Geschluckt, gekaut, verdaut und ausgeschieden

Trotz angestrengter Suche kann ich keine Originalquelle für das präsentieren, was mich heute abend bei “Wer wird Millionär” (ja, ich gucke Privatfernsehen) beschäftigt hat. Darum umschreibe ich diesen spannenden Gedankengang, wer mag, kann mir das Original in den Zitaten nachliefern, ich werde es dann hier nachposten. Das, was ich meine, klang ungefähr so:

“Das wirklich beängstigende an der modernen Kulturindustrie ist die Tatsache, dass man sie weder kritisieren, noch gegen sie kämpfen, noch subversiv gegen sie arbeiten kann. Was immer man unternimmt, wird entweder sinnlos verpuffen, oder - so es denn Erfolg haben sollte - von ihr aufgenommen, gekaut, verdaut, zum maximalen Nutzen verarbeitet und anschließend wieder ausgeschieden werden, um mit dem nächsten Happen zu beginnen”.

Gerne zitiert wurde das von Punkern, Hip-Hoppern, Sprayern und ähnlichen Vertretern subversiver Subkulturen, die ihren Widerstand gegen die herrschende Gesellschaft zum Ausdruck bringen wollten, mit zunehmender Popularität aber mehr und mehr in den Kommerz- und Verwertungsapparat der aktuellen Massenmedien hineingezogen wurden. Mir fiel dieser Gedankengang aber wieder ein, als heute Thomas Gottschalk bei Günter Jauch Marcel Reich-Ranicki als Telefonjoker benutzt hat.

Ein abgekartetes Spiel, wie immer bei diesen Promi-WWM’s, ganz klar. Die Millionenfrage, dann MRR als Joker, und natürlich eine Literaturfrage. Jubeln, Konfetti, Guter Zweck, die unerwarteten Freunde Gottschalk und MRR - der Stoff, aus dem Legenden sind.

Zur generellen Entwicklung dieser “neuen Männerfreundschaft” habe ich drei Theorien:

1. Thomas Gottschalk ist ein ganz besonders abgezocktes Arschloch, das die Vermarktbarkeit von Reich-Ranicki als Witzfigur mit ihm als Identifikationspunkt erkannt hat und den anderen, älteren Mann jetzt zu seinem persönlichen Vorteil ausschlachtet.

2. Beide sind mediengeile Typen, die merkten, dass ihr jeweiliger Stern im Sinken befindlich ist, und nach einem neuen Trick suchten, um sich als “schräges Traumpaar” des deutschen Feuilletons wieder in die Öffentlichkeit zu pusten. Dabei ginge es aber keinem um Inhalte.

3. Beide teilen eigentlich die These, dass das Fernsehen immer niveauloser wird. Nach MRR’s Brandrede haben sie sich zu einem längeren Gespräch zusammengesetzt und festgestellt, dass diese schon nach wenigen Tagen geschluckt, gekaut, verdaut und wieder ausgeschieden worden ist - und haben einen Deal geschlossen, der die Kritik in Gestalt ihres schrillen Gegensatzes länger am Leben halten soll.

Welche Theorie der Wahrheit am nächsten kommt, weiß ich nicht. Aber im Endeffekt bedeuten sie doch alle das gleiche - nämlich, dass die Kritik an einer Kulturindustrie, die man weder in Grund und Boden verfluchen noch subversiv veräppeln kann, gar nicht falsch ist. Selbst die herbsten Kritiker, selbst die unangenehmsten Spötter kann sie in sich aufnehmen, in Einschaltquoten und Umsätze, in Gewinne und betäubte Zuschauer verarbeiten. Das ist beängstigend. Vor allem, weil man kein Gegenprogramm verkünden, keinen Angriff proklamieren, keine Abweichung erklären kann. Nur fassungslos beobachten.

Adorno-Fans sind ausdrücklich zum Kommentar eingeladen - habe ich die Ausgangskritik von da? Es ist zu spät, um nachzulesen, und ich habe gerade Zeit, zu tippen.

Gute Nacht.

Absolute Unpolitik

Ich erwähnte ja schon, dass ich ein großer Fan dessen bin, was Rayson und Boche so gerne Unpolitik nennen. Und was diese angeht, haben wir heute eine Sternstunde erlebt.

Thorsten Schäfer-Gümbel warb für sich in der letzten Sitzung des hessischen Landtages unter anderem mit dem Hinweis, dass er gegen Roland Koch zumindest einen “Next Topmodel”-Wettbewerbes gewinnen würde. Urkomisch, das, denn obwohl Koch ja nun nicht wirklich attraktiv ist, muss ausgerechnet einer darauf hinweisen, der zu den wenigen gehört, die selbst gegen Koch noch einen Schönheitswettbewerb verlieren würden. Wenn der Mann in Sachfragen und politischen Tricks und Kniffen genau so ungeschickt ist, hat Koch schon gewonnen…

Es fällt auch Linken auf…

Nehmen wir die schillernden Etiketten Neoliberalismus oder neoliberale Globalisierung, die alles und nichts erklären. Man könnte selbstredend auch andere gebräuchliche Formeln der globalisierungskritischen Bewegungen nehmen. Inzwischen sind diese Etiketten weit davon entfernt, Werkzeug für kritisch differenziertes Denken zu sein. (…) Schließlich lassen uns aber die geronnenen Generaletiketten, aller Dynamik des Sozialen entleert, angesichts eines differenzierten gesellschaftlichen Umbruchs eher hilfs- und begriffslos zurück.

Offenbar aus: “Cluster. Die neue Etappe des Kapitalismus= Materialien für einen neuen Antiimperialismus 8″ von Detlef Hartmann und Gerald Geppert, zitiert nach Che2001 drüben bei shifting reality.

Sag’ ich doch schon lange, das. Sicherlich gibt es Fehlentwicklungen, soziale Verwerfungen und meinetwegen auch offensichtliche negative Folgen von Gier, Korruption und Rücksichtslosigkeit auf der Welt. Diese aber alle unisono als “Neoliberalismus” abzutun, ist einfach nur blöd. Sicherlich werden Hartmann und Geppert zu komplexeren Schlüssen kommen, die anschließend alle Schuld trotzdem beim Kapitalismus und seinen modernen Erscheinungsformen finden, aber was sie hier schreiben, finde ich schon einmal gut. :)

Wo ist die Besonderheit?

Kann mir mal jemand erklären, was an einem Koalitionsvertrag so außergewöhnlich sein soll, in dem steht, dass man sich im Bundesrat enthält, wenn sich die Koalitionspartner nicht einig sind? Sogar so außergewöhnlich, dass man sich das nur mit der schnellen Aushandlung und der Gewieftheit des einen Verhandlungspartners erklären kann?

Kann außerdem jemand erläutern, warum es die CSU “kalt erwischt”, wenn die Bürgerrechtspartei FDP gegen den größten Angriff auf bürgerliche Freiheitsrechte seit Jahrzehnten eintritt? Und was so überraschend an der Tatsache ist, dass sie nicht einfach alles mitmacht, was der große Koalitionspartner von ihr verlangt?

Zusammenfassend gesagt also: Was ist so überraschend daran, wenn eine Koalition eben keine Alleinregierung ist und die FDP-Landtagsabgeordneten nicht geschlossen in die CSU eintreten, nur weil man gemeinsam regiert?

Am liebsten wäre es mir ja, wenn mir Joachim Peter und Torsten Jungholt das erklären könnten. Aber da stehen die Chancen wohl schlecht.

Gar nicht verdient

Was ich schon gedacht habe, als ich die alte Dame sah, die Obama einen “Araber” nannte und von McCain unterbrochen wurde, hat sich bestätigt, als ich heute Morgen die Ansprache von McCain zur Wahlniederlage gesehen habe. Während der Kandidat selbst nämlich sich als guter Verlierer erwies, der seinem Konkurrenten ordentlich gratulierte, ihn lobte und ihm alles Gute wünschte, musste er dabei gegen ein Pfeif- und Buh-Konzert anreden und teilweise sogar aufhören, um um Ruhe zu bitten.

Und da dachte ich erneut: Eigentlich haben weite Teile der republikanischen Parteibasis einen dermaßen integren und demokratisch-fairen Kandidaten wie John McCain gar nicht verdient. Auch, wenn ich McCain zuvor nicht mochte und auch manches unmöglich fand, was ich von ihm gehört oder gesehen habe: Der Mann hat durch seinen Wahlkampf bei mir viel an Ansehen gewonnen (im Gegensatz zu Sarah Palin).

Alarm! Verschwörung!

Hach, ich liebe ja Verschwörungstheorien. Weil sie so schön überzogene Deutungen von Sachverhalten sind, denen so oft ein Körnchen Wahrheit innewohnt…

Wie die Theorien, die jetzt in der hessischen SPD so umgehen.

Die eine besagt offenbar, dass Jürgen Walter und seine beiden Mitstreiterinnen (Dagmar Metzgers Gewissen zweifeln selbst die Gegner nicht an) von der Energiewirtschaft geschmiert worden sind. Die andere, dass Walter quasi auf Anweisung der “Stones” in Berlin gehandelt hat.

Und ich denke, dass hier schon der Spruch mit dem Körnchen Wahrheit stimmen könnte. Denn der Lobbyist der Energiewirtschaft in Wiesbaden wäre schon ein Idiot, der nicht bei Gesprächen mit Jürgen Walter den einen oder anderen lukrativen Auftrag für seine Kanzlei in Aussicht gestellt hätte, falls er bereit wäre, die Sache platzen zu lassen. Vermutlich wird er ein solches Ansinnen empört zurückgewiesen haben, dass es jetzt dennoch zum Tragen kommen könnte - wer will es verdenken?

Und dass ein Vollblutpolitiker eine Entscheidung wie die, mal eben eine Regierung zu kippen, bevor sie gewählt ist, nicht zumindest im Groben mit den Genossen im eigenen Netzwerk besprochen hat, ist auch mehr als unwahrscheinlich. Steinmeier wird wohl so etwas gesagt haben wie “Wenn Du das für den richtigen Weg hältst, dann tu es”. Und gegrinst haben, denn für seine Kandidatur (und den Vizekanzlerposten, den er auch im zweiten Kabinett Merkel wird haben wollen) wäre Rot/Rot/Grün in Hessen Gift gewesen.

Ich bin ja davon überzeugt, dass es Verschwörungen gibt. Eine ganze Menge sogar, deren Aktionen sich meist gegenseitig behindern, weil sie so viele sind. Und hier könnten durchaus einige eine Rolle gespielt haben. Was ich aber nicht glaube, ist, dass sie der wesentliche Grund für Walters Aktion waren; als Ursache nehme ich vielmehr das an, was ich hier schrieb:

Bei den Geschehnissen, über die wir sprechen, haben sich zwei mäßig begabte Politiker der zweiten Reihe einen verbissenen Machtkampf geliefert, der im Endeffekt beiden geschadet und keinem geholfen hat.

P.S.: Tut mir leid, Rayson, Boche, aber ich liebe Unpolitik. Weil sie die Politik nun einmal mit bestimmt.

Es muss schon passen

Zurecht weisen mich Parteifreunde und Blogkollegen bei meinen gelegentlichen Schwärmereien für eine Sozialliberale Koalition oder auch eine Ampel immer mal wieder darauf hin, dass es dafür nicht nur eine rechnerische Mehrheit bräuchte, sondern die Parteien auch inhaltlich und programmatisch zusammen passen müssten. Eine solche Konstellation ist in den wenigsten Bundesländern auch nur annähernd gegeben (was sind die Pfälzer nur für außergewöhnliche Leute?).

Was dabei aber meist sogar noch vergessen wird, ist die Notwendigkeit, dass es auch menschlich zwischen denjenigen passt, die da eine Koalition bilden sollen. So könnte ich mir eine Rot-Rote Koalition im Saarland vorstellen (Lafontaine und Maas scheinen miteinander zu können), eine Zusammenarbeit zwischen Müntefering, Steinmeier und Lafontaine ist allerdings eine derartige menschliche Katastrophe, dass auch die größte inhaltliche Nähe das nicht ausgleichen könnte.

Und sogar innerparteilich kann es solche Situationen geben. Kann mir mal jemand erklären, wie Franz Müntefering auf die aberwitzige Idee kommt, Andrea Ypsilanti und Jürgen Walter könnten in der Hessen-SPD noch irgendwann einmal konstruktiv zusammenarbeiten? Sie hat ihn bekämpft, ausgetrickst und kaltgestellt - er hat sie belogen, hintergangen und erdolcht. Und wenn es darum ginge, Luzifer selbst daran zu hindern, in die hessische Staatskanzlei einzuziehen, diese zwei könnten zu diesem Zwecke nicht mehr zusammenarbeiten. Offensichtlich ist, dass die SPD in Hessen nur dann wieder handlungsfähig werden kann, wenn einer der beiden geht. Am Besten beide.

Sündenböcke (Anlagen)

Meine kleine Polemik von heute Morgen benötigt natürlich einige kleine Anlagen, ohne die ich vermutlich missverstanden würde. Eigentlich hatte ich mir zwar mehr Widerspruch erhofft, aber anscheinend fehlt mir noch einige Erfahrung, um so gut provozieren zu können wie der Kollege Boche.

Nun aber zu den Anlagen:

(1) Mich irritiert ein wenig, dass mancher, der bei Hartz-IV-Empfängern den Verweis auf die systemischen Ursachen für mangelnde Arbeitsbereitschaft nicht gelten lassen will, sondern diesen Mangel personalisiert und individualisiert, gleichzeitig beim Thema der Manager diese systemischen Ursachen als Entschuldigung gelten lassen will. Ein Langzeitarbeitsloser, der nicht arbeiten geht, ist für manchen einfach nur faul, ein Manager, der Geld verzockt, aber ein Opfer des Systems, das solches von ihm verlangt. Das ist inkonsequent. Sogar dann noch, wenn man die Hartz-IV-Empfänger durch Kriminelle und ihre “schwere Jugend” ersetzt, die für viele Anhänger der individualisierten Verantwortung ja bedeutungslos sein soll.

(2) Sehr ungewöhnlich finde ich weiterhin, wenn von den gleichen Leuten, die die obszön hohen Managergehälter mit der außergewöhnlichen Leistung der Manager begründen (und es dabei manchmal so darstellen, als seien es die Topmanager alleine, die die Riesenumsätze ihrer Unternehmen generieren), nun das Versagen vieler Unternehmen nicht den Managern, sondern dem kranken System anrechnen wollen.

(3) Meine Beispiele waren nicht völlig beliebig gewählt, im Gegenteil. Ich denke nämlich, dass Sinn nicht falsch liegt, wenn er sagt, dass der Fehler vor allem im System liegt und die Möglichkeiten einzelner Manager, etwas zu bewirken, sehr gering waren. Und natürlich werden die Topmanager jetzt zu Sündenböcken gemacht - so, wie auch Fußballtrainer zum Sündenbock werden, wenn es beim Verein nicht läuft, wie “die Politiker” zu Sündenböcken werden, wenn die Wirtschaft nicht funktioniert, und auch so, wie Generäle in der Geschichte schon oft als Sündenböcke dienten, wenn Schlachten einfach nicht zu gewinnen waren. Jedes dieser Beispiele wäre gut geeignet gewesen, Sinns Argumentation zu verdeutlichen. Sein völlig an den Haaren herbeigezogener Vergleich mit den Juden war ebenso geschmacklos wie unzutreffend. Denn die Juden wurden nicht gut dafür bezahlt, zu wissen, dass sie vielleicht bald Sündenböcke sein würden; und sie wurden nicht gefeuert, sondern ermordet. Auch schon vor 1929.

(4) Ja, ich denke tatsächlich, dass man “den Managern” nicht ernsthaft die Schuld an der Krise geben kann; die Ursache liegt “im System”, oder vielmehr in den Systemen. Im soziologischen System der Wirtschaftselite, im politischen System der (mangelnden) Kontrolle, im wirtschaftlichen System eines Finanzmarktes, der jede Beziehung zur Realität verloren hat. Vielleicht sind es alle drei dieser Systeme, vielleicht auch keines oder jedes zu einem Teil - nur den Managern, deren tatsächlicher Einfluss so groß gar nicht ist, die Verantwortung zuzuschieben, halte ich aber auf jeden Fall für Unsinn.

(5) Und weil ich die Bedeutung der Arbeit der Topmanager für so gering halte, ärgere ich mich auch schon so lange über deren wahnwitzige Gehaltssummen. Managergehälter sind meiner Ansicht nach weniger die gerechte Entlohnung für eine unglaublich knappe und bedeutungsvolle Leistung, sondern die Rente für die Zugehörigkeit zu einem eng geflochtenen Netzwerk, das mehr mit einem feudalen Stand als mit der Elite einer Leistungsgesellschaft zu tun hat. Und natürlich, wie oben bereits gesagt, eine Entschädigung dafür, im Falle eines Scheiterns den Sündenbock darzustellen, den man den wütenden Menschen zur Beschimpfung vorwerfen kann.

Sündenböcke

Die Suche nach Sündenböcken wird immer intensiver. Jetzt werden nicht nur Manager für scheiternde Unternehmen verantwortlich gemacht, sondern auch noch Politiker für schlechte Gesetze, Fußballtrainer für schlechte Spiele und Generäle für verlorene Schlachten. Dabei weiß doch jeder, dass Führungspersonal nur für Erfolge verantwortlich zu machen ist, Mißerfolge jedoch stets tiefgreifende systemische Ursachen haben!

Illustration

Solange man hier noch Beiträge einstellen kann, möchte ich flott noch auf diesen CNN-Artikel verweisen, der einige der Dinge, die man auf USA Erklärt über das politische System der USA lesen konnte, anschaulich demonstriert.

Als da wären:

- Die Tatsache, dass die Parteien in den USA eigentlich mehr lockere Zusammenschlüsse sind, die relativ wenig Einfluss auf die einzelnen Wahlkämpfe haben

- Die erstaunliche Sache, dass auch jemand, der einen hohen Parteiposten oder gar hohe Ämter in der Parlamentsverwaltung hat, immer wieder aus eigener Kraft im direkten Zweikampf zurück in den Kongress kommen muss

- Den unter Amerikanern weit verbreiteten Wunsch, die Macht auf beide Parteien aufzuteilen (divided government)

Ein Artikel, anhand dessen man sicher weniger informierten Leuten einiges über das politische System der USA vermitteln kann; geradezu ein Geschenk für Englisch- und Politiklehrer.

Feuchte Träume

Mich wundert nicht, dass die Idee des “Nackt-Scanners” auch so viele Befürworter findet. Wer von uns hat mit zwölf, dreizehn Jahren nicht davon geträumt, eine Brille zu haben, mit der man attraktive Mitglieder des jeweils bevorzugten Geschlechts hätte nackt sehen können?

Herrje!

Selbst im Feuilleton kann man sich bei SpOn manchmal die Haare raufen.

Da erkennt die Autorin inmitten ihres Lobs einer deutschen House-Kopie schon selbst, dass es sich um eine billige House-Kopie handelt, liefert tonnenweise Beweise genau dafür, freut sich dann aber doch darüber, dass es sich um eine deutsche Krankenhausserie handelt, die anders ist als die “Schwarzwaldklinik”.

Manchmal denke ich, dass das deutsche Fernsehen bessere Eigenproduktionen hätte, wenn nur die Hälfte der Energie, die darauf verwendet wird, amerikanische Serien ein wenig abzuwandeln, in Originalität wandern würde. Herrje!

Hysterie?

Keine Frage, die Schaffnerin, die ein zwölfjähriges Mädchen wegen angeblichen Schwarzfahrens des Zuges verwiesen hat, handelte vollkommen falsch. Nicht nur, dass sie die Möglichkeit gehabt hätte, den Fall so aufzunehmen, dass die Kleine ihre Fahrkarte nachträglich hätte vorlegen können, sie verstieß auch gegen Bestimmungen, indem sie eine Minderjährige des Zuges verwiesen hat und nicht einmal versuchte, Kontakt zu den Eltern aufzunehmen. Möglicherweise trägt daran ihre Führung eine gewisse Mitschuld; von einem Bekannten, der im Kontrolldienst bei der Bahn gearbeitet hat, weiß ich, dass dem Kontrollpersonal durch Druck jedes Mitleid mit Schwarzfahrern und ihren abenteuerlichen Geschichten ausgetrieben wird.

Ein wenig seltsam erscheint mir übrigens auch, dass zwar mehrere Mitreisende ihr helfen wollten, indem sie ihr eine Karte kaufen wollten, aber weder das Mädchen selbst noch einer dieser hilfsbereiten Mitreisenden ein Mobiltelefon gehabt zu haben scheint, mit dem sie wenigstens ihre Eltern hätte anrufen können - eine arme Familie ohne Telefon vermute ich nicht, da sie mit einem Cello aus der Musikschule kam, sicher kein sehr preiswertes Hobby.

Aber das Rauschen, das nun durch die toten Bäume streift, scheint mir doch etwas übertrieben, gar hysterisch, von dem Kommentaren eifriger Leser ganz zu schweigen. Immerhin war das Mädchen schon zwölf Jahre alt, also kaum noch ein Kindergartenkind. Da sind fünf Kilometer durch die Dunkelheit sicher sehr unangenehm, aber doch keine Katastrophe. Ich erinnere mich, dass ich im gleichen Alter im Winter auch von Freunden nach Hause gelaufen bin, die ein paar Kilometer entfernt wohnten - und dunkel war es da auch. Eine deutlich ältere Bekannte meinte sogar, wenn ihr das damals passiert wäre, hätten ihre Eltern nicht nur den längeren Fußmarsch als “selbst eingebrockt” bezeichnet, sondern sogar noch mit ihr dafür geschimpft, dass sie besser auf ihr Portemonnaie hätte achten sollen. Ob das stimmt, weiß ich nicht (und es wäre auch sicher falsch gewesen), denkbar ist es aber auf jeden Fall.

Wenn ich dann Kommentare lese, in denen sich jemand erleichtert zeigt, dass die Kleine keinem Sexualtäter zum Opfer gefallen ist, frage ich mich doch, wo manche Leute leben. In dem Land, in dem ich lebe, lauert jedenfalls nicht hinter jedem Busch einer, der nur auf kleine Kinder wartet, die es zu vergewaltigen gilt.

Alles in allem kann ich den Zorn der Eltern verstehen, begreife auch sehr gut, dass diese nun gegen die Bahn und vor allem die Schaffnerin vorgehen. Warum aus dieser Sache aber alsgleich eine Staatsaffäre gemacht werden muss, die die ganze Republik beschäftigt, als sei das Mädchen mit knapper Not aus der Hand der Taliban befreit worden, dafür reicht mein Verständnis nicht aus.

Fairer Wettbewerb

Zettel bringt es mal wieder auf: Es wäre sicher eine gute Idee, wenn die Deutsche Bahn AG zerschlagen würde, zugunsten eines Systems, in dem mehrere Bahngesellschaften um die Gunst der Kunden konkurrieren würden. Ich war ein wenig überrascht, zu sehen, dass Zettel ebenso wie ich bevorzugen würde, wenn die eigentliche Infrastruktur (das Schienennetz) dabei in staatlicher Hand bleiben würde:

Warum kann man nicht endlich die Deutsche Bahn zerschlagen und mehrere Bahngesellschaften miteinander konkurrieren lassen? Der Staat sollte das Schienennetz stellen, so wie er auch das Straßennetz stellt. Aber es gibt keinen vernünftigen Grund, warum auf diesem Netz nicht private Anbieter konkurrieren könnten, so wie das in anderen Bereichen des Verkehrs ja auch funktioniert.

In jedem Bereich, der mit Verkehr, Energie und Wasser zu tun hat, bin ich davon überzeugt, dass die Infrastruktur in staatlicher Hand bleiben oder in diese übergehen sollte - um einheitliche Wettbewerbssituationen zu schaffen und um sicherzustellen, dass auch unvorteilhaft gelegene Regionen zu akzeptablen Preisen in die Versorgung mit einbezogen werden können. Besonders die (zunächst) geplante Privatisierung der Bahn mit Schienennetz ist (war) mir dabei ein großer Dorn im Auge.

Was in Zettels Beitrag keine Rolle spielt, ist dabei für mich ein ebenso wichtiges Argument: Der Wettbewerb zwischen Schienentransporten und Straßentransporten wird bisher durch die Tatsache verzerrt, dass die Nutzer des Schienentransportes bisher die Infrastruktur unmittelbar über ihre Preise mitfinanzieren müssen, während der Straßenverkehr über eine Infrastruktur verfügt, die aus allgemeinen Steuermitteln finanziert wird. Dies ist extrem wettbewerbsverzerrend und schadet der Bahn deutlich. Wenn der Staat das Schiennetz ebenso aus Steuermitteln finanzieren würde, wie das beim Straßennetz der Fall ist, würde diese Ungleichbehandlung aufgehoben und eine sinnvollere Lenkung des Verkehrs über den Markt ermöglicht.

Moral in der Außenpolitik?

Dear Germany…
Es gibt, so scheint es, nur eine Antwort: Aus dem Nationalsozialismus habt ihr nichts gelernt. Statt zu lernen, dass das Böse bekämpft werden muss, habt ihr gelernt, dass es böse ist zu kämpfen.
Dennis Prager

Dieses Zitat sehe ich mittlerweile auf vielen der so genannten “prowestlichen” Blogs. Und sehe darauf eigentlich nur eine passende Antwort:

Dear Dennis,

wie es scheint, hast Du aus der Geschichte keine Lehre gezogen. Anstatt zu lernen, dass es falsch ist, anderen mit militärischer Gewalt die eigenen Ansichten und die eigene Herrschaft aufzuzwingen, hast Du nur gelernt, dass Deine Seite automatisch die Gute ist, was jede Gewaltanwendung rechtfertigt.

Wer hat hier wohl einen “broken moral compass”?

Allein schon die Vorstellung, eine Außenpolitik würde jemals mehr nach moralischen Grundsätzen als nach den jeweiligen Interessen der Handelnden gestaltet, scheint mir absurd. Solange sie “Außenpolitik” ist und als solche wahrgenommen und umgesetzt wird. Allein schon die für diesen Begriff notwendige Unterscheidung zwischen “Ingroup” und “Outgroup” bedingt automatisch ein Handeln nach Interessenlage.

P.S.: Natürlich gilt das auch im Blick nach innen - dass das außenpolitische Handeln der Bundesrepublik nach moralischen Maßstäben gestaltet würde, ist ebenso absurd. Allenfalls könnte es sein, dass man die allgemeine Gültigkeit des Völkerrechts als übergeordnetes Interesse wahrnehmen würde, aber auch das bezweifle ich sehr.

Warum weniger manchmal mehr ist

Eines der Credos der Liberalen, egal welcher Couleur, lautet, nicht mehr Gesetze zu machen als unbedingt nötig. Montesquieus “Wenn es nicht notwendig ist, ein Gesetz zu machen, dann ist es notwendig, kein Gesetz zu machen” ist daher auch in die Zitatesammlungen einiger liberaler Blogs eingegangen. Natürlich ist einer der Gründe dafür der bei unserer politischen Richtung verbreitete Wunsch, vom Staat nach Möglichkeit in Ruhe gelassen zu werden. Ein weiterer Grund aber ist der, dass zu viele Gesetze leicht auch den Respekt vor jenen Regelungen, die sinnvoll und notwendig sind, schwinden lassen.

Beispiele im täglichen Leben gibt es viele - je mehr wir von Gesetzen bedrängt werden, die uns sinnlos und willkürlich erscheinen, desto mehr verlieren wir den Respekt vor den Gesetzen an und für sich. Wer sich ein paar Mal über Gesetze hinweggesetzt hat, wird immer weniger geneigt sein, anderen Gesetzen zu folgen, weil sie eben Gesetz sind. Zivilen Widerstand gegen sinnlose Gesetze kann man vernünftig finden; ein erodierendes Vertrauen in den Gesetzgeber allerdings sicher nicht, vor allem, wenn es berechtigt ist.

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Auch mal einer Meinung

Herrje, habe ich mich mit den Jungs von GayWest schon gefetzt, und meistens, wenn es um “schwule” Themen ging. Aber hier bin ich mit Adrian mal wirklich einer Meinung:

Und wenn er das nächste Mal im Straßencafé sitzt, wird er garantiert kaum heterosexuelle
Pärchen sehen. Ein Witz? Ja, denn Homosexualität als “kulturelle Norm” zu bezeichnen,
ist nicht mehr als ein Witz.

Nee, “kulturelle Norm” ist die Homosexualität wirklich nicht. Und wer solche Sätze verbricht, der hat vielleicht mal für die Entkriminalisierung der Homosexualität gestritten - aber nur unter der Bedinung, dass die Schwulen dann doch bitte immer noch ängstlich zuhause sitzen und sich schämen, dass sie mit der Art und Weise, wie sie leben, nach christlicher Lehre in ständiger Sünde sind.

Wobei ich ausdrücklich die Konfession loben möchte, zu der sich Mitautor Rayson bekennt.

Ohne Worte

Blockwarte gesucht

Datenschutz - eine neue Perspektive

Vor 20, 30 Jahren war es noch so, dass nur staatliche Organe die Möglichkeiten und Ressourcen hatten, um eine totale, bedrohliche Überwachung gegen Einzelpersonen in Stellung zu bringen. Aus dieser Zeit (und der davor) stammt die liberale Überzeugung, dass man staatliche Sicherheitsmaßnahmen genau unter die Lupe nehmen muss, um zu verhindern, dass wir in einen Polizei- und Überwachungsstaat abrutschen.

Doch diese Perspektive ist längst zu kurz gegriffen, was nicht zuletzt daran liegt, dass die Vermachtung der Gesellschaft nicht mehr ausschließlich auf den Staat beschränkt ist. Je stärker die wirtschaftliche Machtkonzentration wächst, um so stärker wächst auch die Bedrohung durch Überwachung von Privaten.

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Selektive Wahrnehmung

Der Pantoffelpunk beschwert sich, dass einige Zeitungen darüber berichten, dass linksextrem wie auch islamistisch motivierte Straftaten im vergangenen Jahr deutlich zugenommen haben, während die Zahl der rechtsextrem motivierten Verbrechen zurückgegangen ist. Der Grund für seine Ablehnung ist dabei nicht, dass diese Aussage nicht stimmt, sondern er stößt sich offenbar vielmehr daran, dass dabei das Offensichtliche außer Acht gelassen wird: Die absolute Zahl der rechtsextremen Straftaten ist immer noch sechs Mal so hoch wie die der linksextremen und 24mal höher als die der islamistischen. Diese “freie Interpretation”, wie er es nennt, wird dann zum Anlass für eine der üblichen Tiraden zwischen Verschwörungstheorie und Agitprop, die sein Blog für mich unterhaltsam machen.

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