Die Varianz machts

Unterscheiden sich Männer und Frauen oder nicht? Auch dieses Wochenende war diese Frage wieder einmal das Thema von Zeitungsmeldungen, in der eine vergleichende Studie zu den Mathematiktestergebnissen von Mädchen und Jungen bemüht wurde. So titelte etwa die Welt “Mathematik: Auch Mädchen können rechnen” und hob hervor, dass die Ergebnisse der Wissenschaftler das alte Stereotyp von Männern als den besseren Rechnern vollends zu Grabe trage. Belegt wurde diese Aussage mit dem Verweis auf eine nahezu gleich gutes durchschnittliches Abschneiden beider Geschlechter in standardisierten Mathetests. Soweit so gut, doch daraus die Erkenntnis abzuleiten, die Dominanz von Männern in mathematisch-technischen Berufen müsse etwas mit Vorurteilen zu tun haben oder - wie manch Zeitgenosse es auch gern sehen will - mit Diskriminierung, bedeutet die Angelegenheit nicht zu Ende zu denken. Denn womit die Welt-Mitteilung sich nicht weiter aufhält, hat zumindest das Wall Street Journal am Rande seiner Pressemeldung erwähnt: Die Varianz der Testergebnisse von Jungen ist größer als bei Mädchen, dass macht sie gleichzeitig zu den besseren und schlechteren Rechnern. Mit anderen Worten Jungs sind mit einer größeren Wahrscheinlichkeit richtig gut oder richtig schlecht, obwohl sie im Mittel fast genauso gut rechnen wie Mädchen. Da es aber in mathematisch-technischen Berufen nicht so sehr auf durchschnittliche, sondern auf überdurchschnittliche Fähigkeiten ankommt, steigt auch mit dem Anspruchsniveau eines Jobs an die Mathematikkenntnisse, die Wahrscheinlichkeit, dass ein Mann für diese Aufgabe besser geeignet ist als eine Frau.

Blogger William M. Briggs erläutert diesen kleinen aber wichtigen Unterschied sehr anschaulich, womit ich auch meinen üblichen Seitenhieb auf die klassische Presse einleite. Wenn der Spiegel erst kürzlich über die Unprofessionalität der deutschen Blogosphäre klagt, dann fällt dieser Beitrag vielleicht auch einem ähnlichen Trugschluss zum Opfer. Es mag sein, dass der durchschnittliche Blogpost schlechter als die Standardpressemeldung ist und dass es am “linken Rand” der Verteilung sogar extrem schlechte Einträge gibt. Aber die Varianz macht eben den Unterschied. Und die ist, wenn man mich fragt, in der Blogosphäre wesentlich größer als in klassischen Massenmedien.

Update: Was die Studie betrifft, kann man weitere Einsichten beim Reference Frame finden. Luboš Motl, immer eine Spur deutlicher als alle anderen, meint u.a.:

Before those five spice girls [die Autoren der Studie] made their bombshell statements about girls matching boys, they should have made sure that they could match boys (such as Rushton and Nymborg) in mathematics themselves. ;-)

Glücklich wer Chancen auch nutzen kann

Chancengleichheit ist ein erstrebenswertes Ziel, jedoch bringt so mancher nicht die persönlichen und intellektuellen Gaben mit, diese Chancen auch nutzen zu können. Insbesondere im Bildungsbereich werden immer wieder gleiche Bildungschancen für alle gefordert, weil in Bildungsbenachteiligung ein wesentlicher Grund für Einkommensungleichheit und soziales Gefälle gesehen wird. Der Artikel “Opportunities, Aspirations and Life Satisfaction” von Francesco Ferrante hat das Potential Wasser in den Wein der unbedingten Gleichbehandlung aller im Bildungssystem zu schütten:

In this paper I suggest that expanding work and consumption opportunities are a good thing for decision utility but may not be so for experienced utility. To show this, I develop an empirical model where people’s experienced and expected life satisfaction depend on education and environmental opportunities. Building on Easterlin (2001), I argue that people may overrate their future socioeconomic prospects relative to real life chances and I discuss how systematic frustration over unfulfilled expectations is endogenously generated and can adversely affect life satisfaction.

I test the model’s predictions on Italian data and find support for the idea that education and access to stimulating environments may have a perverse impact on life satisfaction.

Wenn da etwas dran sein sollte, könnte man vermuten, dass Menschen, die die ihnen gebotenen Chancen aufgrund unzureichender Intelligenz oder schwacher körperlicher Konstitution nicht ergreifen können, ohne diese potentiellen Handlungsspielräume glücklicher sind bzw. werden. Das wäre dann ein Argument gegen ein egalitäres Bildungssystem, dass unter Inkaufnahme hoher Kosten versucht allen die gleichen Chancen zu bieten.

So kann beispielsweise die Ablehnung von Studiengebühren dazu beitragen, dass junge Menschen ihre individuellen Bildungschancen nur unzureichend mit den sich ihnen bietenden faktischen Optionen abgleichen, das subventionierte Gut Bildung wird übermäßig konsumiert. Ob man dabei den gestellten Anforderungen gerecht wird, ist für die individuelle Bildungsentscheidung angesichts der fehlenden monetären Konsequenzen zunächst irrelevant. Werden dann persönliche Ziele nicht erreicht ist der Katzenjammer groß. Könnte es daher nicht besser sein, dass die finanzielle Hürde Studiengebühr potentiellen Studenten nicht nur die ökonomischen Kosten ihrer Entscheidung präsentiert, sondern auch von Anfang an Grenzen signalisiert, die sie trotz größter Mühe ohnehin nicht überwinden würden? Spräche das nicht für eine Bildungsfinanzierung, die Studenten nicht mit kostenlosen Universitäten, sondern mit geförderten Bildungskrediten unter die Arme greift?

“Light and liberty go together.”

Es ist doch immer wieder schön zu sehen, dass es Leute gibt, die das mit diesem Web2.0-Ding ernst nehmen. Wer ist diesmal schuld? Natürlich wieder die Amis. Die Library of Congress, um genau zu sein. Diese hat 3115 Fotos bei flickr eingestellt - und zwar gemeinfrei:

Dieses Pilotprojekt hat zwei Hauptziele: Zum einen möchten wir Ihnen zeigen, welche verborgenen Schätze in der riesigen Sammlung der Library of Congress schlummern. Zum anderen möchten wir Sie Ihnen zeigen, wie Sie diese Sammlung mit ein oder zwei von Ihnen geschriebenen Tags bereichern können.

Im hauseigenen Blog erklären die Bibliothekare das Projekt noch ausführlicher. Der betreffende Eintrag beginnt so:

If you’re reading this, then chances are you already know about Web 2.0.

(Von dem Projekt gelesen habe ich bei der Kaltmamsell.)

Weitere Links:

Flickr brings tagging to vintage images. By Daniel Terdiman, CNET News

Library of Congress Taps Web 2.0 for User Photo Expertise. By Heather Havenstein, Computerworld / New York Times

ZVS

Die Zentrale Studienvergabestelle (ZVS) soll im Zuge der vom Bundeskabinet beschlossenen “Qualifizierungsinitiative” wie viele obsolet gewordene öffentliche Institutionen zu einer Zentralen Aufgabenveränderungsstelle, ähm “Serviceagentur für mehr Transparenz im Studienangebot” umgewandelt werden. Das verursacht bei Ludger Wößmann vom Münchener ifo-Institut aus gutem Grund Bauchschmerzen:

Eigentlich hätten viele eher erwartet, dass die ZVS abgeschafft wird, denn durch die Studiengebühren und gesonderte Auswahlverfahren liegt mittlerweile ein großer Teil der Bürokratie bei den Unis selbst. Aber die Abschaffung der ZVS wäre wohl utopisch: Im öffentlichen Bereich werden Institutionen eben nicht abgeschafft, sondern bekommen neue Aufgaben.

Junge Frauen sollen zudem mit einem “Freiwilligen Technischen Jahr” weg vom Germanistik-, hin zum Maschinenbaustudium motiviert werden. Statt Oma und Opa trockenzulegen, wird dann die Werkhalle geputzt und die Drehmaschine geschmiert. Das bringt bestimmt den politisch korrekten Run von Frauen in die Ingenieurwissenschaften. Ich würde sagen, man sollte das Ein-Bildungspolitik nennen.

Linksruck

Westerwelle hat ihn diagnostiziert, und ein Artikel in “Foreign Policy” meint zu wissen, warum es ihn gibt: Der Linksruck wurde anerzogen.

Da mir aufgrund der Konsequenzen persönlicher Entscheidungen mangelnder staatlicher Förderung keine empirischen Studien anhand des Lernmaterials eigener Kinder möglich sind, kann ich nur den Verdacht bzw. die Hoffnung äußern, dass die Lehrbuch-Auswahl des Autors eher einseitig als repräsentativ zu nennen ist.

Aber die generelle Einstellung der Bevölkerung, die gibt er wohl ganz zutreffend wieder.

(via Greg Mankiw)

Unterricht ist gelegentlich möglich

35 Jahre lang war Wolfgang Schenk Hauptschullehrer in Berlin: Ein Idealist packt aus. Protokolliert von Ulrich Schulte , die tageszeitung.

Alles nicht neu, aber solche Artikel können gar nicht oft genug erscheinen. Meinetwegen täglich.

Erschüttert hat mich nur, dass Politik und Verwaltung erst durch Pisa gemerkt haben, was an deutschen Schulen eigentlich los ist. Die Lösungen, mit denen die Bürokratie inzwischen reagiert hat, erinnern mich an die DDR-Planwirtschaft: Zentralabitur und Prüfungen wie der mittlere Schulabschluss sollen Schüler vergleichbar machen und zugleich das Niveau aller heben. Welch absurde Vorstellung!

Die Verwaltung bürdet den Kollegien damit Lasten auf, die wenig pädagogischen Nutzen haben. Für den mittleren Schulabschluss bereiten wir die Kinder vor, stellen Prüfungskommissionen zusammen und bewerten tagelang. Diese Zeit fehlt dann für pädagogische Arbeit. Oder: Wir legen detaillierte Förderpläne für die Eltern auffälliger Schüler an, obwohl wir genau wissen, dass der Alkoholikervater den Zettel ungelesen in die Tonne wirft. Alles nur, damit Politik und Verwaltung sagen können: Seht her, wir handeln! Ein trauriges und verantwortungsloses Spiel.

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Schmiergeld macht glücklich

Schmiergeld bei Pisa - Schüler bekamen 50 Dollar

(…) Die Wissenschaftler des Pisa-Konsortiums, das für den Ablauf der Tests in Deutschland verantwortlich ist, zeigten sich entsetzt. (…)

(…) “Denkbar ist, dass eine Verschiebung von der durchschnittlichen Leistung zur Bestleistung erfolgt”, heißt es in dem Papier mit dem Titel “Bewertende Stellungnahme zu den Maßnahmen zur Steigerung der Rücklaufquoten”. (…)

Im Duden ist Schmiergeld folgendermaßen definiert:

Schmier|geld, das (ugs. abwertend): Bestechungsgeld: -er [be]zahlen, nehmen.

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Nobelpreise

Unsere Universitäten sind entsetzlich schlecht. Das ganze System stimmt nicht. Wir müssen dringend etwas tun. Seht nur, die anderen sind es, die ständig die Nobelpreise abräumen…

Das wurde uns in den letzten Jahren ständig gepredigt. Und ich habe es wahrgenommen, manchmal sogar weitergetragen, auf jeden Fall geglaubt. Und an unserem System herumgemäkelt, mit wirklichen, zahlenmäßigen Belegen. Das war ein Fehler, wie ich heute verstehe. Denn natürlich sagen die Nobelpreise der letzten zehn Jahre nichts über unser Bildungs- und Universitätssystem der letzten 30 Jahre aus.

Auch die beiden Nobelpreise, die in den letzten Tagen zwei Deutsche erhalten haben, sagen natürlich nichts über unser jetziges System aus. Sondern nur über das, das vor 15-20 Jahren hier geherrscht hat. Aber ich bin jetzt skeptischer, wenn jemand Nobelpreise als Argument anführen will, wenn er über unser aktuelles universitäres System spricht. Versprochen.

Zentralabitur^2

Etwas Panik habe ich ja beim Lesen dieses Artikels von FAZ.NET doch bekommen.

MP Oettinger und andere Unionspolitiker wollen ein bundesweites Zentralabitur. Weiter heisst es (in der RSS-Zusammenfassung):

Der Lehrerverband ist aber skeptisch und bezweifelt, dass das Vorhaben schnell umgesetzt werden kann.

Ich will auch nicht, dass es langsam umgesetzt wird. Nicht noch mehr Schulzentralismus.

Die Autorin des Kommentars “Zweifel am Zentralabitur” hat Recht, wenn sie schreibt:

Denn es müsste zunächst vergleichbare Lehrpläne für die drei letzten Gymnasialklassen geben, dann einheitliche Bildungsstandards und erst im letzten Schritt zentrale Prüfungen mit einem festen Erwartungshorizont und entsprechender Notengebung. Landesspezifische Eigenheiten in Lehrplänen und Prüfungsordnungen wären dann ausgeschlossen.

Auch eine Schulautonomie, die mehr ist als Fasade sein soll, ist zusammen mit Zentrabitur (auf Landes- oder Bundesebene) eine Illusion. Schulspezifische Schwerpunktsetzungen und ähnliches wären ebenfalls ausgeschlossen, den für ein Zentralabitur sind äußerst detailierte und absolut verbindliche Lehrpläne notwendig.

Alles eure Schuld!

Es gibt doch diese Geschichte, wo ein Kind in klirrender Kälte, dem seine Mutter vergessen hat, Handschuhe anzuziehen, sich trotzig denkt: “Daran ist sie selbst schuld, wenn mir jetzt die Hände abfrieren.”

Daran musste ich denken, als ich heute dieses las:

Dass die Unternehmen über einen Mangel an Fachkräften klagen, bezeichnete Buntenbach als „unerträglich“. Wenn es tatsächlich einen Fachkräftemangel gäbe, hätten die Firmen ihn selbst verschuldet, weil sie zu wenig in Aus- und Weiterbildung investiert hätten. „Aus dieser Verpflichtung dürfen wir Wirtschaft und Politik angesichts von immer noch 3,7 Millionen Arbeitslosen und gut 200.000 unversorgter Altbewerber um eine Lehrstelle nicht entlassen“, sagte sie.

Ich bin geneigt, der guten Frau in der Analyse teilweise zuzustimmen. Zu viele Unternehmen haben in ihrem Drang, Kosten zu senken, Bildung und Ausbildung als besonders geeignete Sparmaßnahme entdeckt. Denn man kann nach guter Trittbrettfahrermanier gewinnen, wenn man selbst nicht ausbildet, sondern sich die von anderen Ausgebildeten gegen ein geringes Plus einkauft. Bildung, und das spräche zumindest tendenziell für staatliches Engagement, entpuppt sich hier als “öffentliches Gut”. Mein Lieblingsklub muss das gerade schmerzlich erfahren: Seine im eigenen Internat halb-groß gewordenen Jungprofis werden in Scharen von anderen Vereinen abgeworben. Fairerweise muss man da allerdings sagen: Nicht immer zum Schaden des Vereins… (mehr…)

Bildungsgrenzen

Kaum diskutiert man über Bildung, beschwört man die alten Geister herauf: Hier die Befürworter des dreigliedrigen Schulsystems, dort deren Gegner.

Wobei die Gegner meist nicht auf etwa ein zweigliedriges System abzielen, sondern auf eins mit nur einer Schulform. Das dreigliedrige System hat tatsächlich den Mangel, sozusagen zwischen den Fronten zu stehen. Denn das beste aller Schulsysteme sähe so aus: Jeder Schüler bekommt einen Privatlehrer an die Seite gestellt, der die Begabungen dieses Schülers bestmöglich fördert und seine Schwächen bestmöglich kompensiert. Der Übergang auf weiterführende (Hoch-)Schulen wäre dann durch Tests geregelt, die diese Schulen selbst definieren. Das wäre die perfekte Chancengerechtigkeit. Noch perfekter, sie beim Kindergarten beginnen zu lassen, der dann natürlich Pflicht wäre (ach, wie sich die Forderungen von Experten der pöhsen, neo-neo-neoliberalen Bertelsmann-Stiftung und hundsgewöhnlichen Linken doch gleichen können…).

Dem gegenüber stehen zwei Extreme. (mehr…)

Gründe für einen Verzicht auf ein Studium

Auf die Sozialerhebung des Studentenwerkes hat stefanolix schon vergangende Woche hingewiesen.
Ein Schwerpunkt des Berichtes bildet die “Studierquote”. Diese gibt, nach dem sozialen Status des Vaters differenziert, an wieviel Prozent der Kinder einer sozialen Gruppe studieren gehen. Nach den Zahlen dort kann man annehmen, dass die Kinder, bei denen die Väter einen akademischen Abschluss haben, mit höherer Wahrscheinlichkeit studieren.

Bezüglich der Gründe für diesen Unterschied verweist die Sozialerhebung nur auf die Publikation “Studienberechtigte 2004 - Übergang in Studium, Ausbildung, Beruf” des HIS. Aber die von stefanolix zitierte Zusammenfassung suggeriert zum Beispiel durch die Verwendung des Begriffes “Bildungschancen” schon, dass das Hochschulsystem diskriminiert wäre. Die Stellungnahme des Präsidenten des Deutschen Studentenwerkes Dobischat ist da doch deutlicher:

Ob ein Kind ein Hochschulstudium aufnimmt, ist nicht alleine eine Frage der indiviudllen Begabung. Es ist zuallererst eine Frage des Bildungstatus der Eltern. Ganz entscheidend ist der Hochschulabschluss der Eltern.

(Hervorhebung von mir)

In den Kommentaren zu dem Artikel wurde schon sehr aktiv diskutiert, ob die Ursachen für die “soziale Auslese” nicht auch andere Gründe hat. Gründe, die nicht in dem Hochschulsystem und verminderten Bildungschancen begründet sind, z.B. andere Ziele und Werte, die im Elternhaus vermittelt werden.

Es ist also Zeit für ein paar Statistiken über die Gründe für einen Verzicht auf ein Studium. Die Daten sind dem HIS-Bericht entnommen. (mehr…)

Steuergeld, Gebühren, Spenden

Weil es gut zu der von stefanolix angestoßenen Diskussion zum Hochschulwesen passt, verweise ich auf einen aktuellen Artikel in einem meiner Lieblings-Blogs - “USA Erklärt”. Es geht um das amerikanische Hochschulwesen und dessen Finanzierung, die natürlich Auswirkungen auf die soziale Mischung der Studentenschaft haben dürfte.

Studentenstatistik

In der Geschichte der DDR gab es einen Zeitabschnitt, in dem man den Kindern von Akademikern die Aufnahme eines Studiums erschweren wollte. Arbeiter- und Bauernkinder sollten damals möglichst in großer Zahl studieren. Die Kinder von Professoren, Ingenieuren oder Ärzten sollten sich dagegen erst in der Produktion »bewähren«. Den Pfarrers- und Dissidentenkindern wollte man die Aufnahme eines Studiums möglichst schwer machen.

Die Kinder der Professoren, Ingenieure und Ärzte wollten natürlich trotzdem gern studieren. Das führte zu absurden Zuständen: der Sohn eines Bauingenieurs betonte in seiner Bewerbung, dass der Vater am staatlich gelenkten Wohnungsbauprogramm mitarbeitete und die Tochter einer Ärztin schrieb, dass ihre Mutter vorher als Krankenschwester gearbeitet hatte. Damit konnten die Schulen nämlich den Anteil der nicht akademisch gebildeten Eltern erhöhen und dem Schein war Genüge getan.

Aus ideologischen Gründen musste ein absurdes Theater aufgeführt werden, damit dem Staatsapparat passende Zahlen geliefert werden konnten. Natürlich haben die meisten Akademikerkinder irgendwann doch studiert. Eine ostdeutsche Pfarrerstochter ist zuerst Physikerin und dann Bundeskanzlerin geworden. Aber im Rückblick erinnert man sich an staatlich verordnete Heuchelei und an die nutzlos verschwendete Zeit.

Die Kinder der Parteibonzen zählten selbstverständlich zur Arbeiterklasse, auch wenn beide Eltern mit einem Hochschulabschluss in Marxismus-Leninismus ausgestattet waren und noch nie ein Werkzeug angefasst hatten. Ja, auch in der DDR konnte man virtuos mit Statistiken umgehen …

Nach der Wende durfte man zunächst hoffen, dass dieser Zustand nicht länger andauern würde. Wer die Hochschulreife erreicht hatte, sollte sich nach Fähigkeit und Neigung für ein Studium entscheiden können. Heute bin ich nicht mehr so sicher, ob das immer so bleiben wird. Vielleicht muss mein jüngerer Sohn eines Tages angeben, dass sein Vater vor dem Studium eine Lehre auf dem Bau absolviert hat. Denn das Interesse an der Herkunft der Studenten ist so groß wie nie. Der Sozialbericht zur Lage der Studierenden ist mehr als 500 Seiten lang und einige Politiker leiten daraus die Schlussfolgerung ab, dass zu viele Akademikerkinder studieren.

Warum befasst sich eigentlich niemand mit den wirklich spannenden Fragen? Warum kam noch keine Studie an die Öffentlichkeit, in der Wissenschaftler bekannt geben, dass viele Kinder von Handwerksmeistern überraschend hohe handwerkliche Fähigkeiten an den Tag legen? Man könnte sogar nachweisen, dass diese Kinder in vielen Fällen selbst erfolgreiche Handwerker werden.

Als Leser einer solchen Studie würden wir wohl mit den Schultern zucken. Natürlich geben Handwerker ihre Werte und ihre Fähigkeiten an die Kinder weiter. Natürlich helfen sie ihren Kindern beim Lernen, beim Arbeiten und beim Sammeln von Erfahrungen. Was sollten sie denn sonst tun? Das Handwerk hat schließlich trotz Kammerzwang und übermäßiger staatlicher Regelungswut immer noch einen goldenen Boden.

Eine Statistik über die Häufigkeit der Entwicklung »reinblütiger« Akademikerkinder zu jungen Akademikern sagt uns also streng genommen auch nichts Neues. Warum werden diese Statistiken dann so gern veröffentlicht und warum wird so oft daraus zitiert? Sind die Zahlen wirklich so besorgniserregend und kann man daraus die Notwendigkeit politischen Handelns ableiten? In der DDR-Zeit habe ich gelernt, dass der Begriff »Akademikerkind« offensichtlich eine Definitionsfrage ist: entweder man erfasst den erlernten Beruf oder man erfasst den höchsten Abschluss.

Wenn ich so einen Bericht in die Hand bekäme, würde ich zuerst einmal nachsehen, wer eigentlich als Akademikerkind gilt. In Deutschland gibt es reiche Akademiker, arme Akademiker, reiche Nicht-Akademiker und arme Nicht-Akademiker. Aber es gibt auch Partnerschaften zwischen einem Professor und einer Krankenschwester oder einer Ärztin und einem Buchhalter. Werden deren Kinder zu den Akademikerkindern gezählt? Geht es nach der Mutter oder nach dem Vater? Oder setzt sich Akademikerblut immer durch?

Praktischerweise kann der komplette Bericht als PDF-Datei heruntergeladen werden. Bildet Euch eine Meinung über die Zahlen. Und dann entscheidet selbst, ob die Verdichtung der Ergebnisse auf vier Zahlen noch zur Statistik oder schon zur Unpolitik gehört:

In Deutschland entscheidet die soziale Herkunft ganz maßgeblich über den Bildungsweg; bei der Verteilung von Bildungschancen gibt es eine soziale Polarisierung. 83 von 100 Akademiker-Kindern studierenden, aber nur 23 von 100 Kindern aus Familien ohne akademische Tradition. Die neue Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks (DSW) bestätigt: Das deutsche Hochschulsystem ist sozial selektiv. DSW-Präsident Prof. Dr. Rolf Dobischat fordert: soziale Öffnung der Hochschulen, mehr BAföG, mehr Unterstützung für die Studentenwerke.

Das Zitat stammt von der Hauptseite der Studentenwerke und steht unter dem Titel Ungleiche Bildungschancen: Neue Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks . Eine direkte Verknüpfung habe ich nicht gefunden und im eigentlichen Artikel fehlt dieser Abschnitt.

Statistische Daten: 18. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks (PDF, 500 Seiten, ca. 3 MByte).

Mythos “Generation Praktikum”

Die Hochschul-Informations-System GmbH in Hannover (alte Erinnerungen werden wach…) hat mehr als 10.000 Hochschul-Absolventen des Jahrgangs 2005 über ihre nachfolgenden Praktika befragt. Ergebnis: ein Randphänomen. Warum also geistert das Thema immer wieder durch die Gazetten?

Es gibt dafür mindestens zwei Erklärungen. Die eine liefert “Arbeitgeberpräsident” Hundt:

Es dränge sich der Verdacht auf, dass die Panikmache nur als Vorwand für unnötige neue Regulierungen, die offenbar auch im Bundesarbeitsministerium erwogen wurden, genutzt wird.

Das betrifft vielleicht das Echo, aber doch nicht so sehr den Ruf selbst. Der liegt wahrscheinlich an einer Art “Nabelschauphänomen”: Was für Absolventen von Studiengängen, die eine hohe Affinität zum Journalismus besitzen, in größerem Ausmaß zutrifft, hat einfach mehr Publizität, auch wenn das zu Fehlschlüssen führt:

Bei Sprach- und Kulturwissenschaftlern ist es [hat mindestens ein Praktikum absolviert] sogar jeder vierte Absolvent.

Experimente

Kommt noch irgend jemandem diese Meldung irgendwie bekannt vor? Wenn es ein “Experiment” war, dann kann man konstatieren, dass die Ergebnisse des ersten Experiments offenbar reproduzierbar sind. Als Bildungsmaßnahme halte ich die Sache aber für ungeeignet - mal ganz abgesehen von der Verharmlosung dessen, was dort beobachtet wird, wäre es ja auch möglich, dass diejenigen, die am neuen Experiment beteiligt waren, innerhalb der drei Wochen mal irgendwann das Buch gelesen haben, das aus dem ersten Experiment entstand…

In Deutschland dauert sowas allerdings nur fünf Minuten und löst dann trotzdem große Aufregung aus.

Der kleine Unterschied

… zwischen grüner und liberaler Politik:

Wenn Grüne etwas als richtig erkannt zu haben meinen, wollen sie es mit Staatsmacht und fremder Leute Geld durchsetzen.

Liberale wollen die Entscheidung lieber denen überlassen, die mit ihr leben müssen. (Mal abgesehen davon, dass auch hier fremdes Geld ausgegeben werden soll und ich mir keine Gutscheine wünsche, so lange man mir einen Großteil meines Einkommens wegnimmt, den ich statt Gutschein für Krippenangebote nutzen könnte.)

Kinderbetreuung - wer bezahlt?

Staatlich finanzierte Krippenplätze? Meine Frau (und meine Tochter) würde jubeln, wenn es überhaupt Krippenplätze gäbe.

Ich bevorzuge folgende Lösung:
Für jedes Kind gibt es eine Steuerbefreiung in Höhe der durchschnittlichen kindlichen Lebenshaltungskosten, vielleicht steigend mit dem Alter und bis zum 18. Lebensjahr.

Das würde den Familien viel - selbstverdientes! - Geld verschaffen, mit dem private Krippen- und Kindergartenplätze bezahlbar wären.

Bleibt das Problem der wenig verdienenden Familien, denen eine Steuerfreistellung nicht zwingend genug Geld verschaffte, um zum Beispiel einen Krippen- oder Kindergartenplatz zu finanzieren. Hier, und nur hier, wäre über einen aus Steuergeld finanzierten Fond nachzudenken, aus dem diese Familien Gutscheine für Krippen und Kindergärten erhielten.

PS: Übrigens könnte sich diese Lösung auch gut in eine Privatisierung der Schulbildung fügen.

Odysseus und die Unicef

Man fragt sich als freiwilliger und unfreiwilliger Spender ja oft so, wo das Geld eigentlich bleibt. Das Uno-Kinderhilfswerk hat jetzt dankenswerterweise wieder einen Nachweis seines sinnreichen Schaffens vorgelegt: Eine Studie “zur Situation der Kinder in Industriestaaten”.

Dieser Bericht ist ein sehr nützliches Dokument. Man kann aus ihm sehr viel lernen. Auch übrigens, wie mit Daten Politik gemacht wird. (mehr…)

Geschlechtergetrennter Unterricht in NRW?

Die CDU-Fraktion in NRW denkt nach einem Bericht auf koeln.de darüber nach zu geschlechtergetrennten Unterricht zurückzukehren.
Dort heisst es:

Die CDU-Landtagsfraktion will den gemeinsamen Unterricht von Jungen und Mädchen an den nordrhein-westfälischen Schulen auf den Prüfstand stellen. Es gebe unter den Abgeordneten den Wunsch, über getrennten Unterricht beispielsweise bei naturwissenschaftlichen Fächern nachzudenken, sagte Fraktionschef Helmut Stahl am Freitag in Düsseldorf bei einem Ausblick auf die Themen des neuen Jahres. [...]

Auftakt der Debatte über dem gemeinsamen Unterricht, die so genannte Koedukation, soll ein Werkstattgespräch der Fraktion im ersten Halbjahr sein, zu dem auch Experten eingeladen werden. Er selbst würde eine Trennung nach Geschlechtern befürworten, wenn feststehe, dass dies beiden Seiten nütze, betonte Stahl. Ziel müsse sein, Jungen und Mädchen gerecht zu werden und am besten zu fördern.

(mehr…)

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