie eigentlich (auch Dir zuliebe) zum Denken bräuchten. Das heisst, auch Du bist von immer mehr (Quoten-)Scheisse umgeben, die Kohle bringt und Stimmung macht, aber zum Himmel stinkt … weil die Tür einfach nicht mehr zu geht!

  28. 26.11.2008 | 16:53

    Ein bisschen spät gelesen, aber als Adorno-Fan doch noch drei Dinge:

    1. Ein Vorwurf (wenn er denn nötig ist) kann doch nur an MRR gerichtet sein, der unterstützt, was er kritisiert.

    2. Der Literaturwissenschaftler Georg Steiner vertritt die These, dass die Gegenwart als “journalistisch” zu charakterisieren ist - alles wird unter dem Ziel der maximalen Verwertbarkeit kurz aufgebauscht, mit dem immer gleichen Schliff.
    Die Folge: Alles wird gleich-gültig und nichts bleibt wirklich nachhaltig.

    Durchbrechen kann man das nur mit einer Emotionalisierung, die sich der gleichen Methoden bedient, wie die kritisierte journalistische Gesellschaft -sprich: Das Thema, das die Gleich-Gültigkeit und die Verramschung schadet, muss emotional kommuniziert werden.

    3. Zum Schluss ein Adorno Zitat, er bezieht sich auf das Kinderlied “Zwischen Berg und tiefem, tiefem Tal”:

    Vernunft kann es nur in Verzweiflung und Überschwang aushalten; es bedarf des Absurden, um dem objektiven Wahnsinn nicht zu erliegen. Man sollte es den beiden Hasen gleichtun; wenn der Schuss fällt, närrisch für tot hinfallen, sich sammeln und besinnen, und wenn man noch Atem hat, von dannen laufen. [...] Was wäre Glück, dass sich nicht mäße an der unmessbaren Trauer dessen was ist? Denn verstört ist der Weltlauf.

    Und so kann man Gottschalk und Co. doch wieder dankbar sein: Wir leben und wir denken noch, welch Glück!

  29. 26.11.2008 | 17:45

    Meine Überlegungen beziehen sich ja nicht nur auf den MRR-Gottschalk-Fall, sondern auch auf ähnliche Phänomene, wie etwa die Integration der Reggae- und HipHop-Kulturen, die einerseits diese ganze Medienmaschinerie kritisieren und bekmämpfen, andererseits aber mittlerweile echte “Cash Cows” für die Musikindustrie geworden sind.
    Wenn jemand viel Geld damit verdient, dass er auf Pidgin gegen “Babylon” ansingt, kann man das doch mehr als seltsam nennen.
    Ähnlich ist es, um mehr in hiesigen Regionen zu bleiben, ebenso schräg, wenn eine christliche Jugendversammlung, bei der für mehr Spiritualismus und weniger Kommerzorientierung geworben wird, den Mittelpunkt in den Medien bildet und ein riesiges Geschäft darstellt.

    Das Thema, das die Gleich-Gültigkeit und die Verramschung schadet, muss emotional kommuniziert werden.

    Und öffnet sich damit lediglich für eine längerfristige Verwertbarkeit, während es geschluckt, etc., etc. wird.

  30. Lina
    26.11.2008 | 18:43

    @ Jo@chim

    Wunderbar heilsames Adorno-Teil! Ich fall gleich für tot hin!

    Wo hast Du es her, wo ist es drin?

  31. 26.11.2008 | 23:27

    Wenn jemand viel Geld damit verdient, dass er auf Pidgin gegen “Babylon” ansingt, kann man das doch mehr als seltsam nennen.

    Die Frage bleibt, was genau daran seltsam ist: Das Ansingen oder der Umstand, dass es mit den Mitteln honoriert wird, die zur Verfügung stehen.

  32. 26.11.2008 | 23:46

    @ Karsten: Du hast nur dann Recht, wenn “die Medien” ein Gegenüber sind, das uns bestimmt. An der These von G. Steiner finde ich v.a. interessant (wenn auch nicht revolutionär originell), dass er uns als Zuschauer mit rein nimmt: Das Fernsehen kann doch nichts durchkauen, was wir gar nicht sehen wollen. Sprich: Der journalistische Stil entspricht uns Zuschauern / Lesern.

    Der Vorwurf des Selbst- oder Fremdbetrugs kann also nur an die gehen, die die Schwächen durchschauen und es trotzdem für sich nutzen. MRR gehört dazu. Die christliche Jugendgruppe würde es nur dann, wenn sie die Medien für ihre Zwecke einsetzt und gleichzeitig gegen sie agiert, nicht aber, wenn sie von den Medien eingesetzt wird, ohne das zu fördern. Gleiches gilt für Rapper und co.

    Das Thema emotionalisieren heißt: Das Thema interessanter machen als die Gleich-Wertigkeit und die Kurzlebigkeit. Dann kannst Du durchgekaut werden und bleibst trotzdem. Ein gutes Beispiel ist die katholische Kirche: Sie nutzt die Entertainment-Industrie - denn sie will ja wahrgenommen werden und kann daher nicht an gesellschaftlich bestimmenden Erscheinungen vorbei - und bleibt trotzdem (m.E. glaubwürdiger) Gegenüber, der seine Themen nicht der Beliebigkeit preisgibt.

    @ Lina: Minima Moralia, 128.
    Und: jo@chim schreibt beim antibürokratieteam, ich bei Libertas Cara.

  33. 27.11.2008 | 0:24

    @Lina:
    Also, unterschiedlicher könnten die beiden Joachims kaum sein… :)

    @Joachim:
    Es ist typisch für die Weltsicht eines Liberalen, dass er das Individuum im Gegensatz zu mächtigen Systemen sieht, von denen er ihn befreien will. Für manche ist dies ausschließlich der Staat, ich sehe nun einmal noch andere Strukturen und Systeme, die uns als Individuen überragen und beherrschen.
    Für mich herrschen zwischen Konsumenten (also Zuschauern/Lesern) und Anbietern erheblich komplexere Interaktionen als nur “die liefern, was wir haben wollen” oder auch “wir konsumieren, was die uns geben”. Und diese Interaktionen sind das System, nicht die Anbieter allein. Insofern würde der Begriff der “Medienindustrie” dann gar nicht mehr nur die Anbieter treffen.

    Mein Vorwurf ist nicht unbedingt der des Betrugs, sondern vielmehr der der Negierung. Jede Kritik (an dem System) ist dann, wenn sie über die konventionellen Methoden Öffentlichkeit erreicht, bereits beinahe negiert.

    Mit der katholischen Kirche magst Du in gewisser Weise recht haben. Wir sind da sicher sehr, sehr unterschiedlicher Ansicht über die Inhalte (ich bin nicht nur evangelisch getauft, sondern auch ein Halbchrist, der die Kirche eher ablehnt), aber dass die katholische Kirche sich relativ geschickt zu bewahren versteht, kann ich nicht bestreiten.
    Andererseits hat sie auch jahrtausendelange Erfahrung im Umgang mit System, die sie zu verschlingen drohten. :)

    @Boche:
    Das Ansingen teile ich vielleicht nicht unbedingt, finde es aber auch nicht seltsam. Wenn man aus den Fakten, die ich sehe, etwas andere (aber nicht verrückte) Schlüsse zieht, dann ist das schon okay, und es zu äußern, ist für eine pluralistische Gesellschaft sogar wichtig.
    Sieh meine Kritik mal anders: Wenn Du viel Geld zur Verfügung hättest, und würdest die Leute von Shifting Reality dafür gut bezahlen, ihre Texte zu verbreiten, um damit auch viel Geld zu verdienen, während Du wüsstest, dass dieselben Texte wenig Effekt hätten, aber Aufmerksamkeit und Profit sichern würden - wäre das nicht seltsam? :)

  34. stefanolix
    27.11.2008 | 8:21

    Karsten, ich habe nur zum letzten Absatz eine Frage: Welche Rendite würdest Du denn für die Verbreitung dieser Texte erwarten?

  35. 27.11.2008 | 9:16

    @ Karsten: Ist ein Halbchrist die monotheistische Variante des Halbgottes? ;-)

    Ansonsten stimme ich zu: Die Beziehung Fernseher / Zuschauer ist erheblich komplexer als von mir dargestellt - aber nicht unüberschaubar komplex: Du hast mit der Systemgebundenheit Recht, nur wird das Individuum ja nie aus allen Systemen befreit, sondern nur in ein neues überführt. Also: Der Durchkauer wird in das System “Nachhaltigkeit” überführt - wenn er es ihm einmal im Durchkauer-System als plausibler dargestellt werden konnte.

    Auf Liberale übtertragen: Der Liberale versucht das Individuum aus dem System “autoritätsgläubig” befreien und stellt es damit in das System “reflektiert-individuell” - und auch das ist in Milieubeschreibungen dann wieder geradezu langweilig genau und unindividuell erfassbar. Die liberale Blogosphäre ist in ihrer weitgehenden Homogenität und dem häufigen Revierverhalten dafür ja ein gutes Beispiel (und dass du damit nicht so gut beschrieben bist, weiß ich. :-)).

  36. 27.11.2008 | 11:03

    @stefanolix:
    Wenn ich sie verbreiten würde, wäre das nicht so seltsam, weil ich dem ja inhaltlich näher stehe, was die da drüben schreiben. Wenn Boche hingegen es täte, würde es seltsam werden, denn er steht ja genau für die Ideen und Ansichten, die sie kritisieren. Im Übrigen würde ich kaum eine Rendite erwarten, dafür sind die meisten Texte bei SR zu speziell… ;)

    @Joachim:
    LOL @ Halbgott… Ich denke, Du weißt, was ich meinte, oder? In einer christlich geprägten Gesellschaft aufgewachsen, teilt viele der moralischen Gebote des Christentums, mag nicht ausschließen, dass es Gott gibt, fühlt aber keine tiefere Spiritualität und hat nicht das Gefühl, gläubig zu sein. So etwa.

    Da ich mir dessen bewusst bin, dass Individuen immer in Systemen leben, neige ich dazu, mir diese Systeme dynamisch und relativ instabil zu wünschen. Und bevorzuge es außerdem, wenn verschiedene, konkurrierende Systeme Einfluss auf das Individuum nehmen.

  37. stefanolix
    27.11.2008 | 11:16

    Ich hatte Dich so verstanden, dass Du Boche als Metapher für die Medien-Industrie nehmen wolltest, die eine Protestkultur aufgreift, in diese Szene investiert und dann Musik, Filme oder Texte gewinnbringend vermarktet. Nun könnte man sicher sehr viel Geld in die Verbreitung von »SR«-Texten stecken, aber Gewinne wären wohl kaum zu erwarten, wie Du ja selbst sagst;-)

  38. stefanolix
    27.11.2008 | 11:22

    Im übrigen glaube ich nicht, dass Boche »in toto« für die Ideen und Ansichten steht, die bei SR kritisiert werden. Bei differenzierter Betrachtung (und wenn ich mal alle persönlichen Befindlichkeiten weglasse) kann ich das nicht so absolut sehen.

  39. 27.11.2008 | 11:41

    @Karsten

    Sieh meine Kritik mal anders: Wenn Du viel Geld zur Verfügung hättest, und würdest die Leute von Shifting Reality dafür gut bezahlen, ihre Texte zu verbreiten, um damit auch viel Geld zu verdienen, während Du wüsstest, dass dieselben Texte wenig Effekt hätten, aber Aufmerksamkeit und Profit sichern würden - wäre das nicht seltsam?

    Wieso wäre das seltsam? Wenn ich Bedürfnisse befriedigen helfe und dafür bezahlt werde, ist das doch eine anständige Sache. Wär doch schade, wenn diese Perlen der Argumentationskunst wegen mangelnder Kapitalisierung den Massen verborgen blieben. ;-)

  40. 27.11.2008 | 11:51

    @ Karsten:

    Ich denke, Du weißt, was ich meinte, oder?

    Ja, weiß ich. Christlich sozialisierter Agnostiker, oder? Auch für dich ist Platz in der Kirche. :-)

    Die weiteren Ausführungen von Dir sehe ich genauso und kann dazu gerne - bei Bedarf - Buchempfehlungen geben, die das im christlichen Menschenbild verankern. :-)

  41. stefanolix
    27.11.2008 | 12:39

    @Joachim: Das interessiert mich auch. In welcher Kirche ist Platz?;-)

  42. 27.11.2008 | 14:56

    @Joachim:
    Wenn ich in letzter Zeit in der Kirche war, dann war stets Platz für mich. Erste Reihe, reserviert. Irgendwie lande ich da nur, wenn ich mit dem Dreigestirn unterwegs bin oder Adjutant beim Schützenkönigspaar… ;)

  43. 28.11.2008 | 19:16

    In den Gottesdiensten ist ja fast immer für ganze Kompanien noch Platz.

    Aber wusstet ihr, dass 43% der Glieder der Evangelischen Kirche in Deutschland angaben, nicht an den christlichen Gott, aber an irgendeine höhere Macht zu glauben und 9% glauben nach eigener Aussage weder an Gott noch an eine andere höhere Macht - das ist mehr als die Hälfte aller Mitglieder (Quelle: McKinsey).

    Da kriegen wir auch noch ein paar Agnostiker Schützenkönigs-Adjudanten unter. :-)

  44. 28.11.2008 | 23:57

    Naja, in den wenigen Gottesdiensten, in die ich gehe, ist eher gar kein Platz mehr. Da ist so ein reservierter Platz ganz nett… ;)
    Das Schützenwesen hier im Rheinland ist übrigens stark auf die katholische Kirche hin ausgerichtet.

  45. 29.11.2008 | 23:13

    Hat eigentlich schon jemand drangedacht, dass diese ganze “Verschwörung” vielleicht garnicht von Gottschalk und MRR ausging, sondern dass die Idee von den Produzenten von WWM kam?
    Was natürlich immernoch heißt, dass MRR sich nicht zu schade dafür war, was immernoch enttäuscht….

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